Schon mit 15 stand Anna Brüggemann vor der Kamera, damals in dem TV-Thriller Virus X – Der Atem des Todes (1996). Vor nunmehr 25 Jahren begann eine Karriere, die vielfältiger kaum sein könnte. Tatorte gehören dazu, aber auch Komödien und Dramen, im Fernsehen genauso wie im Kino. Zu den Höhepunkten ihres Schaffens zählen die gemeinsamen Arbeiten mit ihrem Bruder Dietrich Brüggemann, mit dem sie fast immer auch das Drehbuch schreibt. So ist es auch in , einer surrealen Beziehungsstudie, die den Alltag von Dina (Anna Brüggemann) und Michael (Alexander Khuon) ins Bizzar-Komische verzerrt. ist die Geschichte einer schleichenden Krise. Sie beginnt damit, dass die Liebenden, die seit einigen Jahren ein Paar sind, über den nächsten Schritt sprechen, nämlich ein Baby zu bekommen und eine Familie zu gründen. Das tun sie dann auch, aber die Belastung zwischen Beruf, gesellschaftlichen Erwartungen und einem traumatischen Vater sickert wie Gift in die Liebe ein. Wir haben uns zum Kinostart am 30. September 2021 mit der Schauspielerin über die Komödie unterhalten.

 

handelt von einer Beziehung, die unter großen Druck steht. Aber Sie haben nicht nur dort am Drehbuch mitgeschrieben, sondern kürzlich Ihren ersten Roman veröffentlicht. Er heißt Trennungsroman. Wie hängt beides zusammen?

Der künstlerische Schaffensprozess lag zeitlich auseinander und war ein komplett anderer, weil ich das Drehbuch ja zusammen mit meinem Bruder geschrieben habe. Der Zusammenhang besteht darin, dass beides Beziehungsgeschichten sind und es jedes Mal um Paare geht, die zwar nicht schlecht zueinander passen, aber auch nicht gut genug. Trennungsroman ist eine sehr realistische Geschichte in einem engen zeitlichen Rahmen. Bei spielen dagegen die surrealen Elemente und die groteske Erzählweise eine sehr wichtige Rolle. Die Idee für Trennungsroman ist schon 2014 entstanden. Ich arbeite nie parallel an verschiedenen Sachen. in den letzten Jahren habe ich mal am Roman geschrieben, dann wieder an Als Hitler das rosa Kaninchen stahl, dann haben wir  gemacht, danach habe ich wieder am Roman gearbeitet. Für mich sind das alles total getrennte Zustände.

Das Wort  des Titels spielt eine ganz wichtige Rolle im Film. Ihre Figur Dina sagt nö, als ihr Freund Michael die Frage in den Raum stellt, ob sich das Paar nicht lieber trennen sollte. Eigentlich müsste das ein Schock für sie sein. Aber Dina geht einfach darüber hinweg. Wie haben Sie das Verhalten Ihrer Figur für sich interpretiert?

Als Schauspielerin habe ich das so gesehen: Sie ist sich in diesem Moment ihrer Liebe ganz sicher und glaubt fest daran, dass auch er sie liebt und dass sie füreinander bestimmt sind. Ihre Souveränität ist so groß, dass sie seine kleinen Zweifel als Quatsch abtun kann. Wenn ich als Drehbuchautorin antworte, finde ich es tragisch, dass auch das Leben dem Versuch der beiden, diese Liebe irgendwie hinzukriegen, ein „Nö“ entgegensetzt. Ihnen wird es wahnsinnig schwer gemacht. Sie haben Eltern, die ihnen immer wieder im Weg stehen. Sie haben Berufe, die sie irgendwie bewältigen müssen. Und wenn sie am Ende sagt, ich kann nicht mehr, ist er trotzig und sagt „nö“. Es ist ein „Nö“ auf ganz vielen Ebenen.

Nö

Dina (Anna Brüggemann) und Michael (Alexander Khuon) stecken in in „Nö“ zwischen Beruf, gesellschaftlichen Erwartungen und einem traumatischen Vater (© Filmwelt Verleih Agentur)

Sie sprechen gerade die unterschiedlichen Rollen an, einerseits Schauspielerin, andererseits Drehbuchautorin. Wie kriegen sie beides unter einen Hut? Schauspieler müssen ja manchmal auch naiv an eine Rolle herangehen, der Autor jedoch weiß ungeheuer viel über die Figur. Steht die Autorin der Schauspielerin dann im Wege?

