
In Béas (Katy Correa) Leben stehen zwei Zeremonien, zwei Feierlichkeiten an. Einerseits nimmt sie in Guinea-Bissau an der Beerdigung und der damit verbundenen Weihung ihres verstorbenen Vaters teil, bevor sie kurze Zeit später zur Hochzeit ihrer Tochter Nour (D’Johé Kouadio) nach Paris reist.
Gomis dritte Berlinale
Bereits zum dritten Mal präsentiert der französisch-senegalesische Regisseur Alain Gomis einen Film im Wettbewerb der Berlinale, des internationalen Filmfests von Berlin. Nach Aujourd’hui und zuletzt Félicité präsentiert er mit Dao bei einer Laufzeit von über drei Stunden seinen bisher längsten und gleichzeitig ambitioniertesten Spielfilm. Erneut gibt er einen Einblick in die Kultur und Lebensweise des afrikanischen Kontinents, konkret der französischen Enklave Guinea-Bissau, wählt jedoch einen anderen erzählerischen Ansatz als in seinen vorherigen Filmen.
Beobachtung statt Inszenierung?
Dao beginnt entrückt, fast mit einem Bruch der sogenannten vierten Wand. In der Eröffnungssequenz finden sich Katy Correa und D’Johé Kouadio in einem Castingprozess für einen Film wieder. Eine Stimme aus dem Off eröffnet ihnen, dass sie Mutter und Tochter spielen sollen. Auf Nachfrage wird bekräftigt, die folgenden Zeremonien seien inszeniert, also simuliert und somit fiktiv. Bereits dieser unmittelbare wie unkonventionelle Einstieg wirft die Frage auf, ob Gomis Momente des echten Castingprozesses vor den Film geschnitten hat. Zum ersten Mal vermischt er Fiktion und zumindest ein Gefühl von Realität und setzt damit das tonale Leitmotiv für den Rest des Films. Trotz seines offenen Bekentnisses zur Inszenierung wirkt Dao wie eine Dokumenation und als wäre man den Zeremonien unmittelbar beiwohnend.
Familie als Zustand
Die Beerdigung von Béas Vater und die Hochzeit ihrer Tochter werden dabei weder gegenübergestellt noch gegeneinander ausgespielt. Beide Zeremonien dienen lediglich dazu, ein Lebensgefühl einzufangen und zu transportieren. Alain Gomis verwehrt sich einer stringenten und klar zielsuchenden narrativen Erzählstruktur. Stattdessen vermittelt er einen emotionalen Zustand, schafft einen Raum ohne Zeitgefühl, der sich reiner Beobachtung familiärer oder menschlicher Gefühle widmet. Sein Publikum schwebt in dieser Atmosphäre zwischen voyeuristischer Distanz und unmittelbarer Präsenz. Über die einzelnen Figuren erfährt man dabei kaum etwas. Dao besteht aus Momentaufnahmen, Beziehungen und Vorgeschichten bleiben angedeutet, Gomis hat jedoch kein Interesse daran, während der Feierlichkeiten aufkommende Konflikte zu erklären oder gar auszuerzählen.
Stattdessen inszeniert Gomis Familie als Konzept unter keinem neuen, aber seltenen Blickwinkel. Dao ist keine klassische, charakterfokussierte Familiengeschichte mit konkretem Streitpunkt und Versöhnung. Vielmehr illustriert der Film die Vielschichtigkeit verwandschaftlichen Beziehungen, bestehend aus Respekt, Vergangenheit, kultureller Gemeinsamkeit sowie erlernten oder entwickelten Unterschieden. Dao deutet kulturelle, ideologische und generationelle Unterschiede an, bleibt dabei aber stets beobachtend und wertungsfrei. Dabei portraitiert der Film eine Fülle an Figuren, flüchtigen Momenten und Redundanzen. Das zusätzliche Fehlen eines narrativen Klimax und konkreter Charakterentwicklung verlangt seinem Publikum viel Konzentration und Stoizismus ab, belohnt es aber gleichzeitig mit einer unkonventionellen und intellektuell anregenden Kinoerfahrung.
Das Gefühl gelebter Erinnerung
Inszenatorisch bleibt Alain Gomis der Klangfarbe Daos treu. Kamerarbeit und Schnitt bleiben beobachtend und dokumentarisch. Die bis auf explizite Szenen subtil gehaltene Filmmusik gepaart mit jazzlastigen Momenten der Ekstase komplettiert das meditative Gesamtgefühl des Films. Auch bei seiner Besetzung wählte Gomis einen unkonventionellen Ansatz. Sein Ensemble setzt sich aus professionellen Schauspielern, Laien und eigenen Familienmitgliedern zusammen. Allerdings lassen sich keine qualitativen Unterschiede in der individuellen Leistung erkennen, was nicht zuletzt auf das improvisationsgestützte Gesamtkonzept des Films zurückzuführen ist. Dao verwischt die Grenzen zwischen Fiktion und Realität derart konsequent, dass der Film stellenweise weniger wie ein inszeniertes Werk als vielmehr wie eine beiläufig eingefangene, kollektive Erinnerung wirkt.
OT: „Dao“
Land: Frankreich, Senegal, Guinea-Bissau
Jahr: 2026
Regie: Alain Gomis
Drehbuch: Alain Gomis
Musik: Gaspard Gomis, Space Dukes, Keïta Janota, Cie
Kamera: Céline Bozon, Amath Niane, Mabeye Deme
Besetzung: Katy Correa, D’Johé Kouadio, Samir Guesmi, Mike Etienne, Nicolas Gomis, Fara Baco Gomis, Poundo Gomis
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