
Yusuf (Karim Daoud Anaya) ist ein Grenzgänger zwischen Stadt und Land. Der Bauernsohn aus dem Dorf Al-Basma fährt mit dem Zug nach Jerusalem, um dort als Chauffeur für den wohlhabenden Amir (Dhafer L’Abidine) zu arbeiten, einen politisch einflussreichen Vertreter der palästinensischen Führungsschicht. Immer öfter wird Yusuf jedoch in seinem Dorf gebraucht, weil im Jahr 1936 viele aus Deutschland und Europa vertriebene jüdische Siedler ins Land kommen, mit denen es Streit um den Grundbesitz gibt. Der britische Hochkommissar Wauchope (Jeremy Irons) würde es am liebsten beiden Seiten recht machen. Aber er wird sich entscheiden müssen während des Arabischen Aufstandes in den Jahren 1936 bis 1939, den die britischen Besatzer gewaltsam niederschlugen. Yusuf kann ebenfalls nicht neutral bleiben im epischen Historiendrama von Regisseurin Annemarie Jacir, die in den Ereignissen von damals den wenig beachteten Schlüssel für den heutigen Nahost-Konflikt sieht. Und für die palästinensische Identität als ein Volk mutigen Widerstandes.
Misstrauen und Demütigungen
„Spannungen in Nablus“ – die ausgerufene Nachricht des Zeitungsjungen könnte sich genauso gut auf das Jahr 2026 beziehen. Und auch die demütigende Ausweiskontrolle, die Yusuf bei der Ankunft in Jerusalem über sich ergehen lassen muss, mutet höchst aktuell an. Nur dass heute Israelis in den Militäruniformen der Kontrolleure stecken. 1936 waren es hingegen die Briten, die die Araber so misstrauisch und herablassend behandelten. Und das, obwohl sie gemäß dem Völkerrechtsmandat von 1922 die Rechte der arabischen Bevölkerung keineswegs beschneiden sollten, während sie das Land zugleich als „Heimstätte für das jüdische Volk“ öffneten. Wie und warum sich die zitierten Spannungen zu einem bewaffneten Aufstand der Palästinenser gegen die britische Besatzungsmacht auswuchsen, das zeichnet der minutiös recherchierte Film anhand einschneidender Ereignisse der Jahre 1936 und 1937 nach.
Dabei hält Regisseurin Annemarie Jacir (Wajib, 2017), die auch im Dokumentarfilm zu Hause ist, mit ihrem vierten fiktiven Werk keine sachlich-neutrale Geschichtsstunde ab. Palästina 36, erzählt packend und hochemotional von den Mitgliedern dreier Familien aus einem kleinen Dorf, vom Hafenarbeiter Khalid (Saleh Bakri), von der liberalen arabischen Journalistin Khouloud (Yasmine al Massiri) und von drei zentralen Funktionsträgern der Briten. Alle sind auf je eigene Weise in das geschichtliche Drama verstrickt. Doch der Film würdigt sein Personal keineswegs zu bloßen Fackelträgern politischer Fraktionen herab. Er nimmt sie ernst in ihren Sehnsüchten, Wünschen und Sorgen. Zusammen mit den äußeren Ereignissen ergibt sich so ein kompaktes, bemerkenswert dichtes Panorama der komplexen, hochexplosiven Lage. Dieser Hexenkessel zwingt allerdings auch die noch schwankenden Protagonisten zu klaren Entscheidungen und eindeutigen Bekenntnissen.
Und so muss sich das Ensemble, zu dem neben Nachwuchstalenten auch renommierte Darsteller wie Robert Aramayo, Hiam Abbas und Liam Cunningham zählen, letztlich in ein Schema von Gut und Böse pressen lassen. Dies umso mehr, als sich die palästinensische Filmemacherin Annemarie Jacir keineswegs als neutrale Beobachterin versteht. Sie erzählt die Geschichte nach eigenem Bekenntnis bewusst aus dem Blickwinkel ihres Volkes. Dafür nahm sie große Schwierigkeiten auf sich, um trotz des Massakers der Hamas vom 7. Oktober 2023 und des darauf folgenden Krieges große Teile an Originalschauplätzen in Palästina (zu dem sie auch das heutige Israel zählt) und Jordanien zu drehen. Für Grau- und Zwischentöne bleibt da wenig Raum.
Wurzeln des Nahost-Dramas
Meist wird das kollektive Trauma der Palästinenser auf die sogenannte „Nakba“, also die große Katastrophe der Vertreibung des Jahres 1948 zurückgeführt, als Hunderttausende nach der Niederlage im ersten arabisch-israelischen Krieg aus ihrer Heimat fliehen mussten. Das Geschichtsepos Palästina 36 verlegt die eigentliche Katastrophe des Nahost-Dramas und der Unterdrückung der Palästinenser aber rund zehn Jahre zurück. Nicht in erster Linie die Juden werden hier als Feinde und Unterdrücker angesehen, sondern die britische Besatzung, die sich einseitig auf die Seite der neuen Siedler stellte. Diese kolonialistische Betrachtungsweise wirft nicht nur neues Licht auf die Wurzeln der bis heute andauernden Probleme. Sie besticht auch dadurch, dass sie mögliche Alternativen in den Raum stellt. Nach der ersten Welle des palästinensischen Aufstands nämlich beruhigte sich die Lage vorübergehend. Die Briten setzten eine Kommission ein, die sich die Problemschilderungen von Juden und Arabern gleichermaßen anhörte. Dann aber schlug die sogenannte „Peel-Kommission“ überraschend eine Teilung des Landes vor – mit der Aussicht auf einen eigenen Staat für die Juden, während die Palästinenser leer ausgingen. Mit voller Wucht brach deren Aufstand wieder los. Und mit der bitteren Konsequenz eines Massakers der Briten an den Bewohnern des realen Dorfes Al-Bassa, das für das fiktive Filmdorf Pate stand.
Insofern ist der bildstark fotografierte Film (Kamera: Hélène Louvart) trotz mancher holzschnittartiger Passagen auch für das europäische Publikum ein Erkenntnis-erweiterndes Epos. Sein eigentlicher Fokus liegt dennoch unverkennbar auf seinem Beitrag zur palästinensischen Filmgeschichte. Er dient in seiner gewollten Parteilichkeit dem eigenen Volk zur Selbstverständigung über das erlittene Unrecht. Und zur Aufklärung über die Jahre, in denen die Bevölkerung sich im Kampf gegen den gemeinsamen Feind zusammenschweißte, über alle bisherigen Differenzen zwischen Stadt und Land, Bauern und Oberschicht hinweg. Für Grenzgänger, Vermittler und Versöhner ist der Raum seitdem eng geworden. Leider.
OT: „Palestine 36“
Land: Palästina, UK, Frankreich, Dänemark, Katar, Saudi-Arabien, Jordanien
Jahr: 2025
Regie: Annemarie Jacir
Drehbuch: Annemarie Jacir
Musik: Ben Frost
Kamera: Hélène Louvart
Besetzung: Karim Daoud Anaya, Kamel El Basha, Sofia Asir, Hiam Abbass, Yumna Marwan, Yasmine Al Massri, Robert Aramayo Saleh Bakri, Billy Howle, Dhafer L’Abidine, Liam Cunningham, Jeremy Irons
Toronto International Film Festival 2025
BFI London Film Festival 2025
International Film Festival Rotterdam 2026
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