Mir steht sie nicht im Wege, weil das zeitlich voneinander getrennt ist. Es gibt diesen Moment, in dem das Buch fertig ist. Dann sage ich ganz klar, ab jetzt bin ich Schauspielerin und kümmere mich nicht um den Rest. Aber warum sollen Schauspieler eigentlich nicht zu viel wissen?

Weil dann vielleicht die Spontaneität darunter leidet und das Spiel zu kopflastig wird?

Diese komische Unterscheidung zwischen Bauch und Kopf, die es in Deutschland gibt, habe ich noch nie verstanden. Man ist doch immer beides. Wenn man zum Beispiel Shakespeare spielt, kann man das doch gar nicht genug durchdrungen haben. Je mehr man weiß, umso intelligenter und differenzierter wird das Spiel. Man kann sich ja trotzdem sagen, jetzt ich vergesse das alles wieder, und es fließt trotzdem ins Spiel ein. Ab einem gewissen Punkt lasse ich los.

Wie muss man sich das gemeinsame Schreiben mit Ihrem Bruder Dietrich Brüggemann vorstellen?

Meistens ist es so, dass er mit einer Idee ankommt. Dietrich hat ständig Ideen. Dann gibt es eine, auf die ich besonders anspringe. Die entwickeln wir zunächst verbal: die Figuren, das Ende, die Grundfrage. Dann schreibt er ein kurzes Exposé auf etwa einer Seite. Auf dieser Basis reden wir noch einmal und ich schreibe vielleicht selber etwas dazu. Damit gehen wir auf die Suche nach einem Produzenten, weil wir nicht so gern ins Blaue hinein arbeiten. Wenn wir einen Vertrag haben, entwickeln wir ein sehr, sehr detailliertes Treatment, also die Vorstufe des Drehbuchs mit allen Figuren, Szenen und Handlungsverläufen. Ich finde es falsch, dass in Deutschland die Treatmentarbeit so gering bezahlt ist. Denn die wirkliche Anstrengung geschieht im Treatment, wenn man Figuren haben will, die Hand und Fuß haben. Auf dieser Basis schreibt Dietrich dann eine erste Fassung.

Wie ist es, wenn Sie mit oder für jemand anderen schreiben? Sie haben schon erwähnt, dass Sie für Caroline Link das Drehbuch zu Als Hitler das rosa Kaninchen stahl verfasst haben.

In diesem Fall haben wir nicht zusammen geschrieben. Ich habe das Treatment verfasst, quasi die Uradaption der Trilogie von Judith Kerr, sowie die erste Drehbuchfassung. Dann habe ich sie abgegeben und Caroline Link hat es zu ihrem Buch und ihrem Film gemacht. Im Moment versuche ich, etwas mit Tom Lass zu entwickeln. Das läuft überraschend gut, weil wir einen ähnlichen Humor haben. Da sind die Rollen anders herum als mit Dietrich und ich bin diejenige, die die gemeinsamen Ideen aufschreibt. Vor Jahren habe ich versucht, mit jemand anderem zusammen zu schreiben. Das ging jedoch gar nicht, weil wir einen unterschiedlichen Humor hatten. Lange hatte ich gedacht, ich kann nur mit Dietrich gemeinsam schreiben. Aber jetzt ist da das Projekt mit Tom.

Mit 15 standen Sie erstmals vor der Kamera. Ging es damals ausschließlich um die Lust, in die Haut einer fiktiven Person zu schlüpfen? Oder spielte auch die Freude an der Sprache eine Rolle?

Der Umgang mit Sprache hat für mich immer eine unglaublich wichtige Rolle gespielt. Mit 15 dachte ich, dass ich Theaterschauspielerin werde und dann automatisch mit diesen ganzen tollen Texten zu tun habe. Das hat mir beim Film ein wenig gefehlt, weil da oft schludrig mit der Sprache umgegangen wird.

Darf man in diesem Punkt einen familiären Einfluss vermuten? Ihr Vater war der 2015 verstorbene Germanistik-Professor Diethelm Brüggemann.

