Inglourious Basterds

„Inglourious Basterds“ // Deutschland-Start: 20. August 2009 (Kino) // 14. Januar 2010 (DVD/Blu-ray)

Vergangene Woche war für mich besonders schwer. Massenweise musste ich im Internet positive bis euphorische Rezensionen über Quentin Tarantinos jüngstes Werk lesen doch erst gestern konnte ich selbst in den Genuss von Inglourious Basterds kommen. Die Erwartungen waren durch die durchwegs guten Meinungen nochmals ordentlich nach oben geschraubt worden, aber ich wurde dann auch nicht enttäusch,t sondern (man glaubt es kaum) sogar überrascht. In der Regel interessieren mich die diversen Film-Awards nicht sonderlich. Allerdings muss ich an erster Stelle Christoph Waltz hervorheben, der in Cannes zu Recht als bester Schauspieler gekürt wurde. Eine phänomenale Performance, die der Österreicher da als smarter SS-Standartenführer Hans Landa erbringt. Wie immer versteht es Tarantino seine Crew perfekt einzusetzen, die Rollenverteilung könnte nicht gelungener sein wie ich finde. Sogar ein ansonsten von mir verschmähter Til Schweiger schaffte es als durchgeknallter Nazijäger Hugo Stiglitz mich zum Lachen zu bringen. Ein weiteres Beispiel für Tarantinos Fingerspitzengefühl ist auch Kommissar Rex Gedeon Burkhard. Hätte mir jemand vor einem Jahr gesagt, er würde einen Part in Tarantinos Film bekommen, hätte ich es wohl nur mit kopfschütteln erwidert.

Die Angst, Tarantino würde lediglich ein Remake vom verdächtig gleich klingenden Inglorious Bastards oder nur einen platten „Killing Nazis“-Streifen drehen, nimmt uns das Ausnahmetalent gleich mit der ersten Szene, die – genauso wie der restliche Film – musikalisch phantastisch unterlegt ist; spätestens bei Ennio Morricones La Resa läuft es einem kalt über den Rücken. Oft habe ich diese Tage gelesen, dass Tarantino einen Kriegsfilm im Italo-Western-Kostüm abgelichtet hat. Die Anfangssequenz bestätigt diese Aussagen durchaus und über die Laufzeit verteilt blitzt hier und da sein Faible für dieses Genre immer wieder auf, aber wie immer extrahiert er lediglich die für ihn wichtigen Elemente, mixt diese mit anderen Material gekonnt und serviert uns den so heißbegehrten Quentin-Shake. Was an dieser Stelle vielleicht wie ein Vorwurf klingt, soll eigentlich ganz im Gegenteil meine Bewunderung ausdrücken.
Inglourious Basterds unterscheidet sich nämlich in vielerlei Hinsicht von Tarantinos anderen Filmen. Öfters wurde gesagt der neue Streifen sei „deutscher“, als sich ihn wohl viele erwartet hatten. Dem kann ich nur bedingt zustimmen, zumal es ja wenig Sinn macht einem Kunstwerk eine Nationalität zu verpassen: gut dazu passt hier ja die Diskussion in der Taverne zwischen Bridget von Hammersmarck (Diane Kruger, die vermutlich schwächste Besetzung im Film) und den besoffenen deutschen Soldaten.

Natürlich gibt es viele Anspielungen die beispielsweise ein Amerikaner nur schwer verstehen wird, doch ich würde auch nicht Kill Bill als asiatischen Film brandmarken, sondern vielmehr als Tribut und als Ansporn die vielen Unbekannten zu recherchieren und zu beleuchten. In diesem Punkt unterscheidet sich sein letzter Geniestreich also nicht von den anderen Werken und auch bei den Basterds kommen keine heroischen Figuren vor, sondern ganz nach Q.T.-Manier bekommen wir ein zwar charismatisches und sympathisches Ensemble an Charakteren geboten, aber im Endeffekt gibt es nur Antihelden, die wenn man so will gangsterhaft wirken. Im Gegensatz zu anderen WWII-Filmen geht hier Tarantino also völlig andere Wege, vor allem weil seine Nazijäger, die Basterds, wie ein Haufen blutrünstiger Holzhacker wirken, weniger wie die ansonsten so tapferen und nach Menschenrechten lechzenden Alliierten.

