Inhalt / Kritik

Wenn Nell (Keira Knightley) und Simon (Matthew Goode) zu einem Weihnachtsdinner einladen, dann wissen Familie und Freunde bereits, dass an nichts gespart wird. Das Landhaus ist in einem makellosen Zustand, die Speisen sind sorgfältig vorbereitet, es soll ein richtig schönes Weihnachten werden. Und sie sind auch alle gekommen: Sandra (Annabelle Wallis) und Tony (Rufus Jones), James (Sope Dirisu) und Sophie (Lily-Rose Depp), Alex (Kirby Howell-Baptiste) und Bella (Lucy Punch), dazu noch diverse Kinder. Dennoch droht die Stimmung immer wieder zu kippen. Aus gutem Grund: Die Welt geht gerade unter, weshalb sie beschlossen haben, gemeinsam Selbstmord zu begehen, um dem Ganzen zuvorzukommen …

Ein Weihnachten wie (fast) immer

Es ist schon ein recht ungewöhnliches Szenario, welches sich die Regisseurin und Drehbuchautorin Camille Griffin da für ihren Debütfilm ausgedacht hat. Und ein trügerisches. Die ersten Minuten lassen einen darauf schließen, dass es sich hierbei um einen regulären Weihnachtsfilm handelt, nicht zuletzt wegen des Titels Silent Night, dem bekanntesten aller Weihnachtslieder. Wir beobachten die Familie bei ihren Vorbereitungen, die mit den üblichen Stresserscheinungen einhergehen. Wir sehen die Freunde, die auf dem Weg zur gemeinsamen Feier sind und dabei schon einmal kräftig diskutieren. Wie man das eben so macht, wenn ein größeres Fest ansteht und die Leute aus den unterschiedlichsten Ecken zusammenkommen, um zu feiern und sich gegenseitig in den Wahnsinn zu treiben.

Tatsächlich unterscheidet sich Silent Night erst einmal wenig von anderen Weihnachtskomödien, bei denen dysfunktionale Familien nur darauf warten, sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen, etwa Alle Jahre wieder – Weihnachten mit den Coopers. Der große Unterschied: Diese Komödien haben trotz des ganzen Chaos und der zahlreichen Gemeinheiten immer eine versöhnliche Note. Schließlich geht es darum, wie die Leute irgendwann ihre ganzen Differenzen überwinden und sich um den Hals fallen. Ende gut, alles gut. Hier ist das nicht so wirklich eine Option, da das Ende zwangsläufig mit dem Tod einhergeht, auf die eine oder andere Weise. Entweder rafft eine nahende Gaswolke alle weg oder die Pille, welche einen schnellen und schmerzfreien Tod verspricht.

Der ganz alltägliche Weltuntergang

Ein Teil des Humors besteht dann auch in eben diesem Kontrast, dass zwei nicht miteinander vereinbare Elemente parallel vorliegen. Einerseits sind die Ereignisse so alltäglich, dass man meinen könnte, ein Weihnachten wie jedes andere zu verbringen. Doch am Horizont wartet das Ende der Welt und überschattet alles. Das erinnert ein wenig an die skurrile Komödie How It Ends, bei der ebenfalls die Apokalypse so beiläufig abgehandelt wird, als würde diese gar nicht stattfinden. Diese Absurdität wird zusätzlich mit satirischen Spitzen verknüpft. Vor allem die Geschichte der  Pille bietet dafür Anlass, auch wenn bei dem Film nie ganz glar ist, wer denn nun die Zielscheibe sein soll. Überhaupt mangelt es dem Werk, das auf dem Toronto International Film Festival 2021 Premiere hatte, an einem durchgängigen Konzept, was das hier eigentlich sein soll.

So wird aus dem als schwarzer Komödie verkauften Film später ein reines Drama. Je näher der Tod rückt und damit die Entscheidung, für welchen man sich entscheidet, umso düsterer wird Silent Night. Wo vorher noch herumgealbert wird, setzt es dann auf einmal existenzielle Diskussionen, in deren Mittelpunkt Art (Roman Griffin Davis) steht, der Sohn von Nell und Simon. Der Film nähert sich auf einmal doch der Tragik, welche der Geschichte von Anfang an innewohnte, von allen aber bis dato ignoriert wurde. Aus Spaß wird Ernst, wird Trauer, werden einige der schmerzhaftesten Liebesbekundungen, die man zuletzt in Filmen hat sehen dürfen.

Gut gespieltes Chaos

Das passt dann alles nicht so wirklich zusammen. Silent Night ist einer dieser Filme, in die letztendlich einfach zu viel hineingepresst werden sollte. Zumindest für einen Film, der gerade mal 90 Minuten lang ist. Konstant sind dafür die schauspielerischen Leistungen, die sich allesamt auf einem höheren Niveau befinden. Das Ensemble überzeugt sowohl in den verschiedenen humorvollen Begegnungen wie auch bei den tragischen Szenen. Auch wenn die Figuren zuweilen schon etwas anstrengend sind und man nie die Gelegenheit bekommt, sie tatsächlich näher kennenzulernen – diverse Geschichten werden mehr angeschnitten als wirklich erzählt –, so lohnt es sich doch, diesen letzten Abend mit ihnen zu verbringen. Als Weihnachtsfilm ist das vielleicht eher weniger zu empfehlen. Man wird hier vielleicht auch nicht mit einem Lächeln dem Ende entgegensehen. Und doch ist man froh, dabei gewesen zu sein.

Credits

OT: „Silent Night“
Land: UK
Jahr: 2021
Regie: Camille Griffin
Drehbuch: Camille Griffin
Musik: Lorne Balfe
Kamera: Sam Renton
Besetzung: Keira Knightley, Matthew Goode, Roman Griffin Davis, Annabelle Wallis, Lily-Rose Depp, Kirby Howell-Baptiste, Sope Dirisu, Rufus Jones, Lucy Punch

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Silent Night (2021)
„Silent Night“ beginnt wie eine typische Weihnachtskomödie rund um eine dysfunktionale Gruppe, bevor es sich nach und nach in ein Endzeitdrama verwandelt. Die Mischung der einzelnen Bestandteile geht nicht ganz auf, da fehlte dann doch ein schlüssiges Konzept. Sehenswert ist der ungewöhnliche Mix aber, zudem mitreißend gespielt.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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