Erzählungen eines Kinogehers – Werner Dütsch
© Büchner Filmproduktion

Erzählungen eines Kinogehers – Werner Dütsch

Erzählungen eines Kinogehers – Werner Dütsch
„Erzählungen eines Kinogehers – Werner Dütsch“ // Deutschland-Start: 18. Juni 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Christiane Büchners Dokumentarfilm Erzählungen eines Kinogehers – Werner Dütsch ist kein Film, der von Filmen erzählt, sondern einer, der erzählt, was Filme mit Menschen machen. Ihr Porträt des langjährigen WDR-Filmredakteurs, Essayfilm-Förderers und Filmhistorikers Werner Dütsch ist daher weit mehr als eine biografische Würdigung. Es ist zugleich eine Reise durch die westdeutsche Film- und Fernsehgeschichte, eine Reflexion über Cinephilie und ein Nachdenken darüber, wie kulturelles Wissen weitergegeben wird. 

Ausgangspunkt ist ein mehr als achtstündiges Interview, das Büchner wenige Monate vor Dütschs Tod im Jahr 2018 mit ihm führte. Daraus entsteht ein 95-minütiger Film, der seinem Protagonisten aufmerksam zuhört und ihm den Raum gibt, von einem Leben mit und für das Kino zu erzählen. Dütsch erinnert sich an seine ersten Kinobesuche in Marl-Hüls, wo kurz nach dem Zweiten Weltkrieg vier Kinos mit jeweils ganz eigenem Programmprofil und charakteristischen Gerüchen um das Publikum buhlten, aber auch an die Filmclub-Bewegung der 1960er Jahre, an Begegnungen mit gewichtigen Stimmen der Filmkritik wie Enno Patalas und Ulrich Gregor sowie an seine jahrzehntelange Arbeit beim WDR, wo er zahlreiche essayistische und filmhistorische Projekte ermöglichte. 

Mehr als ein Talking Head 

Auf den ersten Blick wirkt die formale Anlage denkbar schlicht. Dütsch sitzt am Tisch und erzählt. Frontal gefilmt – wie in einem Film von Yasujiro Ozu, wie Dütsch direkt anmerkt. Die Regisseurin bleibt als fragende Stimme im Off präsent. Büchner vertraut also voll und ganz auf die Kraft ihres Protagonisten, der nicht nur ein hervorragender Erzähler ist, sondern seine Erinnerungen stets mit analytischen Beobachtungen verbindet. Aus persönlichen Anekdoten werden so immer wieder kleine Exkurse in die Geschichte des Kinos, des Fernsehens und der Filmvermittlung. 

Bei dem Film fällt vor allen Dingen die Entscheidung ins Gewicht, auf klassische Filmausschnitte weitgehend zu verzichten. Stattdessen illustrieren skizzenhafte, von Carmen Strzelecki handgezeichnete Animationen Dütschs Erinnerungen. Im Gegensatz zu etwaigen Ausschnitten der Filme, auf die er Bezug nimmt, illustrieren diese nicht exakt, was er gesehen hat, sondern machen sichtbar, wie Erinnerung an Filme funktioniert: fragmentarisch, subjektiv und manchmal widersprüchlich. Was zunächst wie eine pragmatische Lösung wirken könnte, um Geld für den Rechtekauf zu sparen, entwickelt sich schnell zu einem der interessantesten ästhetischen Einfälle des Films. 

Die Geschichte einer verschwundenen Fernsehkultur 

Für ein allgemeines Publikum mag der Name Werner Dütsch zunächst wenig bekannt sein. Gerade darin liegt jedoch ein Reiz des Films. Denn über die Biografie seines Protagonisten erzählt Erzählungen eines Kinogehers – Werner Dütsch zugleich von einer Medienlandschaft, die heute fast schon historisch erscheint. Dütsch berichtet von einer Zeit, in der öffentlich-rechtliches Fernsehen Filmgeschichte vermittelte, essayistische Dokumentationen produzierte und kulturelle Bildung als selbstverständlichen Teil seines Auftrags verstand. 

Wenn er von den Arbeiten Harun Farockis, Hartmut Bitomskys oder Günter Peter Strascheks erzählt und die Veränderungen des WDR in den 1970er- und 1980er-Jahren beschreibt, entsteht das Bild einer Institution, die einmal ein zentraler Ort filmischer Entdeckungen war oder wie Dütsch es selbst ausgedrückt hat: “Die Filmwissenschaft haben wir gemacht.” Dabei fällt der Film dennoch erfreulicherweise nicht in nostalgische Verklärung. Dütsch blickt differenziert auf die Vergangenheit und erkennt durchaus die Vorteile heutiger Zugänglichkeit von Filmen an. Gleichzeitig benennt er die neuen Lücken, in denen viele ältere Werke erneut aus dem Blickfeld verschwinden. 

Ein Film für Cinephile – und solche, die es werden wollen 

Erzählungen eines Kinogehers – Werner Dütsch gelingt es sehr gut, persönliche Erinnerung und institutionelle Geschichte miteinander zu verbinden. Aus den Erzählungen eines einzelnen Kinogängers entsteht das Porträt einer ganzen Kultur des Sehens, Sammelns, Diskutierens und Vermittelns. Dabei gelingt Büchner das Kunststück, ihren Protagonisten weder zum unfehlbaren Experten noch zur nostalgischen Legende zu stilisieren. Dütsch erscheint vielmehr als neugieriger, reflektierter Beobachter, dessen Begeisterung für das Kino bis zuletzt spürbar bleibt. 

Wer vor allem nach einer klassischen Filmbiografie sucht, könnte den Film gelegentlich als etwas zu gesprächsorientiert empfinden. Die Konzentration auf das Interview verlangt Aufmerksamkeit und Interesse an filmhistorischen Zusammenhängen. Doch gerade darin liegt auch seine Qualität. Erzählungen eines Kinogehers – Werner Dütsch will nicht unterhalten, indem er Geschichte vereinfacht, sondern indem er zum Zuhören einlädt. 

Credits

OT: „Erzählungen eines Kinogehers – Werner Dütsch“
Land: Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Christiane Büchner
Buch: Christiane Büchner
Kamera: Marie Zahir

Bilder

Trailer

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Erzählungen eines Kinogehers – Werner Dütsch
fazit
Mit „Erzählungen eines Kinogehers – Werner Dütsch“ ist Christiane Büchner ein ebenso persönliches wie erkenntnisreiches Dokumentarfilm-Porträt gelungen. Der Film erzählt nicht nur von einem Mann, der sein Leben dem Kino gewidmet hat, sondern auch von einer Film- und Fernsehkultur, deren Spuren bis heute nachwirken. Die kluge formale Reduktion, die originellen Zeichnungssequenzen und die anregenden Erinnerungen seines Protagonisten machen ihn zu einer lohnenden Entdeckung.
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