„Aus dem Nichts“, Deutschland/Frankreich, 2017
Regie: Fatih Akin; Drehbuch: Fatih Akin, Hark Bohm; Musik: Josh Homme
Darsteller: Diane Kruger, Denis Moschitto

Aus dem Nichts DVD

„Aus dem Nichts“ ist seit 9. Mai 2018 auf DVD und Blu-ray erhältlich

Es ist der schwärzeste Tag im Leben von Katja (Diane Kruger). Auf einmal waren sie nicht mehr da, ihr Mann Nuri (Numan Acar), ihr Sohn Rocco (Rafael Santana), getötet durch eine Bombe, die jemand vor seinem Geschäft deponiert hat. Die Polizei steht zunächst vor einem Rätsel, mutmaßt, der Anschlag könne mit Nuris früheren kriminellen Aktivitäten zu tun haben. Mit Drogengeschäften. Doch dann verdichten sich die Hinweise, dass es sich dabei um eine Tat aus der rechten Szene handelt. Gemeinsam mit ihrem befreundeten Anwalt Danilo Fava (Denis Moschitto) kämpft Katja nun für Gerechtigkeit. Doch die Mühlen mahlen langsam, das Verfahren wir zu einer Zerreißprobe – auch weil die Verteidigung Katjas Glaubwürdigkeit in aller Öffentlichkeit angreift.

Eines muss man Fatih Akin ja lassen: Man weiß bei ihm nie so genau, wie sein nächster Film wohl sein wird. Nachdem er mit The Cut einen gut gemeinten Historien-Roadmovie rund um den Armeniervölkermord abgeliefert hat und sich anschließend in der Bestsellerverfilmung Tschick humorvoll der Coming-of-Age-Thematik annahm, folgt nun der Ausflug in sehr bittere Drama- und Thrillergefilde. Dessen Inspiration: die jahrelang von der Polizei vernachlässigten NSU-Morde, verübt von der rechten Szene an Ausländern.

Eine wütende Abrechnung
Anders als etwa der Dokumentarfilm 6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage – Die Morde der NSU, der sich um eine neutrale Aufarbeitung der Ereignisse bemühte, ist Aus dem Nichts eine recht eindeutige Abrechnung. Eine Abrechnung mit der Polizei, die den Beweggrund für die Tat erst einmal beim Opfer suchte und auf dessen Verfehlungen hin ermittelt. Eine Abrechnung aber natürlich auch mit den Tätern, denen Akin keine echte Persönlichkeit zugesteht. Sie sind Mörder, mehr kann und will der Filmemacher nicht zu ihnen sagen.

Der Fokus liegt stattdessen eindeutig auf dem Opfer, auf Katja. Eine wirkliche Vorbildfunktion hat sie nicht, vom Abbruch ihres Studiums bis hin zu ihren Drogengeschichten beschreibt Akin eine Frau, die nicht so ganz fest in ihrem Leben verankert ist – selbst vor der Tragödie. Zugegeben, bei ihrem Umfeld wäre das auch nicht ganz einfach, sowohl die eigenen Eltern wie auch die Schwiegereltern sammeln während ihrer Auftritte eine recht überschaubare Zahl an Sympathiepunkten. Die gegnerischen Anwälte verkörpern darüber hinaus bei ihrem Bestreben, um jeden Preis ihren Fall zu gewinnen, so ziemlich jedes Klischee des schmierigen Rechtsverdrehers.

Eine Absage an Subtilität
Eine subtile, ausgewogene Beschäftigung mit dem Thema sieht so nicht aus. Nicht die filmische Neugierde ist hier Antriebsfeder, sondern die Wut. Wenn der sonst so zurückhaltend agierende Denis Moschitto (Amelie rennt, Wilde Maus) stellvertretend für Akin seinen Zorn nicht zurückhalten kann, gibt es gleich auch mal Szenenapplaus im Gericht. Und auch die grundsätzlich spannenden Überlegungen zu Gerechtigkeit werden hier sehr vereinfacht bis hin zu dem bewusst provokativ gehaltenen, populistischen Ende, das keinen Platz mehr für Fragen bereithält.

Aber es ist eben auch diese kompromisslose Kraft und Wut, die Aus dem Nichts sehenswert macht. Diane Kruger (Inglourious Basterds, The Infiltrator) durfte für ihre Rolle als entfesselte Trauernde in Cannes die höchste Auszeichnung entgegennehmen, bei den Golden Globes 2018 gab es immerhin einen Preis für den besten fremdsprachigen Film. In ihr wird der Schmerz sichtbar, die Ungerechtigkeit auch und die Empörung darüber, während sich die deutsche Exil-Darstellerin die Seele aus dem Leib spielt. Das ist nicht schön, teilweise sogar richtig erschreckend, aber eben auch fesselnd und tragisch – die Geschichte einer Frau, der alles genommen wurde und die wütend dagegen ankämpft.

Aus dem Nichts
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Aus dem Nichts
„Aus dem Nichts“ nimmt sich des deutschen Schandflecks der NSU-Morde an und macht eine ganz eigene Mischung aus Drama und Thriller daraus. An Subtilität ist Fatih Akin hier nicht interessiert. Vielmehr ist die Geschichte um eine Frau, die Gerechtigkeit für ihre ermordete Familie fordert, eine wütende und bewusst provokative Abrechnung mit Tätern und Justiz.
7von 10

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