Dass Sprache, Theater und Film eine so große Rolle spielen, kommt auf jeden Fall aus dem Elternhaus. Meine Mutter ist auch Germanistin. Es wurde in der Familie über diese Dinge geredet mit der Gewissheit, dass das eine absolute Wichtigkeit hat. Über Filme oder Theaterinszenierungen haben wir stundenlang diskutiert.

Ist das Schreiben bei Ihnen mehr geworden im Vergleich zum Spielen?

Ja, das ist Absicht. Für den Roman musste ich Prioritäten setzen, sonst wäre der nicht fertig geworden. Die Arbeit daran hat mir solchen Spaß gemacht, dass schon ein sehr, sehr gutes Rollenangebot kommen musste, um mich vom Schreiben wegzubekommen. Lange war es so, dass zwei Drittel meiner Arbeitszeit Schauspiel waren und ein Drittel Schreiben. Schon vor zwei, drei Jahren wollte ich das Verhältnis gerne umdrehen. Das habe ich inzwischen geschafft.

Schreiben Sie bereits an einem neuen Roman?

Ja, ich skizziere ihn.

Sie und ihr Bruder haben sich im deutschen Kino klar positioniert. Sie wollten die Trennung nicht mitmachen in ernste Stoffe, Stichwort „Berliner Schule“, einerseits und Klamauk-Komödien andererseits. Wie schätzen Sie im Moment die Lage des deutschen Films ein?

Ich muss dazu etwas Korrigierendes sagen. Die polemische Aussage gegen die „Berliner Schule“ hat mein Bruder damals getroffen. Ich habe ihn in diesem Punkt verstanden, weil unsere Filme wirklich immer zwischen den Stühlen standen. Und zwar mit Absicht, weil wir finden: Man kann beides haben, ernste Stoffe und Spaß. Aber was mich als Schauspielerin betrifft, hätte ich schon Lust gehabt, in einem „Berliner-Schule“-Film mitzuspielen, weil man da auf eine besondere Art gefordert ist. Mit der Aussage meines Bruders war das dann wahrscheinlich erledigt. Mitgefangen, mitgehangen. (lacht) Zum aktuellen Stand des Kinos kann ich leider nichts sagen, weil ich im Moment nichts mehr gucke. Das ist eine erschütternde Aussage, aber es ist so. Ich habe mich dem Schreiben zugewandt und mich ein bisschen zurückgezogen.

2018 haben Sie bei der Berlinale Aufsehen erregt mit der von Ihnen angestoßenen Aktion „Nobodys Doll“, die sich gegen die Reduzierung von Schauspielerinnen auf Sexsymbole richtete. Wie schätzen Sie heute die Wirkung dieses Vorstoßes ein? Hat sich etwas geändert?

Der Protest vor drei Jahren stand im Zusammenhang mit „Me too“. Ganz viele Hollywoodschauspielerinnen haben damals gesagt: „I’m a feminist“. Aber ich dachte, wieso behauptet ihr, Feministinnen zu sein, wenn ihr euch in einem System bewegt, das Frauen unter Druck setzt. Ihr dürft nicht wirklich altern und ihr dürft auch nicht an Gewicht zulegen und ihr müsst diese Kleidchen tragen. Ihr vermittelt ein Frauenbild, das nicht realistisch ist. Das sprach damals niemand an, deshalb unser Vorstoß bezüglich der bequemen Schuhe und entspannterer Kleidung. Ich ärgere mich ein bisschen, dass ich den Aspekt des Alterns und der Körpermaße nicht stärker betont habe. In diesen Fragen hat sich praktisch nichts geändert, der Körperkult ist sogar zu den Männern rübergeschwappt. Ich wünsche mir hier insgesamt eine größere Entspannung.

Zur Person
Anna Brüggemann wurde am 24. März 1981 in München geboren. Sie wuchs in Südafrika, Stuttgart und Regensburg auf. Erste Theatererfahrungen sammelte sie beim Jugendclub der Städtischen Bühnen Regensburg, dem sie von 1995 bis 1998 angehörte. In den späten 1990er Jahren spielte sie kleinere Nebenrollen, beispielsweise in Stefan Ruzowitzkys Erfolgsfilm Anatomie (2000). Der Durchbruch gelang der Schauspielerin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin im Jahr 2001 an der Seite von Joseph Bierbichler in dem Fernsehspiel Ein Dorf sucht seinen Mörder



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