Die Wütenden Les Misérables

„Die Wütenden – Les Misérables“ // Deutschland-Start: 23. Januar 2020 (Kino)

Stephane (Damien Bonnard) möchte wieder näher bei seinem Sohn wohnen und ihn häufiger sehen können. Dafür nimmt es der Polizist sogar in Kauf, sich nach Monfermeil versetzen zu lassen, einem notorisch spannungsgeladenen Vorort von Paris. Immer wieder kommt es dort zu Auseinandersetzungen innerhalb der Bevölkerung wie auch mit der Polizei. Seine erfahrenen Kollegen Chris (Alexis Manenti) und Gwada (Djibril Zonga) haben sich mit der Situation arrangiert und eigene Wege gefunden, mit den diversen lokalen Clans und Gruppierungen umzugehen. Doch als jemand ein Löwenbaby aus einem Zirkus stiehlt, reicht selbst das nicht mehr aus: Es droht ein blutiger Bandenkrieg, die drei Polizisten mittendrin …

Bei dem Titel Les Misérables werden zwangsläufig Erinnerungen an den berühmten Roman von Victor Hugo wach, alternativ an die Musical-Fassung, welche 2012 auch mit großen Hollywood-Staraufgebot verfilmt wurde. Gesungen wird in Die Wütenden – Les Misérables nicht. Allgemein gibt es in den rund 100 Minuten keine Musik zu hören. Die Geschichte spielt auch nicht Mitte des 19. Jahrhunderts, als das Buch erschien, sondern ist im hier und jetzt verankert. Doch das macht den Film so erschreckend, hat sich in Monfermeil in den vergangen mehr als 150 Jahren nicht viel verändert. So wie in der berühmten Inspirationsquelle, so ist hier das Viertel ein einziges Pulverfass, das jeden Moment hochzugehen droht.

Mit allen Mitteln zum Ziel
Regisseur und Co-Autor Ladj Ly, der bei Die Wütenden – Les Misérables seinen eigenen Kurzfilm noch einmal auf Spielfilmlänge ausbaut, lässt auch keinen Zweifel daran, wie brenzlig die Situation ist. Von Anfang an herrscht eine sehr angespannte Atmosphäre, der Ton ist rau untereinander, jeder Dialog ist nur ein paar Sätze von einer Kriegserklärung entfernt. Daran hat die Polizei ihren Anteil, die einerseits als Mediator auftritt und versucht Streit zu schlichten, dies oft aber auf fragwürdigen Wegen tut. Das Gesetz hat in Monfermeil keinen Platz, nicht einmal bei den Gesetzeshütern. Vor allem Chris lässt dabei keine Chance ungenutzt, sich als Alphatier zu inszenieren, um sich Respekt zu verschaffen, was oft die Form willkürlicher Unterdrückung annimmt.

Tatsächliche Respektpersonen sind in Die Wütenden – Les Misérables rar gesät, Sympathieträger ohnehin. Stephane dient als Neuankömmling dem Publikum als Identifikationsfigur, wenn er an unserer Stelle immer tiefer in den Abgrund rutscht und dabei zunehmend verzweifelt versucht, seinen moralischen Kompass nicht zu verlieren. Das droht irgendwann ein bisschen zu beschwichtigend zu werden, etwas blauäugig, ganz nach dem Motto: Man muss es nur mal richtig versuchen. Aber selbst die Hoffnungsschimmer sind trügerisch, Ladj Ly hat einen durch und durch pessimistischen Film gedreht, der aufzeigt, dass die Bilder der gewaltsamen Unruhen 2005, als Autos in Brand gesteckt wurden und manche gar einen Bürgerkrieg befürchteten, nicht so weit weg sind, wie wir sie gern hätten.

Mitten im Gefecht
Streckenweise ist das kaum erträglich, auch weil Die Wütenden – Les Misérables so real anmutet, fast schon dokumentarisch. Ly, der selbst in Monfermeil aufgewachsen ist und entsprechend aus eigenen Erfahrungen schöpfen kann, gibt einem das Gefühl, mitten im Geschehen zu sein. Und es ist kein besonders angenehmes Gefühl. Die Polizisten bilden dabei den Mittelpunkt des Films, auch wenn sie des Öfteren dazu reduziert werden, nur noch reagieren zu können, keine echten Akteure mehr zu sein. Hier zeigt sich dann zudem das Erbe des Kurzfilms: Das Drama erzählt weniger eine Geschichte mit einem durchgehend roten Faden, sondern versteht sich mehr als Porträt eines Viertels und der darin lebenden Menschen. Und das sind viele, der Film ist vollgestopft mit Figuren, die irgendwo herumwuseln.

Da kann man schon mal etwas den Überblick verlieren, aufgrund der Vielzahl bleibt vieles eher etwas schematisch. Dafür ist Die Wütenden – Les Misérables hoch spannend. Von Anfang an schürt das Drama, das bei den Filmfestspielen von Cannes 2019 den Preis der Jury erhielt, die Erwartung, dass es irgendwann knallt. Ly gelingt es aber, das immer weiter hinauszuzögern und dabei stets den Druck zu erhöhen – bis am Ende die Nerven völlig blank liegen. Deswegen sollte nicht nur ein sozial interessiertes Publikum hier einmal vorbeischauen, auch Fans des Genre-Kinos bekommen einiges geboten. Nur Lösungsansätze darf man nicht erhoffen, der Filmemacher beschränkt sich darauf, auf die Missstände aufmerksam zu machen und vor weiteren Eskalationen zu warnen. Eskalationen, die so gewaltig sind, dass sie wohl auch in weiteren 150 Jahren noch zu spüren sein werden.



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Die Wütenden – Les Misérables
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Die Wütenden – Les Misérables
„Die Wütenden – Les Misérables“ nimmt uns mit in einen berüchtigten Pariser Vorort, der von Konflikten zwischen Clans, aber auch mit der Polizei geprägt ist. Das Drama versteht sich dabei in erster Linie als Porträt einer auseinanderbrechenden Gesellschaft, ist als solches aber ungemein spannend: Von Anfang an herrscht eine unheilvolle Atmosphäre, die sich immer weiter intensiviert, bis das Gezeigte an der Grenze des Unerträglichen ankommt.
8von 10

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