Kritik

This Is Not a Burial Its a Resurrection

„This Is Not a Burial, It’s a Resurrection“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Für Mantoa (Mary Twala Mlongo) bricht eine Welt zusammen, als sie erfährt, dass ihr letzter noch lebender Sohn, der sie eigentlich hatte besuchen wollen, ums Leben gekommen ist. Und so fasst die 80-jährige Witwe den Beschluss, dass auch ihre Zeit vorbei ist und sie sich langsam um die eigene Beerdigung kümmern sollte. Doch es kommt anders: Die Nachricht macht die Runde, dass ihr Heimatdorf, welches sich in einer abgelegenen Berggegend von Lesotho befindet, einem neuen Stausee weichen soll. Schlimmer noch, auch der Friedhof soll den Plänen zufolge bald unter Wassermassen begraben sein. Für Mantoa steht fest, dass sie dem nicht tatenlos zusehen kann, weshalb sie beginnt, Widerstand gegen das Bauvorhaben zu organisieren …

Das afrikanische Kino genießt bekanntlich weltweit relativ wenig Aufmerksamkeit. Wenn überhaupt, dann sind es die Länder im obersten Norden, alternativ Südafrika, die sich haben etwas etablieren können. Lesotho hingegen, da dürften selbst die größten Filmfans erst einmal verlegen in ihrem Gedächtnis graben, um ein Beispiel zu finden. Doch dafür gibt es jetzt This Is Not a Burial, It’s a Resurrection, das seit seiner Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig 2019 auf zahllosen Festivals ein Zuhause fand. Ein Film, der uns das komplett von Südafrika umschlossene Königreich auf eine Weise vor Augen führt, dass wir es im Anschluss so leicht nicht wieder vergessen.

Eine kunstvolle Erinnerung
Ein Grund dafür, dass der Film einen so großen Eindruck hinterlässt, ist die audiovisuelle Gestaltung. Einerseits ist This Is Not a Burial, It’s a Resurrection dokumentarisch gehalten, ist rau, nah dran an dem Schmerz, an dem Schlamm der Dörfer. Gleichzeitig ist er kunstvoll komponiert, zelebriert etwa die vornehme Kleidung Mantoas, ein Überbleibsel vergangener Zeiten. An Letztere erinnert auch das Bildformat, eine Abkehr des heute eigentlich üblichen Breitwandformats. Dabei gäbe es genug zu sehen in dem Film, wenn die Kamera voller Neugierde und Bewunderung die Schönheit des Landes festhält, das immer mehr auf dem Rückzug ist. Begleitet wird der Bilderreigen von einer Musik, die mal folkloristisch, dann elegisch, zwischendurch aber auch unheimlich ist, so als wäre sie einem Horrorfilm entnommen.

Inhaltlich deckt This Is Not a Burial, It’s a Resurrection ebenfalls eine größere Bandbreite ab. Der Mittelpunkt der Geschichte, eine 80-jährige Witwe, die gegen ein riesiges Bauprojekt kämpft, das klingt wahlweise nach einer Wohlfühlkomödie oder einem Drama mit Thrillerelementen – siehe kürzlich etwa Vergiftete Wahrheit. Doch der Film ist weder das eine, noch das andere, zumal dieser Kampf symbolisch für einen viel umfassenderen Kampf steht. Es geht nicht allein um diesen Staudamm und das Dorf. Vielmehr verhandelt Regisseur und Drehbuchautor Lemohang Jeremiah Mosese, der selbst in Lesotho geboren wurde und inzwischen in Berlin lebt, darin die Geschichte seines Landes, das zwischen Tradition und Moderne aufgerieben wird, zwischen äußerer kolonialistischer Gewalt und dem Andenken an die eigene Vergangenheit.

Zwischen Umwelt, Glaube und Trauer
Der Kampf um den Erhalt der Gegend und der Natur trifft einerseits den Nerv in einer Zeit, in der das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Umweltschutz noch einmal einen kräftigen Schub erhalten hat. Aber es geht auch um Religion, die Unantastbarkeit des Glaubens, es geht um das Erinnern, das Leben mit den eigenen Wurzeln, die von anderen aus Selbstsucht herausgerissen werden. Und es geht um Trauer. Um Mantoa, die alles verloren hat, die Kinder und Enkel, und nach einem Weg sucht, mit diesen Schmerzen fertig zu werden. Ganz losgelöst von der Damm-Thematik erinnert This Is Not a Burial, It’s a Resurrection an die Individualität von Verlust und Leid, an die Unmöglichkeit, dieses in Regeln und Normen zu pressen.

Dafür braucht es allerdings auch viel Geduld. Zwei Stunden dauert This Is Not a Burial, It’s a Resurrection. Zwei Stunden, die weniger von Handlung getrieben sind, auch nur zum Teil von Entwicklung geprägt. Lemohang Jeremiah Mosese hat einen sehr ruhigen Film gedreht, meditativ, auch magisch, auf den man sich einlassen können muss und der sich der üblichen Mechanismen verweigert, die David-gegen-Goliath-Geschichten normalerweise zu Publikumslieblingen machen. Ein Drama voller Wehmut, aber auch Mut, ein letzter leiser Aufschrei, der in dem Getöse der Maschinen verloren zu gehen droht und dennoch ein Triumph ist.

Credits

OT: „This Is Not a Burial, It’s a Resurrection“
Land: Lesotho, Italien, Südafrika
Jahr: 2019
Regie: Lemohang Jeremiah Mosese
Drehbuch: Lemohang Jeremiah Mosese
Musik: Yu Miyashita
Kamera: Pierre de Villiers
Besetzung: Mary Twala Mlongo, Jerry Mofokeng Wa Makhetha, Makhaola Ndebele, Tseko Monaheng, Siphiwe Nzima

Trailer

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This Is Not a Burial, It’s a Resurrection
„This Is Not a Burial, It’s a Resurrection“ ist ein kunstvolles und doch auch dokumentarisches Drama über eine 80-jährige Witwe in Lesotho, die gegen ein geplantes Staudamm-Projekt kämpft. Der Film behandelt dabei aber nicht allein eine Umweltthematik, sondern ist vielmehr ein Kampf gegen das Vergessen, in einer Mischung aus Wehmut und Mut.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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