
Die zwölfjährige Nina Szigety (Villő Demeter) lebt mit ihrem alleinerziehenden Vater András (László Mátray) und ihrem jüngeren Bruder Junior (Bonca Hárs) in Budapest. Der Tod der Mutter Lujza (Rozi Lovas), die vor acht Jahren überraschend gestorben ist, prägt das Familienleben weiterhin – wenn auch eher unterschwellig als offen ausgesprochen. Nina entdeckt ihre Leidenschaft für das Schreiben und beginnt, ihr eigenes Leben als Material für einen Roman zu nutzen. Unterstützung erhält sie von ihrer exzentrischen Nachbarin Lídia (Kati Zsurzs), die ihr grundlegende Techniken des Schreibens vermittelt. Während Nina ihre Erfahrungen in eine erzählte Form bringt, taucht mit Detti (Vivien Rujder) eine neue Partnerin im Leben des Vaters auf. Diese Veränderung löst in Nina ambivalente Gefühle aus: Trauer, Eifersucht und die Angst vor einer „Ersatzmutter“. Parallel dazu durchlebt Nina typische Herausforderungen des Heranwachsens – erste Verliebtheit, Konflikte mit Freundinnen, körperliche Veränderungen und den Wunsch nach Selbstbestimmung.
Schreibprozess strukturiert den Film
Mit I Accidentally Wrote a Book – Der Sommer, als (m)ich meine Geschichte fand gelingt Nóra Lakos ein vielschichtiger Beitrag zum zeitgenössischen Familienkino, der sich gleichermaßen als Coming-of-Age-Erzählung, Trauerarbeit und meta-narrative Reflexion über das Erzählen selbst versteht. Besonders auffällig ist dabei die konsequente Verschränkung von Inhalt und Form: Der Schreibprozess der Protagonistin wird nicht nur thematisiert, sondern strukturiert die gesamte filmische Erzählweise.
Das Motiv des Schreibens fungiert nämlich als zentrales Bindeglied zwischen innerer und äußerer Handlung. Wenn Nina Techniken wie Perspektivwechsel, Cliffhanger oder „Show, don’t tell“ erlernt, werden diese unmittelbar im Film sichtbar gemacht – etwa durch variierende Wiederholungen von Szenen oder durch direkte Ansprache in die Kamera. Diese Metaebene verleiht dem Film eine spielerische Selbstreflexivität, die insbesondere für ein jüngeres Publikum ungewöhnlich anspruchsvoll ist. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob der Film seinen eigenen didaktischen Anspruch immer einlöst: Nicht selten wird das Erzählen eher erklärt als gezeigt, wodurch die narrative Leichtigkeit gelegentlich ins Didaktische kippt.
Sensibler Umgang mit Trauer
Inhaltlich überzeugt der Film vor allem durch seinen sensiblen Umgang mit dem Thema Trauer. Der Verlust der Mutter wird weder dramatisch überhöht noch trivialisiert, sondern als integraler Bestandteil eines lebendigen Alltags dargestellt. Die Orientierung an klassischen Trauerphasen – von Verdrängung über Wut bis hin zur Akzeptanz – verleiht der emotionalen Entwicklung Ninas eine nachvollziehbare Struktur. Besonders gelungen sind dabei symbolische Verdichtungen wie die Beerdigung von Lídias Katze oder die Projektion eines alten Hochzeitsvideos, in dem die verstorbene Mutter plötzlich wieder Präsenz erhält.
Vor allem die Zeichnungen der Familienfiguren sind erstaunlich ungewöhnlich für einen Familienfilm. Der Vater wird als kompetenter, emotional zugänglicher Alleinerziehender inszeniert – ein Gegenentwurf zu überholten Klischees des etwas plumben Vater, der seinen Aufgaben nicht gerecht wird. Auch die Figur der Detti vermeidet bewusst stereotype Zuschreibungen: Statt als antagonistische „Stiefmutter“ erscheint sie als empathische, vorsichtige Figur, deren Integration in die Familie von gegenseitigem Respekt geprägt ist. Konflikte entstehen hier nicht aus Bosheit, sondern aus nachvollziehbaren Bedürfnissen der verschiedenen Figuren– auch hier also eine differenzierte Darstellung, die im Genre selten ist.
Stringente Farbdramaturgie
Stilistisch bewegt sich der Film zwischen klassischem Familienkino und popaffiner Ästhetik. Die visuelle Gestaltung ist stark stilisiert: Farbdramaturgien, typografische Animationen und sorgfältig komponierte Räume erzeugen eine fast märchenhafte Bildwelt. Diese ästhetische Überformung – die vor allem wegen der Farbdramaturgie entfernt an Werke von Wes Anderson erinnert – steht jedoch in einem spannungsvollen Verhältnis zum realistischen Anspruch der Geschichte. Während sie den Zugang zu schwierigen Themen erleichtert, birgt sie zugleich die Gefahr, soziale Realitäten auszublenden oder mindestens zu glätten.
Auch die popkulturellen Referenzen – die Familie schaut zum Abendessen nämlich gern Mord ist ihr Hobby – tragen zur Leichtigkeit des Films bei, wirken jedoch stellenweise leicht überfrachtet. Doch insgesamt überzeugt der Film trotz kleinerer Schwächen durch seine kluge Balance aus Humor und Ernst, seine präzise Beobachtung jugendlicher Erfahrungswelten und seine formale Experimentierfreude. I Accidentally Wrote a Book – Der Sommer, als (m)ich meine Geschichte fand ist damit mehr als ein klassischer Kinderfilm: Er ist ein reflektiertes, ästhetisch eigenständiges Werk über das Erzählen, das Erinnern und das Erwachsenwerden – und zeigt, wie eng diese Prozesse miteinander verwoben sind.
OT: „Véletlenül írtam egy könyvet“
Land: Ungarn, Niederlande
Jahr: 2024
Regie: Nóra Lakos
Buch: Nóra Lakos
Musik: Jacob Meijer, Alexander Reumers
Kamera: Dániel Reich, Bálint Reich
Besetzung: Villö Demeter, László Mátray, Kati Zsurzs, Bonca Hárs, Vivien Rujder, Réka Tenki, Rozi Lovas, Zoltán Mucsi, Zita Jiafang Quan, Barnabás Kövécs
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