Ingeborg Bachmann - Jemand, der einmal ich war
© Herbert List/Magnum Photos/OSTKREUZ Archiv / Elliott Kreyenberg / Johann Marte

Regina Schilling [Interview]

Elliott Kreyenberg

Regina Schilling hat sich als Dokumentarfilmerin schon mit einigen Künstlerpersönlichkeiten beschäftigt, unter anderem mit dem Pianisten Igor Levit und den Schauspieler*innen Josef Bierbichler und Adriana Altaras. Ihre neueste Kino-Dokumentation widmet sich der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, einer der bedeutendsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts. Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war ist kein klassisches Porträt, sondern nähert sich der Schriftstellerin in einer ganz eigenen, hybriden Form, an der auch Schauspielstar Sandra Hüller mitwirkte, die in Spielszenen als Ingeborg Bachmann zu sehen ist. Regina Schilling und Sandra Hüller nennen die Herangehensweise „unsere Geisterbeschwörung, unsere Séance“. Zum Kinostart am 25. Juni 2026 sprachen wir mit Regina Schilling über den Unterschied von weiblichen und männlichen Stimmen in der Literatur, über die Zusammenarbeit mit Sandra Hüller und die Gegenwärtigkeit von Bachmanns Texten.

Sie beschäftigen sich intensiv mit Literatur und sind eine leidenschaftliche Leserin. Wann haben Sie zum ersten Mal Ingeborg Bachmann entdeckt und was hat Sie am meisten an ihr fasziniert?

Mit 17, 18 Jahren hatte ich schon einen großen Teil des männlichen literarischen Kanons durch. Da ist sie mir dazwischen geraten und ich spürte sofort, dass ihre Stimme etwas anderes ist als das, was ich kannte. Es gibt viele komplexe Frauenfiguren, die von männlichen Autoren erschaffen wurden, sei es Madame Bovary oder Anna Karenina. Aber bei „Malina“ von Ingeborg Bachmann ist die Frauenfigur so abgründig, komplex und widersprüchlich gezeichnet, dass sie mich sehr fasziniert hat. Ich merkte zum ersten Mal, dass es ein Unterschied ist, wenn eine Frau schreibt. Sie war die Initialzündung, dass ich mehr Schriftstellerinnen gelesen habe, zum Beispiel Virginia Woolf und viele andere.

Wie entstand der Impuls, einen Film über Ingeborg Bachmann zu machen? War vor allem der 100. Geburtstag der Anlass oder gab es andere Motivationen?

Das war durchaus der 100. Geburtstag. Ich bekam eine Anfrage von einer Redakteurin, mit der ich schon lange zusammenarbeite und die von meiner Bachmann-Leidenschaft weiß. Mir kam dann schnell die Idee mit Sandra Hüller, weil ich sie über das Literaturfestival „lit.COLOGNE“ kenne und wir öfter über Bachmann gesprochen hatten und sie die auch gerne mal gespielt hätte.

Sie haben zur Vorbereitung unter anderem alle Texte von Bachmann gelesen, auch die Briefe und die Tagebücher. Daraus haben Sie eine Text-Montage erstellt. Wie muss man sich diesen Prozess vorstellen? Es passen ja nur ganz wenige Textstellen in 98 Minuten.

Ich musste nicht von Null anfangen, sondern hatte über die Jahre sämtliche Veröffentlichungen über sie gelesen. Beim erneuten Lesen ihrer Texte sowie der Sekundärliteratur habe ich mich auf bestimmte Schwerpunkte fokussiert. Alle meine Bachmann-Bücher sind voll mit gelben Klebezettelchen. Es ging um bestimmte Cluster wie Angst, Krankheit, Gender, Männer/Frauen oder NS-Zeit. Wenn man dann am Textbuch arbeitet, hat man das alles im Hinterkopf und erinnert sich. Natürlich hatte ich auch eine Wand mit Karteikarten. Letztlich war die Hauptarbeit die Verdichtung und die Frage: Was kann man weglassen?

Man kann Ihren Film als Mischung aus Doku und Fiktion beschreiben, aber als Doku ist er kein klassisches Porträt und als Spielfilm ist er kein Biopic. Warum haben Sie die klassischen Genres nicht interessiert und in welche neuen Räume wollten Sie vorstoßen?

