Everything Will Change
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Everything Will Change

Everything Will Change
„Everything Will Change“ // Deutschland-Start: 14. Juli 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Man schreibt das Jahr 2054. Vieles, was wir heute kennen, ist gestorben: Affen, Elefanten oder Giraffen, um nur die markantesten Beispiel einer unvorstellbaren Ausrottung der Artenvielfalt zu nennen. Die Natur ist verbrannt. Menschen leben in künstlichen Welten, mit einem Chip am Brustbein und der Unfähigkeit, Fakt von Fake zu unterscheiden. Ben (Noah Saavedra), ein junger Mann Anfang 30, der mit seiner Freundin Cherry (Jessamine-Bliss Bell) und seinem besten Kumpel Fini (Paul G. Raymond) zusammenlebt, vermisst nicht, was er nie gekannt hat. Aber dann entdeckt er auf der Suche nach einer Vinyl-LP der Beach Boys das Bild einer Giraffe. Das stellt alles auf den Kopf, woran die jungen Leute je geglaubt haben. Gemeinsam begeben sie sich auf eine Zeitreise zurück ins Jahr 2020 und stellen dem Zuschauer das unfassbare Sterben, das uns in den nächsten drei Jahrzehnten droht, höchst sinnlich und konkret vor Augen.

Spielfilm mit Dokumentarteil

Regisseur Marten Persiel macht in seinem Mix aus Spielfilm und Doku kein Geheimnis aus der Botschaft, die er mit guter Laune, leichter Hand und ordentlich Tempo auf die Leinwand wirft. Wer aus dem Kino geht, soll möglichst seinen Beitrag leisten gegen das unvorstellbare Ausmaß der bevorstehenden Ausrottung. Eine Million Tier- und Pflanzenarten, so sagen es die in den dokumentarischen Teilen auftretenden Wissenschaftler, werden bis 2050 verschwunden sein. Das klingt unvorstellbar. Deswegen übersetzt die aufs Herz zielende Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm die abstrakte Zahl in sinnliche Bilder von zum Teil grandioser Schönheit und zum Teil schwer auszuhaltendem Schrecken. Was man nicht kennt, schützt man nicht, lautet eine alte Weisheit des Naturschutzes. Deshalb schwelgt Marten Persiel geradezu in faszinierenden Aufnahmen, etwa von fliegenden, ganz flachen Fischen, die hoch in die Luft steigen und mit „Bauchplatschern“ einen Höllenlärm machen.

Das emotionale Konzept von Everything Will Change ist in sich stimmig, aber es reibt sich an den rational aufklärenden Elementen des Doku-Teils. Zwölf Expertinnen und Experten lässt der Film zu Wort kommen, darunter auch die Filmemacher Wim Wenders und Markus Imhoof. Leider werden die Spezialisten ihres Fachgebiets erst im Abspann namentlich aufgelistet, einen Hinweis während der eingeblendeten Zitate sucht man vergeblich. Und die Fülle dessen, was sie erzählen, ist leider nicht so nachvollziehbar aufbereitet wie in der thematisch ähnlichen Dokumentation Wer wir waren von Marc Bauder, die ebenfalls mit dem Gedankenspiel arbeitet, wie wohl die Menschen des Jahres 2050 auf uns Heutige schauen würden. Dabei sind einige Fakten in Persiels Interviews durchaus interessant und so noch nie gezeigt worden. Aber unterm Strich befrachtet die Informationsflut die eh schon komplexe filmische Struktur mit einer Vielzahl an Daten und Zahlen, die selbst aufmerksame Zuschauerinnen und Zuschauer nicht in Gänze verarbeiten und einordnen können.

Jenseits gängiger Konventionen

Trotz dieser Einwände bleibt der Mut des Filmemachers zu bewundern, gängige Konventionen über Bord zu werfen und sich nicht an etablierte Muster von Doku, Dokudrama oder Spielfilm zu halten. Mit der genialen inhaltlichen Idee, das Aussterben der Arten nicht einfach zu prognostizieren, sondern per Zeitreise sinnlich vor Augen zu stellen, fegt er das Schubladendenken einfach beiseite, ganz ähnlich wie in seinem Debüt This ain’t California (2012) über die sogenannten „Rollbrettfahrer“, sprich Skater, der ehemaligen DDR. Damals wurde der Regisseur zu Recht dafür kritisiert, die fiktiven Anteile der als Dokumentarfilm firmierenden Geschichte nicht deutlich genug gekennzeichnet zu haben. Aber das ändert nichts am herzerfrischenden Kern des etwas anderen Skaterfilms. In der neuen Arbeit sind die unterschiedlichen Elemente nun leicht voneinander zu trennen. Glücklicherweise geht dadurch nichts an Schwung und Optimismus verloren, mit dem sich Marten Persiel von gängigen Katastrophenszenarien beim Thema Artenschutz abhebt. Alles wird sich ändern. Ob zum Guten oder zum Schlechten, liegt in unserer Hand.

Credits

OT: „Everything Will Change“
Land: Deutschland, Niederlande
Jahr: 2021
Regie: Marten Persiel
Drehbuch: Marten Persiel, Aisha Prigann
Musik: Gary Marlowe
Kamera: Felix Leiberg
Besetzung: Noah Saavedra, Jessamine-Bliss Bell, Paul G. Raymond, Jacqueline Chan, Vibeke Hastrup

Bilder

Trailer

Interview

Wer mehr über Everything Will Change erfahren möchte: Zum Kinostart haben wir uns im Interview mit Regisseur Marten Persiel über die Arbeit an dem Film, das Artensterben und hybride Genres unterhalten.

Marten Persiel [Interview]

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Everything Will Change
Fazit
Wie wird die junge Generation des Jahres 2050 über uns Heutige denken? Werden wir die Monster sein, die eine Million Tier- und Pflanzenarten gefühllos ausgerottet haben? Oder wird man auf uns schauen als ein goldenes Zeitalter, in dem die Menschheit das Ruder noch herumreißen konnte? Regisseur Marten Persiel nutzt das Science-Fiction-Genre geschickt, um nicht nur aufzuklären, sondern zu Taten aufzurufen.
Leserwertung24 Bewertungen
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