Rimini
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Rimini
„Rimini“ // Deutschland-Start: 6. Oktober 2022

Inhalt / Kritik

Einst konnte der Schlagersänger Richie Bravo (Michael Thomas) Säle und Konzerthallen füllen, doch diese Zeit ist lange vorbei. Sich auf den letzten Spuren seines einstigen Ruhmes ausruhend lebt er im italienischen Rimini, wo er ein kleines Haus gänzlich seiner Erinnerung gewidmet hat und zu dem er immer mal wieder einige seiner Fans einlädt. Darüber hinaus empfängt er außerhalb der Saison Touristen, gibt ein kleines Konzert für sie und sichert so den im Winter meist geschlossenen Hotels zumindest ein paar Einnahmen, von denen er einen Anteil bekommt. Da dieses Geld aber für seinen ausschweifenden Lebensstil vorne und hinten nicht reicht, bietet er bestimmte Liebesdienste für seine weiblichen Fans an. Richies Routine wird jedoch durch zwei Ereignisse unterbrochen, denn nach dem Tod seiner Mutter, muss er sich die Pflege seines Vaters (Hans-Michael Rehberg), oder vielmehr die Besuche in dessen Pflegeheim, mit seinem Bruder (Georg Friedrich) teilen. Die Besuche sind ihm nicht nur wegen der ausbleibenden Einnahmen unangenehm, sondern auch wegen der fortschreitenden Demenz seines Vaters, der bisweilen alte Nazi-Lieder schmettert, die sein Sohn versucht, mit seinen Schlagern zu übertönen.

Daneben kommt ihn seine Tochter Tessa (Tessa Göttlicher) in Rimini besuchen. Die beiden hatten über 18 Jahre keinen Kontakt mehr miteinander. Doch anstatt eines emotionalen Wiedersehens erwarten Bravo Forderungen nach jenem Geld, was er Tessas Mutter all die Jahre vorenthalten hat sowie Schuldzuweisungen für seine Abwesenheit. Richie sieht sich gezwungen, sich mit diesem Teil seines Lebens auseinanderzusetzen und vielleicht sogar einen Zugang zu seiner Tochter zu finden, die großen Groll gegen ihn hegt.

Scheitern und Träume

Mit seinem neuen Film Rimini hat Regisseur Ulrich Seidl den ersten Teil seiner als Trilogie angelegten Filmreihe geschaffen, die mit Sparta fortgeführt wird, worin die Geschichte von Richies Bruder, der in Rimini einen kurzen Auftritt hat, erzählt wird. Interessiert habe ihn, erklärt Seidl, diese Figur, die versucht, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen, aber immer wieder scheitert und vielleicht sogar schon aufgegeben hat, überhaupt noch etwas zu richten. Rimini erzählt jedoch nicht nur von diesen Versuchen und dem ernüchternden Ausgang, sondern zugleich von den Hoffnungen eines Menschen, die sich ausdrücken in den kitschigen Schlager, die er nach wie vor seinen noch übrigen Fans vorsingt.

In vielen seiner Filme blickt Seidl auf die Menschen, die im Abseits der Gesellschaft stehen oder auf das Unterbewusstsein von Leuten. In Rimini jedoch begegnen wir Richie Bravo, einem Charakter, der eigentlich nicht in dieses Abseits rutschen will, aber aufgrund des Stillstands seiner Karriere sowie der damit verbundenen wirtschaftlichen Lage sich dort wiederfindet. Die Felljacke, die etwas grellen Outfits oder die ledernen Stiefel zeugen von einer anderen Zeit, sind aber schon etwas abgetragen und nicht mehr ganz in Schuss, was ironischerweise eine interessante Metapher ist für Richie an sich. Allerdings gibt Seidl, wie immer in seinen Filmen, diese Figur nicht dem Spott oder dem Hohn preis, dafür ist allein die Kamera etwas zu weit entfernt vom Geschehen und von den Figuren an sich. Vielmehr gilt es, den Blick des Zuschauers auf diesen Menschen zu schulen, darzulegen, warum er so ist, wie er ist, und warum sich bei ihm der Gegensatz zwischen dem tatsächlichen Scheitern und den Träumen von einem besseren Leben in seiner Musik vereinen.

Ernüchternde Landschaften

Irgendwie weiß Richie, dass er gescheitert ist und dass sich seine Karriere nicht mehr erholen wird, doch seine fortwährende Bewegung – durch die Straßen seiner Heimat oder den verlassenen Strand Riminis – zeigt, dass er nach wie vor nicht stillstehen kann oder will. Nicht nur die Ästhetik des Filmes ist es, welche dieses Weitermachen anzeigt, denn auch die Darstellung von Michael Thomas betont die Würde eines Mannes, der vielleicht nicht anders kann, als voranzugehen, auch wenn sein Weg gesäumt ist von diversen Demütigungen. Doch auch die Menschen um ihn herum – seine Tochter, die in einem Wohnwagen lebt und davon träumt, sich vom Geld ihres Vaters endlich eine eigene Wohnung leisten zu können, oder seine weiblichen Fans, die sich von ihm für die Dauer eines Songs oder eines Bettabenteuers etwas Ablenkung erhoffen – umgibt dieser Gegensatz von Träumen und Scheitern. Oft ist der Blick auf diese Landschaften und diese Menschen ernüchternd und schockierend, doch menschlich bleibt er die ganze Zeit über.

Credits

OT: „Rimini“
Land: Österreich, Frankreich, Deutschland
Jahr: 2022
Regie: Ulrich Seidl
Drehbuch: Ulrich Seidl, Veronika Franz
Musik: Fritz Ostermayer, Herwig Zamernik
Kamera: Wolfgang Thaler
Besetzung: Michael Thomas, Hans-Michael Rehberg, Tessa Göttlicher, Inge Maux, Claudia Martini, Georg Friedrich

Bilder

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Rimini
fazit
„Rimini“ ist ein melancholisches Drama über Scheitern und Träume. Regisseur Ulrich Seidl erzählt in der für sein Werk typischen Form von Menschen, die nicht aufgeben können oder wollen, weil sie keine Wahl haben oder weil es ihnen die Umstände ihres Lebens nicht erlauben. Es ist eine zutiefst menschliche, oft berührende Geschichte über Menschen, die in ihren Sehnsüchten gefangen sind.
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