Kritik

Shorta

„Shorta“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Als der Polizist Jens Høyer (Simon Sears) darum gebeten wird, zusammen mit seinem Kollegen Mike Andersen (Jacob Lohmann) auf Streife zu gehen und ein bisschen auf ihn aufzupassen, ahnt er schon, dass das Ärger geben würde. Schließlich ist die Lage gerade sehr angespannt, nachdem die dänische Polizei einen dunkelhäutigen Jungen Talib Ben Hassi bei der Verhaftung brutal misshandelt hat und der seitdem im Koma liegt. Für Mike ist das jedoch kein Anlass, um etwas ruhiger aufzutreten. Im Gegenteil: Er provoziert jeden, demonstriert bei jeder sich bietenden Gelegenheit seine Stärke. Doch gerade als er den Jugendlichen Amos Al-Shami (Tarek Zayat) gedemütigt hat und jetzt aufs Revier bringen will, explodiert die Lage in dem Viertel und die beiden Polizisten werden nun selbst zu Gejagten …

Neben der Corona-Pandemie und den unzähligen Auswirkungen davon ist es wohl das Thema schlechthin, welches die Menschen 2020 weltweit am meisten bewegte: Rassismus in Verbindung mit Polizeigewalt. Auslöser der Proteste waren der Tod von George Floyd, der wegen einer Bagatelle von den Polizisten festgenommen wurde. Dass das Thema aber schon vor diesem Zwischenfall die Menschen umtrieb, das zeigt ein Blick auf die vielen Filme, die in den letzten Monaten erschienen, allesamt schon vorher gedreht. Queen & Slim zeigt eine rassistisch motivierte Eskalation bei einer Polizeikontrolle mit anschließender Menschenjagd, Body Cam kombinierte einen solchen gewaltsamen Übergriff mit übernatürlichem Horror.

Der Mord vor der eigenen Haustür
Dabei müssen wir hierfür gar nicht den Blick Richtung USA wenden, das quasi stellvertretend für rassistische Polizeigewalt steht. Auch in Europa gibt es genügend Beispiele – und ähnliche Vertuschungsversuche. Der Actionthriller Shorta holt das Thema nun ganz nah zu uns, zeigt anhand des benachbarten Dänemarks, dass da etwas ganz grundsätzlich verkehrt ist. Tatsächlich kommen einem die ersten Szenen, die den Vorfall mit Talib Ben Hassi abbilden, erschreckend bekannt vor. Wenn später offensichtlich wird, dass die Polizisten sich alle gegenseitig decken und damit aktiv eine Aufklärung verhindern, kann einem schon mal angst und bange werden. Die Frage, wer eigentlich vor wem beschützt werden muss, die drängt sich einem an diesen und vielen weiteren Stellen gewaltsam auf.

Das ist sicher auch der größte Vorwurf, den man Frederik Louis Hviid und Anders Ølholm machen kann: Das Regie- und Drehbuchduo geht nicht unbedingt subtil vor. Gerade die Figur des Mike ist eine Ansammlung der üblichen Alphamännchen-Klischees. Das ist beeindruckend widerwärtig von Jacob Lohmann gespielt: Seine Figur ist von Anfang an derart unsympathisch, dass sich das eigene Mitleid doch sehr in Grenzen hält, als er später dann selbst zum Gejagten wird. Fesselnd ist er hingegen kaum. Wenn an einer Stelle versucht wird, ein bisschen hinter die Fassade zu schauen und auch mal zu fragen, wie es dazu kommt, dass Polizisten sich derart verhalten, dann kommt Shorta nicht sehr weit. Zum Nachdenken oder Diskutieren regt das hier kaum an.

Eine Welt voller Monster
Interessanter ist da schon die Figur des Jens, der mit seiner ruhigen und besonnenen Art als Kontrastpunkt zu Mike angelegt ist. Immer wieder versucht er, besänftigend auf seinen Kollegen einzuwirken, wenn auch ohne Erfolg. Ein reiner Held ist er aber nicht. Der anfangs so geradlinig erscheinende Film, nimmt im weiteren Verlauf ein paar Abzweigungen, versucht in mehrfacher Hinsicht das Menschliche zu suchen – und auch das Ambivalente. Denn am Ende ist sich doch jeder ein bisschen selbst der Nächste, Hilfsbereitschaft kann aus reinem Selbstinteresse heraus geschehen. Umgekehrt werden Prinzipien schon mal über den Haufen geworfen, wenn es die Situation erfordert. Shorta ist damit nicht allein ein Film über einzelne schwarze Schafe, sondern zeichnet ein insgesamt wenig schmeichelhaftes Bild von den Menschen.

Wobei der Film, der in Venedig 2020 Premiere hatte und anschließend auf weiteren Festivals zu sehen ist, kein reines Gesellschaftsporträt sein will, sondern dies mit einem Thriller verbindet. Der Vergleich zum französischen Kollegen Die Wütenden – Les Misérables drängt sich da auf: In beiden Fällen sind Polizisten in einem sozialen Brennpunkt unterwegs, als auf einmal die Lage eskaliert und die zuvor als Boss aufgetretenen Männer plötzlich um ihr Leben rennen müssen. Das ist durchaus sehr spannend, gerade weil man hier schnell die Orientierung verliert und kein Platz mehr sicher erscheint. Manchmal zeigt sich zwar, dass die dänische Produktion nicht das Budget hatte, was sie gebraucht hätte. Das schadet dem Film aber nicht nennenswert, der bis zum Schluss offen lässt, wie das Ganze ausgehen wird, und damit kräftig die Nerven des Publikums in Anspruch nimmt.

Credits

OT: „Shorta“
Land: Dänemark
Jahr. 2020
Regie: Frederik Louis Hviid, Anders Ølholm
Drehbuch: Frederik Louis Hviid, Anders Ølholm
Musik: Martin Dirkov
Kamera: Jacob Møller
Besetzung: Jacob Lohmann, Simon Sears, Tarek Zayat

Trailer

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Shorta
„Shorta“ zeigt ein Dänemark vor der Zerreißprobe, als rassistisch motivierte Polizeigewalt zu massiven Ausschreitungen führt. Das ist anfangs nicht sehr subtil und vermeidet auch eine größere Diskussion, ist aber doch spannend, wenn auf einmal die Jäger selbst zu Gejagten werden und offen ist, wer am Ende mit dem Leben davonkommt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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