Kritik

Vergiftete Wahrheit Dark Waters

„Vergiftete Wahrheit“ // Deutschland-Start: 8. Oktober 2020 (Kino)

Eigentlich arbeitet Robert Bilott (Mark Ruffalo) als Anwalt einer renommierten Kanzlei ja für die großen, mächtigen Unternehmen. So richtig weiß er deshalb nichts damit anzufangen, als eines Tages der Landwirt Wilbur Tennant (Bill Camp), ein Bekannter seiner Großmutter, vor ihm steht und ihn engagieren will. Dessen Vorwurf: Der Chemie-Konzern DuPont würde giftige Abfälle bunkern, welche das Land zerstören und das Vieh krank machen. Knapp 200 Rinder habe er bereits verloren, seitdem das Werk dort steht. Eine Besserung sei nicht in Sicht. Mehr aus einer Gefälligkeit heraus beschließt Bilott, der Sache nachzugehen und stößt dabei tatsächlich auf mehrere Ungereimtheiten. Doch je mehr er nachbohrt, umso heftiger wird die Gegenwehr von DuPont. Und auch das Privatleben des Anwalts beginnt zu leiden: Die Ehe mit Sarah (Anne Hathaway) droht während des jahrelangen Kampfes um die Wahrheit immer wieder in die Brüche zu gehen …

Es geht doch nichts über eine schöne „David gegen Goliath“-Geschichte! Wenn es einfache Leute mit den Großen und Mächtigen aufnehmen und am Ende über diese triumphieren, dann ist das immer was fürs Herz und mit einem Gefühl der Genugtuung verbunden – zumindest wenn der Gegner auch wirklich der Böse. Ist am Ende die Welt durch diesen Sieg zu einem besseren Ort geworden, dann gilt das gleich doppelt. Und doch will sich am Ende von Vergiftete Wahrheit kein wirklicher Triumph einstellen. Denn der Film endet mit einer doch sehr gemischten Nachricht. Auf der einen Seite wird das Böse in Gestalt des enthemmten Kapitalismus, der über Leichen geht, zwar zur Rechenschaft gezogen, sonst hätte wohl auch niemand die Geschichte verfilmt. Aber es bleibt doch ein Rest, und das in mehrfacher Hinsicht.

Betrug mit System
Erzählt wird in Vergiftete Wahrheit von einer chemischen Verbindung, die vielen gut vertraut sein dürfte, kommt sie doch unter anderem als Antihaftbeschichtung in Pfannen zum Einsatz – das bekannte Teflon. In den letzten Jahren geriet diese Beschichtung zwar zunehmend in Kritik, da sie im Verdacht stand Krebs zu erzeugen. Tatsächlich ist die Verbindung sogar hoch gefährlich, wie im Laufe des Films herauskommt. Dass die Menschen lange davon nichts wussten, ist indes kein Zufall. DuPont tat schließlich alles dafür, dass diese Nebenwirkungen nichts ans Licht geraten und nutzte gleichzeitig schamlos ein System aus, in dem Chemie-Unternehmen eigentlich machen konnten, was sie wollten, ohne eine Einmischung durch den Staat zu befürchten.

Vergiftete Wahrheit ist dann auch ein Film, der betroffen macht – und machen möchte. In der Tradition anderer Werke rund um das Aufdecken von Skandalen, etwa Erin Brockovich oder The Report, soll das Publikum aufgerüttelt und empört werden. Das geht mit dem üblichen Spiel aus Verzweiflung und Hoffnung einher. Jedes Mal, wenn Bilott einen Schritt weitergekommen ist, stößt er auf das nächste Hindernis. Am Ende sind es so viele, dass nicht nur er immer mal wieder kurz davor steht, das Handtuch zu werfen. Es geht einem auch als Zuschauer so, wenn sich das Gefühl einstellt, sowieso nichts ausrichten zu können, weil das Recht immer auf Seiten derer steht, die Macht und Geld haben. Nicht einmal bereits beschlossene Vereinbarungen werden respektiert.

Der ewig gleiche Kampf
Das führt zu gewissen Ermüdungserscheinungen, mit denen auch der Film selbst zu kämpfen hat. Zwar baut Regisseur Todd Haynes (Carol, I’m Not There) zwischendurch mal Elemente des Thrillers ein, wenn der Kampf gegen das Imperium nicht nur im übertragenen Sinn stattfindet. Aber das sind doch recht offensichtliche Tricks, um von der zwangsläufigen Abwechslungsarmut eines solches Zermürbungskriegs abzulenken. Während Vergiftete Wahrheit zumindest in der ersten Hälfte noch dadurch Spannung erzeugt, dass niemand so wirklich weiß, was Sache ist, liegen später die Karten auf dem Tisch und man wartet nur darauf, dass in die festgefahrene Situation wieder etwas Bewegung kommt.

Wenn der Film trotz der kleineren Hänger im weiteren Verlauf fesselt, ist das besonders Mark Ruffalo zu verdanken. Wie schon in Spotlight vor einigen Jahren, wo er einen investigativen Journalisten spielte, der den Missbrauchsskandal der Kirche mit aufdeckt, mimt er hier einen aufrechten Kämpfer für das Gute und die Wahrheit. Wobei dieses Mal das Private und die Auswirkungen dieser hohen Verantwortung stärker im Mittelpunkt stehen, auch weil Bilott mehr oder weniger ein Einzelkämpfer ist. Der Rest des Ensembles bekommt dabei weniger zu tun. Tim Robbins und Anne Hathaway sind mehr oder weniger verschenkt. Lediglich Bill Camp als verbitterter Landwirt und Victor Garber als Anwalt der Gegenseite haben ein paar intensivere Auftritte und tragen mit dazu bei, dass am Ende genug starke Eindrücke übrig bleiben – und natürlich die Wut.

Credits

OT: „Dark Waters“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Todd Haynes
Drehbuch: Mario Correa, Matthew Michael Carnahan
Vorlage: Anders Jacobsson, Sören Olsson
Musik: Marcelo Zarvos
Kamera: Edward Lachman
Besetzung: Mark Ruffalo, Tim Robbins, Anne Hathaway, Bill Camp, Victor Garber, Mare Winningham, Bill Pullman

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Vergiftete Wahrheit
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Vergiftete Wahrheit
„Vergiftete Wahrheit“ erzählt von einem jahrelangen Kampf eines Anwalts gegen ein großes Chemieunternehmen, welches giftige Abfälle deponierte, ohne jemandem etwas zu verraten. Der Film ist dabei sowohl als David-gegen-Goliath-Geschichte spannend wie auch als Einblick in ein System, das auf Missbrauch ausgerichtet ist und das Recht dem Stärkeren und Reicheren zugesteht.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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