
Roya (Melisa Sözen) sitzt seit einem halben Jahr im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran. Sie wird isoliert in einer nackten Zelle, ohne Bett und Toilette. Der kahle Raum aus Beton misst lediglich drei mal drei Meter. Täglich muss Roya Verhöre und Schläge über sich ergehen lassen. Der Vorwurf: Die Lehrerin soll ihre Schülerinnen zum Verbrennen von Kopftüchern angestiftet haben. Ziel der physischen und psychischen Folter ist es, ein öffentliches, im Fernsehen übertragenes Geständnis zu erzwingen. Bisher ist Roya, inzwischen stark abgemagert und geschwächt, stumm geblieben. Aber jetzt greift der Verhörspezialist (Mohammad Ali Hosseinalipour) zu einem noch härteren Druckmittel. Royas geliebter Vater (Hamidreza Djavdan) ist angeblich gestorben. Wenn Roya einem erzwungenen Geständnis zustimmt, bekommt sie, ausgestattet mit einer Fußfessel, drei Tage Freigang und darf zur Beerdigung. Danach soll das Geständnis ausgestrahlt werden. Wird sich Roya nun brechen lassen? Oder setzt der halluzinatorische Taumel durch Gegenwart und Erinnerung, durch Licht und Dunkel eine verborgene Kraftquelle frei?
Schreie und Flehen
Mehr als 20 Minuten lang sehen wir als Publikum nur das, was Roya sieht. Während sie zum Verhör geschleppt wird, muss sie eine Augenbinde und einen Schleier tragen. Nur einen kleinen Schlitz darf sie freilassen, um auf ihre Plastikschlappen zu schauen, damit sie nicht stürzt. Blutspuren ziehen sich am Boden entlang. Türen knallen, Schreie und Flehen von Mitgefangenen sind zu hören, alles quasi-dokumentarisch mit wackeliger Kamera gedreht. Der subjektive Stil versetzt das Publikum in Kopf und Körper der Gepeinigten. So verschafft der Film eine klitzekleine Ahnung von den Torturen, denen die Menschen im Iran seit Jahrzehnten ausgesetzt sind.
Erst als Roya im Auto zur Beerdigung fährt, sehen wir zum ersten Mal ihr Gesicht. Landschaften fliegen vorbei, der Blick weitet sich. Doch trotz einer nun objektiven Kamera hält der Film an der subjektiven Perspektive fest. Wir erleben die äußere Welt so, wie Roya sie wahrnimmt. Nämlich fragmentiert, traumähnlich und als Bewusstseinsstrom, der Realitätssplitter mit Erinnerungen und Halluzinationen verschmilzt. Durch die Art der Montage, durch Einstellungswinkel und Unschärfen wird deutlich: Auch nach dem Verlassen des Kerkers wirkt das Trauma der Isolationsfolter nach. Unter dem Druck der Folterer und Erpresser ziehen sich Wahrnehmung und Bewusstsein in Schutzräume zurück, die ein Weiterleben ermöglichen. Royas Gesicht, das mehrmals direkt in die Kamera schaut, wirkt wie ausgelöscht. Die Augen gehen ins Leere. Emotionen dringen kaum nach außen, höchstens eine übermäßige Schreckhaftigkeit und ein stiller Schmerz, der sich nicht im Aufschrei entladen kann. Durch seine stilistischen Mittel lässt der Film das Publikum auch diesen Zustand nachempfinden, selbst wenn der Rest der Inszenierung nicht so schwer auf der Seele lastet wie die ersten 20 Minuten.
Besonders brutaler Trakt
Regisseurin und Frauenrechtlerin Mahnaz Mohammadi (Sohn-Mutter, 2019) saß mehrfach im Evin-Gefängnis, zuletzt 2014. Doch trotz Pass-Entzugs und Berufsverbots engagiert sie sich weiter politisch und dreht Filme. Roya verwirklichte die Autorenfilmerin ohne Genehmigung, größere Teile entstanden sogar im Iran (der Rest in Georgien). Inzwischen lebt Mahnaz Mohammadi meist im Ausland, kehrt aber immer wieder auch heimlich in den Iran zurück. Auf der Berlinale 2026, wo Roya in der Sektion „Panorama“ Premiere feierte, sprach die Filmemacherin auch über die langfristigen Folgen, die die Haft in einem besonders brutalen Trakt von Evin und vor allem ein öffentliches Geständnis in der Psyche der Betroffenen anrichten. Mehrere ihrer Freunde hätten, als sie wieder in Freiheit waren, irgendwann Suizid begangen, berichtet die Regisseurin. Ein falsches Geständnis fühle sich an wie politischer Selbstmord. Mit filmischen Mitteln will sie in Roya erfahrbar machen, wie die „normalen“ Wahrnehmungs- und Erinnerungsstrukturen durch die Haftbedingungen in Einzelteile zerbrechen, aus denen dann aber auch das Potential zum stummen Widerstand erwachsen kann.
Ähnlich wie Jafar Panahi in Ein einfacher Unfall (2025) verarbeitet Mahnaz Mohammadi persönliche Haft-Erfahrungen in autofiktionaler Form. So unterschiedlich diese Erlebnisse sind, so verschieden fallen auch die Filme aus. Während Panahi den Horror der Haftbedingungen durch einen Schuss Humor abmildert, mutet Mahnaz Mohammadi ihrem Publikum deutlich mehr zu. Und das, obwohl sie in einem Interview sagt, sie habe sich quasi selbst zensiert, um den Film erträglich zu gestalten. „Hätte ich meine persönliche Geschichte verfilmt, wäre das nicht zeigbar gewesen“. Aber auch in der abgemilderten Version bezeugt Roya einmal mehr den Mut und ästhetischen Erfindungsreichtum, die das iranische Kino zu etwas ganz Besonderem machen.
OT: „Roya“
Land: Deutschland, Luxemburg, Tschechische Republik, Iran
Jahr: 2026
Regie: Mahnaz Mohammadi
Drehbuch: Mahnaz Mohammadi
Musik: Andrius Arutiunian
Kamera: Ashkan Ashkani
Besetzung: Melisa Sözen, Maryam Palizban, Hamidreza Djavdan, Bacho Meburishvili
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