Im Kern ist es für mich ein dokumentarischer Film, weil ich ja auch offenlege, wie ich mit Sandra Hüller gearbeitet habe, wie sie zum Beispiel in der Maske sitzt oder eine Szene wiederholt. Durch den Anteil an Spielszenen bekommt der Film eine hybride Form. Nachdem Sandra Hüller zugesagt hatte, hat das mein Schreiben ungeheuer beflügelt. Erst dann habe mit einer Art Drehbuch angefangen. Hüller ist eine sehr gegenwärtige Frau, mit ihr kann ich die Gegenwart erzählen. Wir schauen aus dem Heute auf die Texte von Bachmann. Dadurch hat Hüller eine Art Doppelfunktion. Auf der einen Seite ist sie eine Art Ingeborg Bachmann, auf der anderen Seite bleibt sie sie selbst und hört der Schriftstellerin von heute aus zu. Man kann auch sagen, sie ist in diesen Momenten eine heutige Ingeborg Bachmann. Tatsächlich hörte Sandra im wörtlichen Sinne zu. Sie hatte einen Knopf im Ohr, über den ihr die Bachmann-Texte eingespielt wurden, die sie zuvor eingesprochen hatte.

Welche Funktion verbinden Sie mit dieser Doppelung von damals und heute?

Ich wünsche mir, dass in den Spielszenen etwas flirrt und die Gegenwart mit hineinspielt. Es war mein größtes Ziel, dass wir merken, wie aktuell die Texte von Bachmann sind. Und dass sie wahrscheinlich ihrer Zeit zu sehr voraus war, um in ihrer Radikalität verstanden zu werden. Das spiegelt sich zum Beispiel in diesen brutalen, vernichtenden Verrissen der damals fast ausschließlich männlichen Literaturkritiker.

Der Film ist aber auch kein reiner Essay oder Experimentalfilm, sondern er übernimmt vom dokumentarischen Porträt die Aufgabe, das Publikum mit den wichtigsten Stationen und den prägenden Einflüssen im Leben von Ingeborg Bachmann bekannt zu machen. Diese Informationen muss man auswählen und filtern. Wie sind sie dabei vorgegangen? Was war Ihnen wichtig und was nicht?

Mir war natürlich immer bewusst, dass ich ihre ausführliche Biografie nicht in einem Film unterbringe. Ich habe mich damit getröstet, dass es ja Biografien gibt, ganz aktuell etwa die von Andrea Stoll. Sie ist extrem ausführlich, da kann man sich sämtliches Hintergrundwissen anlesen, wenn man den Film gesehen hat und mehr erfahren möchte. Mein Leitsatz bei der Auswahl war das, was auch Ingeborg Bachmann in einem Interview über „Malina“ formuliert, als sie gefragt wird, ob das ein autobiografischer Roman sei. Sie sagt, es handele sich mehr um einen geistigen Prozess. Auch ich erzähle eine geistige Entwicklung, die sich auch im Archivmaterial spiegelt. Bachmann startet als angepasste mädchenhafte Frau im männlichen Literaturprozess, aber später sagt sie lächelnd einem Journalisten ins Gesicht: „Die Männer sind alle krank“. Es interessiere sie gar nicht, was die über sie dachten. Ganz wichtig war mir jedoch, die Entwicklung nicht auf eine glatte Weise zu erzählen. Deshalb lasse ich sie im Archivmaterial lange sprechen, mit all den Pausen, die sie macht. Ich wünsche mir, dass die Zuschauer*innen in diesen Momenten die Komplexität und Kompliziertheit dieses Menschen spüren.

Der Film definiert Ingeborg Bachmann ja auch nicht, er presst sie in keinerlei Schema.

Letztlich weiß ich überhaupt nicht, wer diese Person gewesen ist. Ich kann mich ihr annähern, so wie sich Sandra Hüller in den Spielszenen ihr annähert. „Spiel“ muss man dabei in Anführungszeichen setzen, weil Sandra immer gesagt hat, sie möchte sie nicht wirklich spielen. Auch von mir ist der Film eine sehr subjektive Annäherung, im Sinne von: So stelle ich mir vor, wie sie mit dem umgegangen ist, was sie erlebt hat. Einer der wichtigsten Gedanken, die ich im Film zeigen möchte, war für mich: Da ist eine Frau, die sehr früh eine kreative Kraft in sich spürt. Sie möchte schreiben und die Kunst aus sich herauslassen. Aber sie kämpft mit einem Trauma, heute würde man sagen, mit einer posttraumatischen Belastungsstörung. Trotz dieser Schwierigkeiten schafft sie es, um ihr Werk zu kämpfen. Das hat mich in der neuen Beschäftigung mit ihr sehr fasziniert. Sie gewinnt den Kampf immer wieder. Sie hört nicht auf zu schreiben.

