
Takaki (Hokuto Matsumura) arbeitet als Programmierer in einer angesehenen Softwarefirma in Tokio. Als Workaholic widmet er sich ganz seiner Arbeit und lässt sich nur selten ablenken. Dennoch hat er seinen Jugendtraum, eines Tages Astronaut zu werden, nie ganz aufgegeben. Als ihm sein Vorgesetzter eine neue Stelle in einem Planetarium anbietet, scheint dieser Traum plötzlich wieder ein Stück näherzurücken. Gleichzeitig weckt die neue Aufgabe Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend – und an Akari (als Kind: Noa Shiroyama, als Erwachsene: Mitsuki Takahata). Einst verband die beiden eine tiefe Freundschaft und das Versprechen, sich kurz vor Takakis 30. Geburtstag wiederzusehen. Je näher dieser Tag rückt, desto stärker fragt sich Takaki, ob er die Vergangenheit wirklich hinter sich gelassen hat oder sich dies nur einredet.
Auch Akari erinnert sich an die gemeinsame Zeit. Inzwischen arbeitet sie als Buchhändlerin unweit von Takakis Arbeitsplatz, ohne dass sich ihre Wege bislang gekreuzt hätten. Als sie für einen Kollegen einen Botengang übernimmt, werden die Erinnerungen an ihre gemeinsame Vergangenheit wieder lebendig. Dieser führt sie schließlich ebenfalls zu jenem Planetarium, das für beide zu einem Ort werden könnte, an dem sich die Frage stellt, ob manche Versprechen die Zeit tatsächlich überdauern können.
Was von der Vergangenheit übrig bleibt
Makoto Shinkais Anime 5 Centimeters per Second gehört zu den populärsten Werken des japanischen Regisseurs. Die Romanze, die zugleich eine Geschichte über Erinnerung, Zeit und unsere Beziehung zur Vergangenheit erzählt, ist aufgrund ihres visuellen und narrativen Ansatzes durchaus anspruchsvoll. Dennoch ließ sich Filmemacher Yoshiyuki Okuyama nicht abschrecken, als man ihn wegen einer Spielfilmadaption des Anime anfragte. Da er zu diesem Zeitpunkt selbst gerade in seinen Dreißigern war, konnte er mit den Themen des Films deutlich mehr anfangen als noch zu seiner Schulzeit, als er die Vorlage zum ersten Mal sah. Okuyama wählte jedoch einen anderen Ansatz als Shinkai und verabschiedet sich von der episodischen Struktur des Anime, um stattdessen zwischen den verschiedenen Zeitebenen zu springen. 5 Centimeters per Second, der auf der Nippon Connection 2026 zu sehen war, verdichtet dadurch die Frage, wie Erinnerungen einen Menschen prägen, ihn nicht mehr loslassen und wie wir sie selbst im Nachhinein noch verändern.
Erinnerungen sind tückisch und schlagen oft dann zu, wenn man es am wenigsten erwartet. Diese einfache, vielleicht etwas salopp formulierte Aussage trifft sicherlich auf die beiden Protagonisten von 5 Centimeters per Second zu, die eigentlich vollkommen in ihrer Arbeit aufgehen und wenig Zeit für anderes haben. Vor allem Takaki scheint jemand zu sein, der sich aktiv an seinen Erinnerungen aufreibt – insbesondere weil er um deren Gefahr und Verlockung weiß und wie schnell man sich in ihnen verlieren kann. Der erzählerische Ansatz von Ayako Suzukis Drehbuch löst sich zwar vom episodischen Aufbau des Anime, vermischt dabei jedoch die verschiedenen zeitlichen Ebenen, sodass zwischen Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter der Figuren teils abrupt gewechselt wird. In manchen Szenen sorgt dies sicherlich für Irritationen beim Zuschauer, doch ebenso bei Takaki und Akari, die sich nicht von dem Einfluss lösen können, den bestimmte Ereignisse in ihrem Leben hatten – von Worten, Handlungen oder Bildern, die sich so tief in ihr Gedächtnis eingebrannt haben, dass sie bis heute nachwirken. Das Kunstvolle an Anime und Spielfilmadaption von 5 Centimeters per Second ist ihre Herangehensweise an die identitätsstiftende Funktion von Erinnerungen und zugleich daran, wie wir sie durch unsere Perspektive oder das bewusste Weglassen von Details verändern. Okuyama wie zuvor Shinkai werfen einen Blick auf das, was von der Vergangenheit übrig geblieben ist – vom Ideal einer Romanze bis hin zu schmerzhaften Momenten oder jenen Erinnerungen, die wir am liebsten vergessen würden.
Fernsucht und Zufall
Ein zentrales Motiv sowohl des Anime als auch der Spielfilmadaption ist das Weltall. Neben dem Planetarium als wichtigem Handlungsort bemerkt man Anspielungen auf die Golden Record, jene goldene Schallplatte, auf der sich verschiedene visuelle und auditive Eindrücke unserer Welt befinden, sowie auf die Voyager- und Discovery-Missionen. Was bei Shinkai vor allem für die Distanz zwischen den beiden Hauptfiguren steht, erhält in Okuyamas Spielfilm eine weitere Komponente, denn der Weltraum dient hier als Verbildlichung von Hoffnungen und Träumen ebenso wie von Ängsten und dem Vergessen. Vor allem Takaki will immer voranschreiten, sich weiterentwickeln und hat als Erwachsener eine Sphäre erreicht, in der ihn kaum noch etwas berührt. Mitsuki Takahata als Akari, einer Figur, die in der Spielfilmadaption deutlich mehr Raum erhält, scheint dagegen auf der „Erde“ zu verweilen, gefangen in einem Moment, der sich in ihrer Erinnerung immer wieder abspielt – ähnlich den Geräuschen, Musikstücken und Gesprächen auf der Golden Record, die irgendwo in den Weiten des Weltalls existiert.
Wie Shinkais Anime lebt auch Okuyamas Spielfilm von intensiven und eindrucksvollen Bildern. Abgesehen von jenen Momenten, auf die Fans der Vorlage sicherlich warten, bleiben insbesondere die Szenen im Planetarium sowie Takakis Zugreise zu Akari durch eine stürmische Winternacht im Gedächtnis. Okuyama betont dabei das Wechselspiel von Distanz und Nähe, macht jedoch vor allem deutlich, wie Perspektive und Stimmung Erinnerungen beeinflussen oder romantisieren können. Sie ähneln den Erinnerungen eines Astronauten an die Erde, wenn dieser zurückblickt und sich jene Momente vergegenwärtigt, die er mit diesem Bild verbindet.
OT: Byosoku 5 senchimetoru
Land: Japan
Jahr: 2025
Regie: Yoshiyuki Okuyama
Drehbuch: Ayako Suzuki
Kamera: Keisuke Imamura
Musik: Kenshi Yonezu
Besetzung: Hokuto Matsumara, Mitsuki Takahata, Nana Mori, Yuzu Aoki, Mai Kiryu
Busan International Film Festival 2025
Nippon Connection 2026
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