
Für Bernard Fizet (Michel Blanc) bricht eine Welt zusammen, als seine Frau ihn nach fünf Jahren Beziehung verlässt. Wie soll er jetzt nur ohne sie weitermachen? Erstmal beschließt er umzuziehen, sein neues Zuhause in einem modernen Wohnkomplex für Singles soll ihn von seiner Misere ablenken. Gleiches gilt für seine Nachtschichten bei SOS Médecins. Die Arbeit soll ihm dabei helfen, seinen Liebeskummer zu vergessen. Als er eines Tages spät nach Hause kommt, lernt er seine Nachbarin Nadine Foulon (Anémone) kennen, auch sie hat schwer unter einer Trennung zu leiden. Immer wieder unterhalten sich die beiden und finden dabei Halt und Trost – wissen aber auch nicht wirklich, wie sie mit dieser Situation umgehen sollen …
Der späte Weg zum Glück
Manchmal darf man sich schon ein wenig wundern, welche Filme die deutschen Fernsehsender da so ausgraben. Gerade arte fällt immer mal wieder dadurch auf, Werke, die bereits einige Jahrzehnte auf dem Buckel haben, nie im Kino gelaufen sind oder auf DVD erhältlich. Neuestes Beispiel ist Die Frau von gegenüber. Die französische Komödie war in der Heimat bereits Anfang 1982 in die Kinos gekommen, wo sie von immerhin 1,2 Millionen Besuchern und Besucherinnen gesehen wurde. Für eine Veröffentlichung in Deutschland reichte es aber nicht. Warum man mehr als 40 Jahre später die Zeit für reif hielt, das nachzuholen, ist nicht klar, zumal hier auch keine Superstars zu sehen sind, mit denen man Werbung machen könnte. Qualitativ überzeugt der Film aber durchaus.
Anfangs meint man dabei noch, dass das hier einer dieser typischen Liebesfilme ist. Schließlich ist das Szenario bekannt: Die Hauptfigur wird sitzen gelassen und muss nun nach einem Weg suchen, wieder allein weiterzumachen. Zahlreiche Herzkino-Beiträge arbeiten mit einem solchen Szenario. Wenn kurze Zeit später das potenzielle Love Interest in Gestalt von Nadine auftaucht, scheint der Fall sowieso klar zu sein. Nur ist er das nicht, zumindest nicht so ganz. Tatsächlich spielt Die Frau von gegenüber mit den Erwartungen des Publikums, wenn dieses darauf wartet, dass diese beiden offensichtlich füreinander bestimmten Menschen zusammenkommen, und zwischendurch zu zweifeln beginnt. Kommt da jetzt noch etwas oder nicht? Warum brauchen die so lange?
Gelungenes Porträt
Doch Regisseur und Co-Autor Patrice Leconte (Ridicule – Von der Lächerlichkeit des Scheins, Maigret) hatte gar nicht vor, eine dieser typischen Liebeskomödien zu drehen. So ist sein Film deutlich melancholischer, als man es gewohnt ist. Zwar gibt es zwischendurch schon eine Aufbruchstimmung und das Aufzeigen neuer Möglichkeiten. Der Trost, den die beiden Hauptfiguren bei ihren Gesprächen finden, überträgt sich auch auf das Publikum. Aber Die Frau von gegenüber ist eben auch ein Film über Einsamkeit und die Suche nach Halt. Über das Gefühl, allein zu sein, verloren, niemanden zu haben. Und es geht viel um die Unsicherheit, die man spüren kann, wenn man einem anderen Menschen näherkommt und dabei gar nicht so genau sagen kann, was das jetzt ist und was man von dieser Person möchte.
Die Frau von gegenüber ist dann auch kein Film, der Antworten vorgibt oder von dem man wahnsinnig viel lernen kann. Dass der Wohnkomplex ausschließlich Singles vorbehalten ist, hätte sich zwar angeboten, um auch gesellschaftliche Aspekte unterzukriegen. Bemerkenswert ist der Einfall zudem, da wir es eben mit einem Werk der frühen 1980er zu tun haben. Das ist fast schon prophetisch für die späteren Entwicklungen, in Frankreich wie anderswo, wenn immer mehr Menschen allein sind. Nur sollte man nicht zu viel Inhalt in diese Richtung erwarten, diesen Anspruch hatte man nicht. Sehenswert ist diese Komödie aber auch so, wenn sie zwischen Unterhaltung und Milieubetrachtung schwankt. Selbst wenn die Entscheidung, den Film so viele Jahre später zu zeigen, nicht ganz nachzuvollziehen ist, drüber freuen darf man sich trotzdem.
OT: „Ma femme s’appelle reviens“
Land: Frankreich
Jahr: 1982
Regie: Patrice Leconte
Drehbuch: Patrice Leconte, Joseph Morhaim, Michel Blanc
Musik: William Sheller
Kamera: Robert Fraisse
Besetzung: Michel Blanc, Anémone, Catherine Gandois, Pascale Rocard, Christophe Malavoy, Patrick Bruel
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