
Ai (Anna Yamada) kommt die Welt um sie herum zunehmend seltsam vor. Bereits beim gemeinsamen Frühstück benehmen sich ihre Eltern merkwürdig mechanisch, doch auch in ihrer Schule häufen sich bizarre Vorfälle. Nur Ai und der neue Schüler Yu (Yuzu Aoki) scheinen zu bemerken, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, als plötzlich mehrere Mitschüler regungslos eine menschliche Pyramide auf dem Schulhof bilden. Anfangs sind es nur wenige Schüler, doch schon bald werden es immer mehr. Statt einzugreifen, fordern die Lehrer und der Schuldirektor (Pierre Taki) die Schülerschaft sogar dazu auf, sich der Formation anzuschließen. Wer sich weigert, wird mit Gewalt zum Gehorsam gezwungen.
Schon bald berichten auch die Medien über die unheimlichen Vorfälle, die sich über ganz Japan ausbreiten. Überall sehen Ai und Yu Menschen, die regungslos in Pyramiden oder anderen geometrischen Formationen verharren. Während die beiden verzweifelt nach einer Erklärung suchen, geraten sie selbst ins Visier dieser neuen kollektiven Bewegung, die keinerlei Widerstand duldet und Andersdenkende brutal zum Schweigen bringt.
Eine Gruppe, eine Führung
In den Filmen des Japaners Yuta Shimotsu schleicht sich das Grauen nach und nach in den Alltag ein. Es sind keine Vampire, Werwölfe oder Geister, die den Figuren in Filmen wie Best Wishes to All das Fürchten lehren, sondern die lieben Nachbarn, Kollegen oder gar die eigene Familie. Die Normalität der anderen wird zunehmend zur Horrorvision – ein Sinnbild für soziale Ängste und Zwänge, allen voran die Idee, sich einer Gruppe unterzuordnen. Gruppenzwang und Konformismus sind nach wie vor Aspekte, die die japanische Gesellschaft prägen, erklärt der studierte Soziologe Shimotsu in Interviews zu seinem neuen Film NEW GROUP, der auf der Nippon Connection 2026 zu sehen sein wird. Die Mischung aus Horror- und Science-Fiction-Film, die stellenweise wie ein thematisches Weiterdenken von Best Wishes to All wirkt, zeigt vor allem, wie die Gesellschaft als Kollektiv gegen Andersartigkeit vorgeht und durch mal subtilere, mal offenere Mechanismen abweichende Denkweisen ausmerzt.
Während Best Wishes to All fast wie ein Kammerspiel wirkte, entwickelt sich NEW GROUP zu einer satirischen, zugleich aber auch verstörenden Gesellschaftsvision. Die Dimensionen der Geschichte verdeutlicht Shimotsu bereits zu Beginn mit einer Montage albtraumhafter Bilder, die unterschiedlichste gesellschaftliche und politische Problemfelder aufgreifen – vom Generationenkonflikt bis hin zur Ausbeutung der Unter- und Mittelschicht durch eine korrupte politische Elite. Zudem werden wir Zeugen, wie ein prominentes Paar Opfer einer sensationshungrigen Gruppe von Reportern wird, die für ihre Story buchstäblich bereit sind, über Leichen zu gehen. Schon in Best Wishes to All war Shimotsu alles andere als subtil im Umgang mit Bildern, Metaphern und Doppeldeutigkeiten, doch auch diesmal gelingt es ihm, früh eine verstörende Grundatmosphäre zu etablieren, die er im weiteren Verlauf gekonnt steigert. Die Gruppe verleiht Ordnung, Stärke und Meinungshoheit – und genau diese müssen um jeden Preis gegen Andersdenkende verteidigt werden. Shimotsu projiziert diese Idee auf die gesamte Gesellschaft und erweitert sie schließlich sogar über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus. Alle folgen nur noch einer einzigen Stimme: dem schrillen Ton einer Pfeife, die keinen Ungehorsam duldet.
Ich und Du
Das Individuum wird in NEW GROUP zum Überlebenskämpfer wider Willen. Das Ich (Ai) und das Du (Yu) kämpfen gemeinsam gegen ein schier übermächtiges Kollektiv, das zunehmend die Kontrolle über ihre Welt übernimmt. Die Highschool dient dabei erneut als Gesellschaft im Kleinformat – ein Ort, an dem sich Hierarchien und Anpassungsmechanismen früh einprägen. Kurz vor dem Schulabschluss und damit vor der Entscheidung über ihre Zukunft stellt sich für Ai und ihre Freundinnen die Frage, welchen Weg sie einschlagen wollen, wobei dieser scheinbar längst vorgegeben ist. Wie bei einer menschlichen Pyramide folgt auch Ai zunächst der Masse, bis Yu sie darauf aufmerksam macht, dass sie selbst Entscheidungen treffen kann. Weniger Individualismus als vielmehr Gruppenzwang bestimmt das Denken der Menschen – ein Prinzip, das in NEW GROUP zu einem monströsen Kollektiv anwächst, das alles zu verschlingen droht.
Wie schon Best Wishes to All ist auch NEW GROUP dann am stärksten, wenn es um Atmosphäre geht. Während Shimotsus Drehbuch nach einer gewissen Zeit etwas auf der Stelle tritt, lebt seine Inszenierung von einem langsamen, schleichenden Grauen, das sich aus dem zunehmend verstörenden Verhalten der Menschen in Ais und Yus Umfeld speist. Das ist ausgesprochen effektiv, sodass selbst bewusst überzeichnete Szenen – etwa die Flucht der beiden Protagonisten vor dem Kollektiv durch die Flure ihrer Highschool – spannend bleiben. Immer wieder wartet man auf die nächste Variation innerhalb dieser clever gespielten Klaviatur aus Horror und Absurdität.
OT: „NEW GROUP“
Land: Japan
Jahr: 2025
Regie: Yuta Shimotsu
Drehbuch: Yuta Shimotsu, Momoko Sahara
Kamera: Toru Nishioka
Besetzung: Anna Yamada, Yuzu Aoiki, Pierre Taki, Ren Komai, Danhi Kinoshita
Fantasia International Film Festival 2025
Sitges Film Festival 2025
Nippon Connection 2026
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