Kritik

Geheime Staatsaffären L’Ivresse du pouvoir Isabelle Huppert

„Geheime Staatsaffären“ // Deutschland-Start: 20. Juli 2006 (Kino) // 7. März 2007 (DVD)

Michel Humeau (François Berléand) kann nicht glauben, was ihm da geschieht. Eigentlich war der Vorstandsvorsitzende eines großen Industrieunternehmens auf dem Weg zu einem Termin, als auf einmal die Polizei vor ihm steht und mitnimmt. Schwere Vorwürfe werden ihm gemacht, er soll hohe Summen veruntreut haben. Zwar bestreitet Humeau diese Vorwürfe vehement. Doch keine Chance: Ausgerechnet Untersuchungsrichterin Jeanne Charmant-Killman (Isabelle Huppert), die den wenig schmeichelhaften Spitznamen Piranha trägt, ist mit dem Fall beauftragt. Und die lässt keinen Zweifel daran, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun wird, um den Unternehmer und seine Komplizen hinter Gitter zu bringen. Einfach wird das jedoch nicht, denn der Angeklagte ist bis in die obersten Etagen von Wirtschaft und Politik vernetzt …

Geheime Staatsaffären ist sicherlich kein Film, der es dem Publikum leicht macht. Das fängt schon damit an, dass er falsche Erwartungen weckt. Eine Richterin, die alleine den Kampf gegen ein mächtiges Unternehmen aufnimmt, welches eng mit dem Staat verbunden ist? Das lässt eigentlich auf einen Thriller schließen, zumal bei dem deutschen Titel. Außerdem hat hier immerhin Claude Chabrol Regie geführt, den man doch ganz gern mit diesem Genre in Verbindung bringt. Der Film selbst baut sicherlich an der einen oder anderen Stelle Elemente daraus ein: Je weiter die Richterin in ihrem Fall kommt, je gefährlicher sie der Elite wird, umso größer wird auch die Gefahr für sie. Da gibt es Versuche, sie mundtot zu machen, gleichzeitig sollen allgegenwärtige Bodyguards für Sicherheit sorgen.

Der Machtrausch der Gerechtigkeit
Tatsächliche Spannung erzeugt der Film, der 2006 auf der Berlinale Weltpremiere hatte, jedoch nicht. Zumindest nicht so, wie es ein solches Thema normalerweise tun sollte. Chabrol und seine Co-Autorin Odile Barski interessieren sich auch gar dafür, einen klassischen Politthriller zu machen. Vielmehr stellen sie die Figur der Richterin in den Mittelpunkt. Anders als die aufrechten Strahlemänner, die sonst so in diesem Bereich unterwegs sind – etwa bei Die Firma – wird sie von der Macht und der Verantwortung selbst verändert, und das nicht unbedingt auf eine positive Weise. Der französische Titel L’Ivresse du pouvoir, auf Deutsch „Der Rausch der Macht“, trifft es da schon besser. So wie Humeau den Versuchungen erliegt, die seine Position mit sich bringt, so gibt es auch bei der nicht unironisch Charmant-Killman benannten Protagonistin eine Eigendynamik.

Von Anfang an wird sie als jemand gezeigt, der doch recht ambivalent ist. Jemand, der einerseits freundlich ist, es aber auch genießt, die Leute vorzuführen. Wenn sie beispielsweise früh anderen verbietet, in ihrem Zimmer zu rauchen, man sie später aber selbst immer wieder mit einer Zigarette sieht, dann ist das Teil eines umfassenden Machtspiels. Es gibt auch andere Situationen, in denen Charmant-Killman nicht unbedingt um Sympathiepunkte bettelt. Sie setzt sich über andere hinweg, stellt willkürliche Regeln auf und stößt irgendwann auch die Menschen in ihrem Privatleben fort – allen voran ihren Ehemann Philippe (Robin Renucci), dem das alles bald zu viel wird. Wie viel sind wir in unserem Kampf bereit zu opfern? Was ist der Wert von all dem?

Frauen an die Macht?
Bei Geheime Staatsaffären kommt noch hinzu, dass es eben kein Mann ist, der es mit allen aufnimmt, sondern eine Frau. Das bedeutet noch ein bisschen mehr kämpfen zu müssen, um sich durchsetzen zu können. Im reichen Männerclub ist Frauenfeindlichkeit schließlich weit verbreitet. Wenn dieser der Richterin noch die von Marilyne Canto gespielte Kollegin aufs Auge drückt, in der Hoffnung, dass zwei Frauen sich gegenseitig ausschalten, dann ist das schon ein schön satirischer Seitenhieb gegen gepflegte Vorurteile. Damit verbunden ist zumindest implizit die Frage, ob Frauen überhaupt in einer Männerdomäne Karriere machen können und inwiefern sie sich hierfür verändern müssen.

Tatsächliche Antworten liefert Chabrol nicht. Allgemein ist es nicht so, als würde Geheime Staatsaffären so wahnsinnig viel zu sagen haben. Ob es die korrupten Eliten sind, die Verknüpfung von Wirtschaft und Politik, die Benachteiligung von Frauen – hier wird nichts erzählt, was man nicht auch vorher schon wusste. Auch das Ende bringt nicht die erhoffte Auflösung mit sich. Aber es ist doch weitestgehend unterhaltsam, was die französische Regielegende hier vorweist. Wobei der Film natürlich mit seiner Hauptdarstellerin steht und fällt: Während die anderen Schauspieler meistens an den Rand gedrückt werden, zeigt Isabelle Huppert (Elle, Eine Frau mit berauschenden Talenten), eine der großen Musen von Chabrol, erneut ihre Klasse, wird zu einer eiskalten Kämpferin für Gerechtigkeit, die auf einem schmalen Grat wandelt und bei der man sich nicht immer sicher ist, ob man ihr die Daumen drücken sollte.

Credits

OT: „L’Ivresse du pouvoir“
IT: „Comedy of Power“
Land: Frankreich, Deutschland
Jahr: 2006
Regie: Claude Chabrol
Drehbuch: Odile Barski, Claude Chabrol
Musik: Matthieu Chabrol
Kamera: Eduardo Serra
Besetzung: Isabelle Huppert, François Berléand, Patrick Bruel, Robin Renucci, Marilyne Canto, Thomas Chabrol

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Berlinale 2006 Goldener Bär Nominierung
Prix Lumières 2007 Beste Regie Claude Chabrol Nominierung
Beste Hauptdarstellerin Isabelle Huppert Nominierung

Filmfeste

Berlinale 2006
Tribeca Film Festival 2006

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Geheime Staatsaffären
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Geheime Staatsaffären
In „Geheime Staatsaffären“ kämpft eine Richterin gegen Korruption und Veruntreuung in einem großen Unternehmen, das eng mit der Politik verbunden ist. Das klingt nach einem Thriller, ist aber in erster Linie das widersprüchliche Porträt einer Frau, die in ihrem Kampf um Gerechtigkeit nach und nach selbst dem Rausch der Macht erliegt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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