Sohn Mutter Son Mother Pesar-Madar
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Sohn-Mutter

Kritik

Sohn Mutter Son Mother Pesar-Madar
„Sohn-Mutter“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Seit Jahren schon verursachen die internationalen Sanktionen gegen den Iran großes Elend unter der Bevölkerung, deren Existenzen zunichtegemacht werden und die um ihre Arbeit fürchten muss. Auch Leila (Raha Khodayari) gehört zu jenen Menschen, die unter den Sanktionen leiden, denn ihre Arbeitsstelle in einer ohnehin schon kurz vor dem Bankrott stehenden Firma steht auf dem Spiel, ihr einziger Lebensunterhalt, mit dem sie ihre beiden Kinder ernährt. Zudem ist die Witwe das Opfer von allerlei Tratsch unter den anderen Arbeitern, die sich wundern, warum sie noch keinen neuen Mann gefunden hat und die Avancen des gutmütigen Busfahrers Kazem (Reza Behboodi) ablehnt. Tatsächlich hat dieser schon um ihre Hand angehalten, ein Angebot, was ihr nicht nur wirtschaftlich helfen würde, sondern sie und ihren Sohn Amir (Mahan Nasiri) nicht mehr länger dem Tratsch und dem Hohn der anderen aussetzt. Doch im Falle einer Heirat müsste Leila ihren Sohn in ein Internat geben, da es der Kodex verbietet, dass Amir und Kazems gleichaltrige Tochter unter einem Dach hausen. Als es dann auf ihrer Arbeit zum Streik kommt, sieht Leila keinen anderen Ausweg mehr und geht auf das Angebot Kazems ein. Mithilfe einer Nachbarin gelingt es ihr, Amir in einem Internat unterzubringen, zunächst für einen Monat, nach dem Leila ihm verspricht, ihn dort abzuholen. Doch der Junge ist zutiefst unglücklich über die Entscheidung seiner Mutter und plant bereits seine Flucht aus dem Internat.

Eine unmögliche Entscheidung
Die iranische Regisseurin Mahnaz Mohammadi gilt in ihrem Land als eine Streiterin für Frauenrechte, deren Engagement sie schon einige Male mit dem Regime auf Konfrontationskurs brachte. Ihre Arbeit im Medium Film kann in gewisser Weise als eine Ergänzung zu diesem Engagement betrachtet werden, so schaute sie bereits in ihren letzten Film Mr Vali (2016) auf Themen wie Drogensucht und Obdachlosigkeit in ihrer Heimat. In Sohn-Mutter, der auf dem Filmfest Hamburg 2020 zu sehen ist, erzählt sie von dem Leben unter den Sanktionen, in einem repressiven System, das einen Menschen zu einer unmöglichen Entscheidung zwingt, nur um zu überleben.

Mohammadis Geschichte lässt sich im Kontext der vielen Sozial- und Familiendramen betrachten, die das aktuelle Kino des Iran ausmachen. Mit einer Form, die bisweilen dokumentarische Züge aufweist sowie Parallelen zu Werken wie Francois Truffauts Sie küssten und sie schlugen ihn, beschreibt der Film ein Zusteuern auf eine schicksalhafte Entscheidung sowie die Konsequenzen dieser. Interessant ist hierbei die Tatsache, dass Mohammadi ihre Geschichte in zwei Teile aufteilt, einer aus der Sicht der Mutter und einer aus der Perspektive ihres Sohnes und wie er mit der Trennung von seiner Mutter versucht klarzukommen. Schlussendlich kommen beide wegen äußerer Umstände, die außerhalb ihres Einflusses stehen, zu einer Wahl, bei der jede Option keinesfalls Glück verheißt, sondern ihre eigene Lage verschlimmert.

Innerhalb dieser Geschichte wäre es einfach, einen Schuldigen auszumachen, doch davon ist in Sohn-Mutter keine Spur zu finden. So gern man jemanden wie Kazem oder die Direktorin des Internats als Antagonisten sehen würde, sind sie dies doch höchstens auf rein dramaturgischer Ebene. Sie sind ebenso Menschen ohne Einfluss auf ein System, welches sie zu Handlungen zwingt und welches sie in gewisser Weise repräsentieren, obgleich mit unterschiedlichem Engagement.

Ohne Macht, ohne Stimme
Bisweilen scheint es so, als hätten die Sanktionen das System und die Repression, die von diesem ausgeht, noch verstärkt. Ashkan Ashkanis Bilder betonen die Verzweiflung und die Isolation dieser Figuren, denen Entscheidungen abgetrotzt werden, bei denen es keine Gewinner geben kann und welche die Misere noch weiter verschlimmern. Passenderweise verstummt Amir, als er in das Internat kommt, verschließt sich seinen Lehrern wie auch seinen Mitschülern und erträgt stumm alle jene Strafen, die man ihm angedeihen lässt. Mohammadi inszeniert gerade diesen Teil ihres Filmes als eine Art Parabel auf dieses System, welches Denunziantentum fördert und soziales Miteinander auflöst. Das Verstummen mag eine Form des Protests sein oder eine Metapher dafür, was Amir genommen wurde, als er seine Mutter verlassen musste.

Credits

OT: „Pesar-Madar“
IT: „Son-Mother“
Land: Iran, Tschechische Republik
Jahr: 2019
Regie: Mahnaz Mohammadi
Drehbuch: Mohammad Rasoulof
Musik: Amir Malookpour
Kamera: Ashkan Ashkani
Besetzung: Raha Khodayari, Mahan Nasiri, Reza Behboodi, Shiva Ordooie, Maryam Boubani

Trailer

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„Sohn-Mutter“ ist ein eindringliches, nachdenkliches Sozialdrama. Mahnaz Mohammadi erzählt in ihrem Film von einem Verstummen und einer folgenschweren Entscheidung, aber auch von der Ungerechtigkeit eines Systems, welches seinen Mitgliedern unter Berufung auf höhere Gewalt solche Entscheidungen abverlangt.
8
von 10