Sie haben schon ausführlich über Sandra Hüller gesprochen. Trotzdem die Frage: Wie ist es Ihnen gelungen, sie für diesen Film zu gewinnen? Sie ist ja im Moment sehr beschäftigt und überaus präsent, quasi in allen Formaten und auf allen Kanälen.

Durch das Literaturfestival „lit.COLOGNE“ kenne ich sie schon seit 15 Jahren. Daraus hat sich ein Vertrauensverhältnis entwickelt und wir haben öfter über Bachmann gesprochen. Für mich war klar, dass ich nur sie für die Spielszenen ansprechen möchte. Ich wollte nicht per se einen Film machen, in dem eine Schauspielerin Ingeborg Bachmann darstellt. Wenn Sandra nicht gekonnt hätte, hätte ich sicher eine andere Form für den Film gefunden. Die jetzige Form ist ganz stark mit ihr verbunden, weil ich in Sandra immer eine Ähnlichkeit mit Bachmann gesehen habe. Obwohl ich keine Spielfilmregisseurin bin, hat Sandra mir vertraut. Ich glaube, gerade das fand sie interessant.

Welchen Beitrag hat die Schauspielerin zum Film geleistet?

Einen sehr großen in den acht Drehtagen, die wir hatten. Von ihr kam die Idee, dass sie so gut wie nicht spricht und dass sie den Texten von Bachmann zuhören möchte. Insofern hat sie einen sehr entscheidenden Beitrag zur Form des Films geleistet. Anfangs konnte ich mir das noch anders vorstellen, etwa dass sie ab und zu auch mal einen Brief vorliest. Froh bin ich auch über die Musik des Films, die von der Komponistin Anja Plaschg alias Soap&Skin stammt. Sie hat ebenfalls einen Bezug zu Bachmann. In Ruth Beckermanns Dokumentarfilm „Die Geträumten“ über den Briefwechsel zwischen Bachmann und Paul Celan lieh sie der Schriftstellerin ihre Stimme. Anja Plaschg hat mit ihrer Musik etwas ganz Eigenes zum Film beigetragen. So ist ein schöner Dreiklang aus Bachmann, Hüller, Plaschg entstanden. Alle drei sind intensiv, radikal und sehr mutig in ihrer Arbeit.

Sie und Sandra Hüller erfinden einen Tag in Rom, schon gegen Ende von Bachmanns Leben, als sie von Alkohol und Tabletten abhängig war. Aber sie zeigen nicht nur eine von Panikattacken geplagte Frau, sondern eine neugierige und aktive Schriftstellerin, die Lust am Schreiben und Leben hat. Wie haben Sie sich gemeinsam diesen Tagesablauf und diese „Figur“ erarbeitet?

Den Tag als solchen hatte ich schon auf dem Papier beschrieben. Er enthält bis auf wenige Ausnahmen biografisch hinterlegte Situationen. So hat Bachmann gerne etruskische Grabstätten in der Nähe von Rom besucht und darüber auch geschrieben. Ich weiß durch Briefe und Aufzeichnungen, dass sie in Rom viel spazieren ging und oft im Meer von Ostia schwamm. Das gehörte teilweise auch zu einer Therapie des Sich-heraus-Trainierens aus der Krankheit. Im Laufe der Dreharbeiten ergab es sich, dass wir sie umso leichter und heiterer darstellen wollten, je mehr es dem Ende zuging. Bachmann ist kein Opfer, das hat sie immer wieder gesagt. Es gibt ja auch im Film das Zitat, dass sie nie resigniert habe. Die Suchtkrankheit wurde einfach immer stärker, sonst hätte sie vielleicht noch ein großes Werk erschaffen. Es gibt Hinweise darauf, dass sie sich im „Todesarten“-Projekt mit Marcel Proust und seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“ gemessen hat. Übrigens war sie auch gerne allein. Einsamkeit mit sich und mit dem, was man schaffen möchte, waren für sie nichts Bemitleidenswertes.

Dank Sandra Hüllers Frisur und Kostümen und dank der weitgehend originalgetreuen Wohnung kann man sich vorstellen, dass der Tag in Rom so gewesen sein könnte. Es gibt also auch ein Element von Biopic, das trotz aller Vorbehalte den Film prägt. Wie weit wollten Sie dabei gehen und wo ziehen Sie eine Grenze?

