Kritik

Der Sommer nach dem Abitur

„Der Sommer nach dem Abitur“ // Deutschland-Start: 28. Februar 2020 (TV)

Zur Schulzeit waren Alexander (Bastian Pastewka), Ole (Fabian Busch) und Paul (Hans Löw) noch dickste Freunde. Doch das ist lange her, inzwischen gibt es kaum noch Kontakt zwischen den dreien, jeder ist seine eigenen Wege gegangen. Da wäre es doch echt mal schön sich wiederzusehen! Ein Anlass ist auch gefunden, tritt doch ihre Lieblingsband Madness auf. Die hatten sie damals zur Schulzeit sehen wollen, am Ende konnten sie aber doch nicht aufs Konzert. Also nutzen sie die Gelegenheit für ein Treffen, träumen von früher, wollen ein bisschen das Verpasste nachholen. Während sie auf dem Weg zum Konzert von einer blöden Situation in die nächste stolpern, müssen sie jedoch feststellen, dass das Leben nicht stehengeblieben ist …

Ach ja, die Schulzeit. Kaum eine Zeit prägt uns wohl mehr in unserem Leben als die, wenn wir langsam den Kinderschuhen entwachsen und mit anderen die Welt da draußen entdecken, auf der Suche nach dem eigenen Weg. Kaum eine Zeit eignet sich aber auch derart für nostalgische Verklärung, wenn dieses Gefühl der Freiheit so manches weniger schöne Ereignis vergessen lässt, wir die diversen Schattenseiten verdrängen, welche eine solche Schicksalsgemeinschaft mit sich bringt. Wenn in Filmen alte Schulklassen noch einmal zusammenkommen, dann ist das dann auch oft mit der Tendenz verbunden, die Vergangenheit aufzuarbeiten und festzustellen: Irgendwie war das alles gar nicht so toll.

Drei, die sich (nicht) kannten
Im Fall von Der Sommer nach dem Abitur steht nun kein Klassenfest à la 10 Jahre – Zauber eines Wiedersehens an, bei dem die Ehemaligen noch einmal in großen Massen zusammenkommen und man eine ganze Weile damit beschäftigt ist, sich überhaupt das früher wieder gegenwärtig zu machen und herauszufinden, wer diese ganzen Leute sind. Bei der TV-Komödie wird das von Anfang an etabliert: Hier geht es ausschließlich um die drei Herren Mitte 40, die alle irgendwie nicht das geworden sind, was sie werden wollten. Verweise auf andere Leute in dem Umfeld gibt es zwar. Der Film konzentriert sich aber allein auf das Trio, das nach Jahren der Funkstille zusammenfindet. Das reicht aber aus, die Mischung aus Nostalgie, Neugierde und ein wenig Ernüchterung, die kann schon in einem so kleinen Personenkreis auftreten.

Das könnte den einen oder anderen an den Kinohit 25 km/h erinnern, umso mehr, da das Wiedersehen in beiden Fällen in Form eines humorvollen Roadmovies geschieht und der Anlass ein alter Plan aus Jugendzeiten ist, der nun endlich umgesetzt werden soll. Doch während dort die Entfremdung von Anfang an deutlich war, tritt sie in Der Sommer nach dem Abitur erst mit der Zeit in Erscheinung. Die Jahrzehnte, die seit der Freundschaft vergangen sind, haben nicht nur in völlig unterschiedliche Richtungen geführt, sondern lassen sie die Ereignisse von damals noch einmal neu bedenken. Manches, was man seinerzeit für die absolute Wahrheit hielt, war dann vielleicht doch etwas anders. Waren sie überhaupt wirklich Freunde? Und überhaupt: Was ist das, eine wirkliche Freundschaft?

Eine gefällige Reise mit Stolpersteinen
Das hört sich nach besinnlicher Introspektion an, die vielleicht das Persönliche mit dem Individuellen verbindet. Ganz so weit geht Der Sommer nach dem Abitur, das auf dem Filmfest München 2019 Premiere hatte, dann aber doch nicht. Zwar führen die ständigen Reibungen, bedingt auch dadurch, dass irgendwie alles schief geht, dazu, dass alles mal hinterfragt wird, die eine oder andere Lebenslüge offenbart. Der Schwerpunkt liegt dann aber doch auf eben diesem besagten Chaos und den Missgeschicken, dazu noch ein paar Running Gags wie der, dass Ole irgendwie zu allem mal einen Ratgeber geschrieben hat. Einige dieser Einfälle sind tatsächlich sehr amüsant, andere jedoch weniger. Auf der Reise durch die Provinz werden nicht nur Campingplätze und die Vergangenheit gesucht, sondern auch Pointen.

Das ist insgesamt durchaus nett, reicht für einen typisch gefälligen Filmabend, wie man ihn bei einer TV-Produktion erwarten kann. Es ist leider nur nicht wirklich mehr draus geworden, trotz der hochkarätigen Besetzung. Den Schauspielern kann man hierbei nicht wirklich einen Vorwurf machen, Pastewka, Busch und Löw funktionieren gut als Trio, das früher mal eng zusammenhielt, bei dem es mittlerweile aber kräftig knirscht. Man suchte hier jedoch nach einem Mittelweg zwischen verrückt und besinnlich, wird dabei beidem aber nicht wirklich gerecht. Da fehlte dann doch der Mut, vielleicht auch die Ideen, um aus dem Roadmovie mehr zu machen als eine gemütliche Fahrt durchs Hinterland.

Credits

OT: „Der Sommer nach dem Abitur“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Eoin Moore
Drehbuch: Marc Terjung
Musik: Warner Poland, Kai-Uwe Kohlschmidt, Wolfgang Glum
Kamera: Florian Foest
Besetzung: Bastian Pastewka, Fabian Busch, Hans Löw, Pegah Ferydoni, Alessija Lause

Bilder

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Der Sommer nach dem Abitur
In „Der Sommer nach dem Abitur“ treffen sich drei frühere Schulfreunde, um ein Konzert nachzuholen, das sie damals verpasst haben. Der Film schafft dabei eine Atmosphäre, die irgendwo zwischen Nostalgie und Ernüchterung liegt, statt wirklicher Introspektion lieber ein paar Missgeschicke einbaut. Das ist nett, auch wegen des gut gewählten Ensembles – mehr aber nicht.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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