Emily
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Emily

„Emily“ // Deutschland-Start: 24. November 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Seit dem frühen Tod seiner Frau kümmert sich Pfarrer Patrick Brontë (Adrian Dunbar) allein um seine vier Kinder. Einfach ist das nicht. Während die älteste Tochter Charlotte (Alexandra Dowling) einer vernünftigen Arbeit als Lehrerin nachgeht, machen sowohl ihre rebellische Schwester Emily (Emma Mackey) wie auch der exzessiv feierwütige Bruder Branwell (Fionn Whitehead) immer wieder Ärger. Zwar hat das Familienoberhaupt auch für diese beiden sowie die jüngste Schwester Anne (Amelia Gething) Pläne. Doch diese Pläne drohen immer wieder zu scheitern. Als dann jedoch der neue Pfarrer William Weightman (Oliver Jackson-Cohen) auftaucht und Emily Privatunterricht in Französisch gibt, scheint sich das Blatt zu wenden. Dabei ahnt er nicht, dass sich die beiden bald näher kommen werden, als es in der Situation angemessen ist …

Drei Schwestern schreiben Literaturgeschichte

Einer der vielen Bereiche, in denen Frauen sich Respekt erst noch erkämpfen mussten, war der der Literatur. Während es heutzutage völlig normal ist, dass auch sie Bücher schreiben und in kommerzieller Hinsicht längst mindestens ein Gleichgewicht herrscht, war es über viele Jahrhunderte hinweg undenkbar, dass das schwache Geschlecht tatsächlich etwas zu sagen hätte. Bemerkenswert ist in der Hinsicht, wie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England eine Reihe von Frauen die Bühne betraten und Literaturgeschichte schrieben. Neben Jane Austen (Stolz und Vorurteil) und Mary Shelley (Frankenstein) waren es vor allem die drei Brontë-Schwestern, die maßgeblich zu Vorbildern wurden. Es dauerte jedoch eine Weile, da Charlotte, Emily und Anne ihre Werke jeweils unter männlichen Pseudonymen veröffentlichten. Außerdem ist die Zahl der Veröffentlichungen überschaubar, da sie alle jung starben – zwischen 29 und 38.

Da die Informationen, die über die drei sowie den glücklosen Bruder Branwell hinterlassen wurden, recht kläglich sind, wurden die Brontës zu einem Mythos der englischen Literatur. Wie konnten drei zurückgezogen lebende Schwestern aus dem Nichts heraus solche Klassiker verfassen? Die eigentlich als Schauspielerin bekannte Frances O’Connor versucht in ihrem Regiedebüt Emily, eine Antwort auf diese Fragen zu geben. Richtig schmeichelhaft fällt diese aber nicht aus. So spekuliert sie, dass Wuthering Heights, hierzulande auch als Sturmhöhe bekannt, von einer wahren Liebesgeschichte inspiriert worden sein könnte. Eine tragische natürlich, so wie auch das schwärmerisch-verhängnisvolle literarische Meisterwerk von Tragik erfüllt ist. Bekannt ist über eine solche Beziehung nichts, O’Connor, die auch das Drehbuch schrieb, hat also kräftig hinzuerfunden.

Unwürdige Fan Fiction

Bei einer derart spärlichen Ausgangslage ist das zwar schon irgendwie verständlich. Wo kaum etwas bekannt ist, müssen Leerstellen anderweitig gefüllt werden. Nur nimmt das bei Emily derart starke Ausmaße an, dass man sich schon fragen darf, was das überhaupt noch bringen soll. Was als Biografie verkauft wird, ist nicht mehr als Fan Fiction. Und noch nicht einmal eine besonders gute. Ärgerlich ist in der Hinsicht, wie O’Connor – vermutlich ohne es zu wollen – die drei Künstlerinnen durch die Bank weg entwertet. Emily darf offensichtlich keine eigene Kreativität zeigen, sondern wird darauf reduziert, ihre eigenen Erfahrungen aufzuschreiben. Charlotte, die mit Jane Eyre ebenfalls einen großen Roman des 19. Jahrhundert schrieb, ist in dem Film nur eine vertrocknete Spaßverderberin ohne künstlerische Ader. Anne, die mit Agnes Grey und The Tenant of Wildfell Hall eigene Ambitionen hatte, wird in dem Film sogar fast völlig als eigenständiger Mensch ignoriert.

Besser sieht es bei Bruder Branwell aus, der bei O’Connor zu einer tragischen Gestalt wird: Er ist der einzige, der seinen künstlerischen Ambitionen wirklich nachgeht, hat dabei aber nicht das Talent, das seinen Schwestern mitgegeben wurde. Die interessantesten Momente sind dann auch, wenn Emily das besondere Verhältnis dieser beiden unverstandenen Seelen beleuchtet. Sehr viel interessanter zumindest als die Romanze zwischen der Pfarrerstochter und dem Pfarrer, die nie über Groschenroman-Niveau hinauskommt. Immerhin, das Drama, das auf dem Toronto International Film Festival 2022 Premiere feierte, lockt mit atmosphärischen Aufnahmen der rauen ländlichen Gegend. Und natürlich einer prominenten Besetzung. Beides ist aber nicht genug, um das fragwürdige Drehbuch auszugleichen, bei dem man immer wieder das Gefühl hat, die Autorin habe ihr eigenes Thema verfehlt.

Credits

OT: „Emily“
Land: UK, USA
Jahr: 2022
Regie: Frances O’Connor
Drehbuch: Frances O’Connor
Musik: Abel Korzeniowski
Kamera: Nanu Segal
Besetzung: Emma Mackey, Fionn Whitehead, Oliver Jackson-Cohen, Alexandra Dowling, Amelia Gething, Adrian Dunbar, Gemma Jones

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Emily
fazit
Die drei Brontë-Schwestern gehören zu den großen Wegbereiterinnen einer weiblichen Literaturgeschichte. „Emily“ will diesen huldigen, entwertet die Künstlerinnen jedoch nur. Während die Ambitionen und das Talent von Charlotte und Anne heruntergespielt werden, wird Emily darauf reduziert, eine fiktionale tragische Affäre als Buch aufzuschreiben. Insgesamt ist das Drama trotz einer prominenten Besetzung und atmosphärischer Aufnahmen daher nicht mehr als mindestens fragwürdige, teils ärgerliche Fan Fiction, die den Autorinnen nicht gerecht wird und dabei nicht einmal etwas Interessantes zu erzählen hat.
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