So streng habe ich gar nicht gedacht. Der Ablauf des Tages ergab sich organisch, ohne dass ich viel darüber reflektierte oder dass ich an bestimmten Entscheidungen zweifelte. Sowohl beim Schreiben wie beim Drehen hat sich etwas in Bewegung gesetzt und dann verselbständigt. Wir hatten das Gefühl, wir haben das Glück auf unserer Seite – und Ingeborg ist einverstanden (lacht). Grundsätzlich habe ich nichts gegen Biopics. Ich weiß nur, dass ich sie nicht machen möchte.

Ingeborg Bachmann war eine Frau, die in der damals männlich dominierten Literaturwelt Anerkennung suchte. Wie viel ist von Bachmanns Konflikten als Künstlerin in Ihren Augen nach wie vor aktuell?

Auf der einen Seite erlebe ich keine derart unverhohlene Frauenfeindlichkeit mehr, wie sie Ingeborg Bachmann entgegenschlug. Die Voraussetzungen für Frauen, Kunst zu schaffen, haben sich sehr verbessert. Dennoch herrscht noch nicht dieselbe Selbstverständlichkeit vor, mit der junge Mädchen und Frauen von sich sagen: Ich bin eine Künstlerin. Das wird wohl noch ein paar Generationen dauern, bis sie das mit demselben Ego sagen können, wie das junge Männer tun. Sehr bedrückend hingegen sind Themen wie Femizid und Gewalt gegen Frauen. Da hat sich überhaupt nichts geändert. Ebenso wenig wie beim Thema Krieg und Frieden. Schlimm ist auch, dass der Typus von Männern wie Putin und Trump auf eine Weise zurückgekehrt ist, wie man sich das noch vor zehn Jahren überhaupt nicht vorstellen konnte. Auf diesen Typus passt Bachmanns Satz „Die Männer sind alle krank“ wie die Faust aufs Auge. Alle diese ihre Themen sind sehr aktuell.

Ihr Film gibt keine Deutungen vor, sondern lädt zu eigenen Interpretationen des Publikums ein. Gibt es trotzdem einen Wunsch Ihrerseits, wie der Film wirken möge?

Ich wünsche mir, dass die Menschen wieder Ingeborg Bachmann lesen. Der Film möchte dazu beitragen, dass ihre Texte die Aura der „schwierigen“ Literatur hinter sich lassen. Wenn man die Gedichte, die Auszüge aus Erzählungen und Briefen hört, merkt man, dass sie eigentlich sehr zugänglich sind. Ich wünsche mir auch, dass man vor allem ihre Prosa wieder liest, also ihre Erzählungen und den Roman „Malina“. Selbst nach ihrem Tod stand sie vor allem als Lyrikerin auf dem Podest, auch in der Literaturgeschichte.

Letzte Frage: Arbeiten Sie schon an Ihrem nächsten Film? Können Sie etwas darüber verraten?

Ich beschäftige mich mit zwei verschiedenen Themen, aber ich möchte noch nicht darüber sprechen.

Zur Person
Regina Schilling wurde 1962 in Köln geboren. Nach dem Studium der Literaturwissenschaften und Pädagogik war sie zunächst als Pressereferentin in einem Buchverlag tätig, seit 1997 arbeitet sie freiberuflich. Neben ihrer Arbeit als Dokumentarfilmerin war sie lange Jahre mitverantwortlich für das Programm des Literaturfestivals „lit.COLOGNE“. Zu ihren vielfach ausgezeichneten Filmen zählen Bierbichler (2007), Geschlossene Gesellschaft (2011, Co-Regie Luzia Schmid, ausgezeichnet mit dem Grimme-Preis) und Titos Brille (2014 „International Documentary Award“ in Mailand und „Best History Documentary“ von Aegean Docs). Für ihren vielbeachteten Film „Kulenkampffs Schuhe“ (2018) wurde Regina Schilling unter anderem mit dem Grimme-Preis, dem 3sat-Dokumentarfilmpreis und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. 2022 kam ihr Künstlerportrait Igor Levit. No Fear in die deutschen Kinos. 2023 folgte der ZDF-Dokumentarfilm Diese Sendung ist kein Spiel – die unheimliche Welt des Eduard Zimmermann („DAfFNE“ Filmpreis) über den Moderator und Erfinder von „Aktenzeichen XY“.



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