Kritik

Eine Frau mit berauschenden Talenten La Daronne Isabelle Huppert

„Eine Frau mit berauschenden Talenten“ // Deutschland-Start: 8. Oktober 2020 (Kino)

Mit Kriminalität hat Patience Portefeux (Isabelle Huppert) tagtäglich zu tun, wenn auch nur indirekt. Als französisch-arabische Übersetzerin für die Polizei hat sie sich darauf spezialisiert, für Verdächtige zu dolmetschen oder abgehörte Telefonate zu transkribieren. Zu tun hat sie damit mehr als genug, Geld gibt es jedoch nur wenig. Dabei bräuchte sie das derzeit gerade sehr dringend, damit sie die horrenden Pflegeheim-Kosten ihrer Mutter (Liliane Rovère) bezahlen kann. Als sie zufällig in einen Drogendeal hineingezogen wird, sieht sie ihre Chance, endlich einmal selbst abzuräumen – als Drogenverkäuferin. Das ist lukrativ, jedoch sehr riskant, darf bei der Polizei doch niemand mitbekommen, was sie da direkt vor ihrer Nase treibt – vor allem nicht Philippe (Hippolyte Girardot), der Leiter des Dezernats und Partner von Patience …

Man ist doch nie zu alt für eine Veränderung, lautete der Tenor in zahlreichen Filmen der letzten Jahre. Ob es nun in Book Club darum ging, noch einmal die große Liebe zu entdecken, bei Tanz ins Leben eine Seniorenmannschaft an einem Tanzwettbewerb teilnimmt oder die Bestseller-Verfilmung Britt-Marie war hier eine Frau jenseits der 70 auf einen Selbstfindungstrip schickte: Der Trend geht dahin, dass in einer immer älter werdenden Gesellschaft zahlreiche Möglichkeiten einer späten Selbstverwirklichung warten. Prinzipiell geht Eine Frau mit berauschenden Talenten in eine ganz ähnliche Richtung. Zwar ist die Protagonistin hier offiziell doch ein Stückchen jünger als in den obigen Filmen, das Rentenalter lässt noch auf sich warten. Doch der eigentliche Unterschied ist, dass der neu eingeschlagene Weg hier der des Verbrechens ist.

Die Geschichte einer unterschätzten Frau
Dass bislang unbedarfte Bürger auf einmal mit Drogen handeln, kommt natürlich immer mal wieder vor, im Serienbereich gibt es da neben dem Überhit Breaking Bad auch den deutschen Kinderzimmer-Dealer von How to Sell Drugs Online (Fast). Doch gerade der Vergleich zu Paulette bietet sich an, eine weitere französische Krimikomödie über eine ältere Dame, die in einer späteren Phase ihres Lebens noch die Lukrativität des Drogenhandels für sich entdeckt. Was diesen Film und Eine Frau mit berauschenden Talenten eint, ist dabei einerseits die finanzielle Not der jeweiligen Protagonistinnen, denen angesichts der Zustände gar nichts anderes übrig bleibt, als auf einmal kriminell zu werden. Gleichzeitig ist die Dreistigkeit, mit der die Damen an die Arbeit gehen, die für jede Menge Erheiterung sorgt.

Dabei ist es nicht nur die Tatsache, dass Patience ihre Drogengeschäfte zum Teil aus dem Polizeidezernat heraus führt, die dem Film seinen Witz verleiht. Ein weiterer wichtiger Faktor ist, wie eine zierliche, eher unauffällige Frau auf einmal die großen Drogenjungs durch die Gegend schickt. Da treffen amateurhafte Improvisation auf beeindruckenden Einfallsreichtum, wenn Patience und ihre Mitarbeiter mit teils kuriosen Mitteln ihren Geschäften nachgehen. Das macht nicht nur Spaß, sondern auch neugierig. Schließlich will man wissen, wie es weitergeht und ob die intern nur „die Alte“ genannte Gaunerin mit allem durchkommt, was sie so treibt, oder ob ihr die Polizei vorher auf die Schliche kommt.

Die Konvention inmitten der Absurdität
Die meisten Antworten dürfte man vorher schon wissen. Regisseur und Co-Autor Jean-Paul Salomé kostet bei seiner Adaption von Hannelore Cayres Roman zwar die Absurdität des Szenarios aus, der eigentliche Ablauf der Geschichte ist jedoch vergleichsweise konventionell. Trotz diverser Nebenstränge und weiterer kurioser Figuren, die im Laufe des Films eingeführt werden und damit für Abwechslung sorgen, wirklich überraschend ist die Krimikomödie nur manchmal. Auch in anderer Hinsicht zeigt sich Eine Frau mit berauschenden Talenten zurückhaltender, etwa beim Thema Rassismus, das zwar an vielen Stellen mitschwingt, ohne dabei zu einer echten Aussage zu kommen.

Doch auch wenn insgesamt noch mehr Biss schön gewesen wäre, der Unterhaltungsfaktor stimmt. Vor allem Huppert (Elle, 8 Frauen), auf die Salomé seinen ersten Film nach einer längeren Pause zugeschnitten hat, begeistert als unkonventionelle Verbrecherin, der man trotz der moralischen Fragwürdigkeit irgendwie die Daumen drückt. Die Verschlagenheit, in Kombination mit ihrer Schlagfertigkeit machen sie zu einer der amüsantesten (Anti-)Heldinnen der letzten Zeit, trotz – oder wegen – der eigenwilligen Aufmachung, in der sie durch die Gegend läuft und ihre Waren an den Mann bringt. Und irgendwie ist es auch sympathisch, wie in dem Film überwiegend die Frauen das Sagen haben und sich in einer Männerwelt durchsetzen, die so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, dass sie gar nicht genau merkt, was um sie herum geschieht.

Credits

OT: „La Daronne“
IT: „Mama Weed“
Land: Frankreich
Jahr: 2020
Regie: Jean-Paul Salomé
Drehbuch: Jean-Paul Salomé, Hannelore Cayre, Antoine Salomé
Vorlage: Hannelore Cayre
Musik: Bruno Coulais
Kamera: Julien Hirsch
Besetzung: Isabelle Huppert, Hippolyte Girardot, Farida Ouchani, Liliane Rovère, Jade Nadja Nguyen, Rachid Guellaz, Mourad Boudaoud, Iris Bry

Bilder

Trailer

Interview

Jean Paul Salome InterviewWarum hat er sich bei seinem ersten Film seit vielen Jahren für diesen Stoff entschieden? Wie schwierig ist es, einen Film in einer fremden Sprache zu drehen? Und hat das nationale Kino noch eine Zukunft? Diese und weitere Fragen haben wir Jean-Paul Salomé im Interview gestellt, der bei Eine Frau mit berauschenden Talenten Regie geführt hat.

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Eine Frau mit berauschenden Talenten
In „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ versucht sich eine Polizeiübersetzerin als Drogenverkäuferin – unbemerkt von ihren Kollegen und ihrem Partner. Das ist teils schön absurd, zudem mit Isabelle Huppert grandios besetzt, auch wenn die Geschichte sich doch eher an Konventionen hält und wirkliche Auseinandersetzungen scheut.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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