Polizeiruf 110 Keiner von uns Das Erste ARD TV Fernsehen
© NDR/Christine Schroeder

Polizeiruf 110: Keiner von uns

Inhalt / Kritik

Polizeiruf 110 Keiner von uns Das Erste ARD TV Fernsehen
„Polizeiruf 110: Keiner von uns“ // Deutschland-Start: 9. Januar 2022 (Das Erste)

Als der Inhaber eines Musikclubs ermordet wird, fällt der Verdacht ausgerechnet auf Jo Mennecke (Bela B.), einen bekannten Musiker. Der weiß auch selbst um seinen Promistatus und macht daher allen bei der Polizei das Leben schwer – und nicht nur ihnen. Während Katrin König (Anneke Kim Sarnau) dem Fall nachgeht und nach Spuren sucht, hat ihr Kollege Alexander Bukow (Charly Hübner) noch ein anderes Problem. Zoran Subocek (Aleksandar Jovanovic) ist wieder da. Schon einmal kreuzten sich die Wege des Polizisten und des serbischen Verbrechers. Mehr noch, Subocek weiß von diversen Verfehlungen des Kommissars und seines verstorbenen Vaters, die ihm nun als Grundlage für Erpressungen dienen. Für Bukow ist klar, dass dies auf Dauer nicht gutgehen kann. Nur, wie kommt er aus dieser Sache wieder heraus?

Abschied von einer Ikone

Alles hat einmal ein Ende. Oder etwa doch nicht? Polizeiruf 110: Keiner von uns ist ein Film, der ständig zwischen Vergangenheit und Zukunft hin und her schaut, zwischen Abschluss und Aufbruch. Schon vorab war bekannt, dass es hier einen für Fans schmerzhaften Abschied geben würde. Charly Hübner, der vor mehr als 20 Jahren bei der ARD-Krimireihe einstieg, hatte schließlich angekündigt, dass irgendwann auch mal genug ist. Der Film, der 24. mit Bukow und König, würde sein letzter sein. Ein solcher Bruch ist natürlich immer ein guter Anlass, um in Erinnerungen zu schwelgen und an früher zu denken. Das tut man hier auch ausgiebig. Kein Wunder: Eoin Moore (Der Sommer nach dem Abitur) führte Regie und schrieb das Drehbuch mit. Er war es auch, der 2010 für den ersten Fall des Duos verantwortlich war. Der trug seinerzeit den nahezu gleichlautenden Titel Einer von uns – nur eine von mehreren Brücken, die Moore baut.

Wobei der Titel nicht einfach nur Erinnerungen wecken soll, sondern auch die Situation von Bukow beschreibt. Durch seine Verbindungen zur Kriminalität ist er immer auch ein Fremdkörper innerhalb der Polizei. Er ist einer der Guten, gleichzeitig nicht. Polizeiruf 110: Keiner von uns zeigt, wie er versucht, zwischen den beiden Welten zu vermitteln und dabei verlorenzugehen droht. Das wäre natürlich ein Aufhänger gewesen, um ganz grundsätzliche Fragen zur Moral und Polizeiarbeit zu stellen. Ein Knackpunkt: Sie haben Beweise gefälscht, um einen Verbrecher ins Gefängnis zu bekommen, der ansonsten frei gewesen wäre. Juristisch ist der Fall klar. Moralisch bietet er Anlass zu ausgiebigen Diskussionen. Gefühlte Gerechtigkeit und das festgeschriebene Gesetz sind dann doch nicht deckungsgleich. Wer sich stärker an der ersten orientiert, gerät schnell in gefährliche Bereiche.

Viel drumherum, wenig drin

Der 395. Fall der Reihe geht diesen Gedanken aber nicht nach, ignoriert die gesellschaftlichen Implikationen, sondern legt die Geschichte in erster Linie als persönliches Porträt an. Dieses hat zweifelsfrei seine Momente, auch weil es Hübner gelingt, diese Ambivalenz zwischen Moralbrummbär und Gutelauneverbrecher schön auszuspielen. So richtig geht das Drehbuch dann aber doch nicht darauf ein. Stattdessen mutiert Polizeiruf 110: Keiner von uns zu einer Art Thriller, wenn die Gefahren immer größer werden. Bukow riskiert, entweder bei der Polizei aufzufliegen oder den Verbrechern zum Opfer zu fallen. Das Publikum soll bis zum Schluss zittern, worauf es hinauslaufen wird. Und um mediale Spoiler wie vor rund einem Jahr bei Tatort: Der feine Geist zu vermeiden, wo der Tod einer Hauptfigur schon vor Sendetermin ausgeplaudert wurde, wurde hier der Presse die Auflösung einfach nicht verraten.

Das klingt dann alles ganz spannend und richtig düster. Das Ergebnis ist es aber nur bedingt. Schuld ist daran auch der Kriminalfall an sich. Zwar spielt Ärzte-Ikone Bela B. den verdächtigen Sänger mit viel Lust an Überheblichkeit. Es führt aber auch dazu, dass der Film an zu vielen Stellen eher Groteske ist. Hinzu kommen noch andere Szenen, die irgendwie absurd sind, und mit zu Karikaturen vereinfachten Bösewichtern verhindern, dass man das hier sonderlich ernst nehmen würde. So sehenswert die Balance aus Heldentum und Abgrund ist, so wenig funktioniert die übrige Balance. Polizeiruf 110: Keiner von uns entwickelt nicht die emotionale Kraft, die das Thema hergeben würde. Der Kriminalfall langweilt. Der Film ist zwar mit vielem beschäftigt, kommt aber einfach nicht in Schwung. Als Abschied von Hübner und seiner faszinierenden Figur ist das schon noch sehenswert. Ansonsten gibt es keinen wirklichen Grund hier einzuschalten.

Credits

OT: „Polizeiruf 110: Keiner von uns“
Land: Deutschland
Jahr: 2022
Regie: Eoin Moore
Drehbuch: Eoin Moore, Anika Wangard
Musik: Warner Poland, Wolfgang Glum, Kai-Uwe Kohlschmidt
Kamera: Florian Foest
Besetzung: Anneke Kim Sarnau, Charly Hübner, Uwe Preuss, Andreas Guenther, Josef Heynert, Bela B., Aleksandar Jovanovic, Alexandru Cirneala, Sithembile Menck

Bilder



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„Polizeiruf 110: Keiner von uns“ steckt zwischen Abschied und Aufbruch, wenn Langzeit-Kommissar Alexander Bukow auf dem Weg in die Zukunft von der Vergangenheit eingeholt wird. Als Porträt ist das sehenswert, vor allem für Charly Hübner, dessen Ausscheiden ein großer Verlust für die Krimireihe ist. Das Drumherum ist jedoch kaum interessant, auch bei der Balance hapert es.
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