© 2025 Pinball London / Bando à Parte

NOVA ‘78

„NOVA ’78 // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Während in den 1950er Jahren in den USA Konformismus und die Jagd auf Kommunisten das kulturelle und politische Zeitgeschehen bestimmten, bildete sich in der Literatur eine Gegenbewegung. Autoren wie Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William Burroughs sprengten literarische Konventionen und zeigten zugleich die Grenzen einer Gesellschaft auf, die alles Andersartige ausschloss und autoritäre Strukturen annahm. Die „Beatniks“ gelten in vielen Augen als Vorbereiter jener radikalen Jugendbewegung, die ein Jahrzehnt später in der Hippie-Bewegung eine großflächige kulturelle Revolution auslöste, die nicht mehr nur vor den USA Halt machte. Auch wenn dieses Label eventuell etwas zu hoch gegriffen ist, so ist der Einfluss der Beat-Generation auf Literatur und Kunst unbestritten und bis heute spürbar. Dabei schufen die genannten Autoren zugleich so etwas wie einen Mythos um ihre eigene Person, der es bisweilen erschwerte, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden.

William Burroughs gehört zu den enigmatischen Figuren der Beat-Generation. Mag der Autor augenscheinlich recht konventionell wirken, waren seine Meinungen, sein Verhalten und vor allem sein Werk ein starker Kontrast zum kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Mainstream – und sind es teils noch bis heute. Werke wie Junkie, Nova Express und vor allem Naked Lunch gelten als Vorbereiter der Postmoderne. Sein literarisches Schaffen sowie der Mythos um seine Person – insbesondere die „Wilhelm Tell“-Episode rund um den Tod seiner Frau – machten Burroughs zu einer umstrittenen Ikone der Beat-Szene und später der Punk- und LGBTQ-Szene. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die von Burroughs selbst ins Leben gerufene Nova Convention 1978 nicht nur viele Zuschauer anzog, sondern neben ihm auch andere Stimmen der US-amerikanischen Gegenkultur wie Frank Zappa, Patti Smith, John Giorno und Laurie Anderson versammelte.

Das Ereignis wurde natürlich auf Film festgehalten. Ein Team rund um Regisseur Howard Brookner filmte die Nova Convention sowohl hinter den Kulissen als auch das Geschehen auf der Bühne. Lange ging man davon aus, dass die Aufnahmen verschollen seien, bis sie vor rund 20 Jahren wiedergefunden und über mehrere Jahre restauriert wurden. Die Filmemacher Rodrigo Areias und Aaron Brookner, Howard Brookners Sohn, sichteten das Material und schufen mit NOVA ‘78 einen Zusammenschnitt des Ereignisses, der nun auf dem DOK.fest München 2026 zu sehen ist. Die Dokumentation ist ein faszinierendes Zeitdokument, weil sie die gesamte formale und thematische Bandbreite der damaligen Gegenkultur zeigt und darüber hinaus aufgrund ihrer konstanten Anti-Establishment-Haltung teils aktueller nicht sein könnte.

Kommunikation mit der Zukunft

In einer Szene von NOVA ‘78 erklärt Burroughs die sogenannte Cut-up-Technik, die sein Werk prägt. Auch wenn es bestimmte inhaltliche Schwerpunkte gibt, scheint diese Form auch für die Dokumentation selbst zu gelten, die weniger linear aufgebaut ist, sondern vielmehr assoziativ arbeitet und bisweilen zwischen den einzelnen Momenten des Ereignisses hin- und herspringt. Ein Vortrag Burroughs über das „Space Age“, das letztlich nur eine Erweiterung territorialer Interessen darstelle, steht neben einer Performance von Patti Smith oder Frank Zappa, der eine Passage aus Naked Lunch vorträgt und sichtlich Schwierigkeiten hat, ernst zu bleiben, wenn er von einem Mann berichtet, der seinem A****loch das Sprechen beigebracht hat. Diese Momente und insbesondere ihre Zusammenstellung mögen Verwunderung oder Irritation auslösen, aber sie lassen die Zuschauer 1978 ebenso wenig kalt wie vermutlich die von 2026. Sie zeigen aber auch, wie in Burroughs’ Werk sowie in der Gegenkultur Humor, Ironie und Satire stets eine zersetzende Qualität hatten, die kulturelle wie gesellschaftliche Tabuzonen umrissen – nur um sie anschließend genüsslich einzureißen.

Im Zentrum von NOVA ‘78 erscheint Burroughs wie jemand, der sich seines persönlichen Mythos durchaus bewusst ist und diesen gezielt pflegt. Literatur ist bei Burroughs – wie auch bei Kerouac und Ginsberg – immer auch eine Sache der Performance, die das Geschriebene erweitert. Vor allem der Auftritt Ginsbergs könnte ebenso gut eine Aufnahme aus einer Dadaismus-Vorlesung sein. Brookners und Areias’ Film betont, wie der Autor Teil seines eigenen Werkes geworden ist – ein Kontrast zum Mainstream und zu einem System, das durch Kontrolle seine Macht ausweitet.

Credits

OT: NOVA ‘78
Land:
UK
Jahr:
2025
Regie:
Aaron Brookner, Rodrigo Areias
Drehbuch: Aaron Brookner
Kamera: Howard Brookner, Tom DiCillo, Jim Leibovitz
Musik: The Legendary Tigerman

Bilder

Trailer

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.



(Anzeige)

NOVA ‘78
fazit
„NOVA ‘78“ ist ein wichtiges Zeitdokument über die Gegenkultur der 1970er Jahre und eine ihrer prägendsten Figuren. Aaron Brookner und Rodrigo Areias betonen das Performative in der Kunst dieser Zeit, ihre Positionen und vor allem ihren Humor, der als zersetzendes Mittel fungiert, um die autoritären Strukturen hinter Konformismus, Materialismus und Konvention zu entlarven.
Leserwertung0 Bewertungen
0
7
von 10