Marcedes
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„Marcedes“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Jedes Land und jede Kultur hat bekanntlich ihre ganz eigene Symbolik. Neben der Flagge und der Nationalhymne sowie jene Zeichen und Embleme, die man kennt, gibt es aber darüber hinaus noch andere Zeichen inoffizieller Natur, die man mit einer Nation oder vielleicht auch nur einem Ereignis verbindet. Für die deutsche Kultur gibt es verschiedene Anknüpfungspunkte, von Gerichten wie der Weißwurst und Sauerkraut angefangen bis hin zu Lederhosen oder anderen Kleidungsstücken. Auch wenn diese Dinge in gewisser Weise bestimmte Stereotypen widerspiegeln mögen, gehören sie dennoch zu einem bestimmten Teil der deutschen Kultur hinzu. Gehen wir in die deutsche Geschichte, vor allem jene nach dem Zweiten Weltkrieg, gibt es naturgemäß eine gewisse Vorsicht vor großer Symbolik, was verständlich ist. Dennoch ist das Auto, egal ob der BMW, der Volkswagen oder der Mercedes, ein solches Emblem, das, je nach Jahrzehnt, eine andere Konnotation beinhaltet. Man erinnere sich an die Bilder von großen Fabriken, in denen ein Auto nach dem anderen gefertigt wurde und inwiefern dies sinnbildlich für die Idee des Wirtschaftswunders steht. Dann wieder begegnet uns der Trabant oder „Trabi“, nicht nur als Symbol für die DDR, sondern zugleich auch in anderen Kombinationen, beispielsweise bei jenen Aufnahmen zum Fall der Mauer, als viele Ostdeutsche sich in ihren „Trabi“ setzten, um eine Spritztour in den Westen zu machen, was ihnen bislang verwehrt geblieben worden war.

Innerhalb der Embleme von deutschen Autofirmen sind nur wenige so ikonisch wie der Mercedes-Stern. Verbunden nicht nur mit deutscher Kultur, steht er in anderen kulturellen Zusammenhängen auch für Aspekte wie Qualität und einen gehobeneren Lebensstil, was die Mercedes-Benz Gruppe bis heute in ihren Werbekampagnen international nutzt, um neue Kunden anzuwerben. Auch im Libanon sind solche Verbindungen nicht unüblich, insbesondere, wenn sie verknüpft sind mit dem Bild des Mercedes-Benz Ponton W120 oder 180, einem bis heute populären Symbol, welches für jene Epoche des Friedens und des Wohlstands steht, die das Land unter General Fuad Schihab erlebte und die bis 1964 andauerte. In seiner Dokumentation Marcedes, die bereits zum zweiten Mal im Programm des ALFILM Festivals vertreten ist, blickt Regisseur Hady Zaccak auf seine Heimat, seine Kultur und Geschichte, präsentiert aus der Perspektive des Ponton. Getragen durch dieses zentrale, wiedererkennbare Symbol erhält der Zuschauer eine ungewohnte Chronik des Landes, seiner Periode des Wohlstandes wie auch die des Krieges und der anhaltenden Konflikte.

Zeichen des Friedens, Zeichen des Zerfalls

Angefangen mit Aufnahmen aus den späten 1950ern, die einen geschäftigen, libanesischen Hafen zeigen, erzählt Zaccak von seiner Heimat, deren wirtschaftlichen Blütenzeiten bis hin zu den Konflikten, welche das Land bis heute definieren. Ausgangspunkt ist für ihn das Bild des Mercedes Ponton, der im libanesischen Jargon „Marcedes“ genannt wird, der mal als Emblem für Wohlstand und den Einzug des Westens gezeigt wird, nur um dann wieder als solches Symbol den Hass von Protestlern auf sich zu ziehen, die derlei Zeichen zerstören oder verbrennen wollen. Die von Zwischentiteln zusammengehaltene Dokumentation setzt sich dabei aus einer bunten Collage an Archivaufnahmen zusammen, von Amateurfilmen bis hin zu Werbekampagnen, die den Mercedes als Zeichen für jenen Wiederaufstieg des Landes zeigen und die dem potenziellen Käufer Versprechen von Wohlstand zu geben scheinen. Dann wieder geben die Aufnahmen von ausgebrannten oder zerschmetterten Karosserien ein Bild der Zerstörung wieder, symbolisch für die Aufstände der späten 1960er Jahre, die Gewalt und das Chaos.

Immer wieder kehrt Haccak dabei zurück zu der Geschichte des Autos und des Landes, der „Familie“, in die es hineinkommt. Mal sind beide nah beieinander, doch dann wieder weit voneinander entfernt, wie es scheint. Mal erscheint der Mercedes-Stern wie eine Verhöhnung angesichts immer krasser werdender sozialer Konflikte, dann wieder erscheint es wie ein Zeichen einer vergangenen Zeit, als Wagen, auf den viele Taxiunternehmen zurückgreifen oder eben jenes einzige Transportmittel, mit dem Familie sich und ihre ganzes Hab und Gut in Sicherheit bringen. Über die bereits erwähnten Zwischentitel findet nicht nur jenes Narrativ statt, sondern auch eine Form der ironisch überhöhten Kommentierung, die changiert zwischen warmherzig und humoristisch bis hin zu zynisch.

Credits

OT: „Marcedes“
Land: Libanon
Jahr: 2011
Regie: Hady Zaccak
Drehbuch: Haddy Zaccak
Musik: Emile Aouad
Kamera: Muriel Aboulrouss

Trailer

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Marcedes
Fazit
„Marcedes“ ist die Chronik des Libanon, angefangen in den späten 1950er Jahren, „erzählt“ aus der Sicht der Mercedes-Benz Ponton, eines der beliebtesten Autos des Landes. Hady Zaccak nutzt einen ungewöhnlichen, aber sehr lohnenswerten Ansatz über seine Heimat zu sprechen, ihre Widersprüche und ihre Konflikte.
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