Angeführt von Aldo Raine (Brad Pitt) metzelt sich die (jüdisch-deutsch-amerikanische) Truppe nämlich im von Nazis besetzten Frankreich durch und hinterlässt dabei eine – optisch durchaus brutal umgesetzte – Blutspur. Der Autor und Regisseur versucht allerdings in keinster Weise, einen Realitätsanspruch zu behaupten, sondern macht im grande finale nochmals eindeutig klar, dass es sich hier um eine rein fiktive Story handelt, die vielleicht höchstens einer Wunschvorstellung gleicht in der auf eine durchaus poetische Weise die Crème de la Crème der Nationalsozialisten im Pariser Kino abgefackelt wird. Tarantinos vielleicht naive Metapher, dass die Nazis durch das Cinema La Gamaar umgebracht werden, hat dennoch etwas Romantisches an sich, und die Idee erinnerte mich irgendwie an Tornatores Cinema Paradiso.

Die Initiatorin dieses Massakers, Shosanna (Mélanie Laurent), eine jüdische Franzosin, deren Familie von Landa umgebracht wurde, überzeugte mich dabei übrigens mit ihrem kalten und eleganten Schauspiel. Ihr Gespräch bei Strudel und Kaffee fand ich den besten Dialog überhaupt. Hier blüht Waltz vollends auf und Tarantino serviert seinem Publikum wieder die Wortwechsel die einen ausflippen lassen und die man seit Pulp Fiction als sein Markenzeichen bezeichnen könnte.

Mit den ebenfalls obligatorische schwarzen Humor wird auch nicht gegeizt, es gibt viele Untertitel zu lesen und alles im allem kommt wenig Action vor, sondern der Dialog dominiert. Trotzdem war der bunt durchgemischte und rappelvolle Kinosaal hin und weg. In Zeiten, in denen rasante und hirnlose Actioner oder 08/15-Horrorstreifen den Mainstream beherrschen war ich dann doch überrascht dass die Leute so positiv reagierten.
Die Gerüchte, Eli Roth, der übrigens den Part des „Bärenjuden“ im Film übernahm, werde einen Streifen über den deutschen Scharfschützen Fredrick Zoller (gespielt von Daniel Brühl, der hier wie die Faust aufs Auge passt) drehen, lässt die Herzen der Fans natürlich höher schlagen, ich selbst bin da allerdings sehr skeptisch, denn eigentlich halte ich nicht sehr viel von Roth als Filmemacher.

Resümierend kann ich den Film also uneingeschränkt empfehlen und jeden Cineasten aber auch Otto-Normalverbraucher ans Herz legen. Um nochmals meine Verwunderung Ausdruck zu verleihen: selbst die aknebefallenen Sechszehnjährigen „Gangster“, die hinter mir saßen, konnten sich nicht dem Bann von Inglourious Basterds entziehen und spätestens, als Christoph Waltz seine Monsterpfeife auspackt,e gaben sie das Popcornschmeißen auf und ließen sich überwältigen. Wer den Streifen also auf der großen Leinwand verpasst, ist selbst Schuld. Wenn sich die Möglichkeit ergibt, werde ich mir den Film bestimmt noch mal im O-Ton oder wenigstens in italienischer Sprache anschauen. Die Trailer lassen vermuten, dass bei Letzterem die Synchronisation etwas besser gelungen ist als die deutsche, was übrigens nicht heißen soll, dass diese schlecht ist.

Inglourious Basterds
3.86 (77.14%) 7 Artikel bewerten

Inglourious Basterds
Gewohnte Kost mit viel schwarzen Humor von Quentin Tarantino der auch hier nicht mit Anspielungen und Zitate spart die sich querbeet durch die Filmgeschichte ziehen.
9von 10

7 Responses

  1. C.H.

    überzeugte mich dabei übrigens mit ihrem kalten und eleganten Schauspiel

    Jep. Abgesehen von Waltz, der in diesem Film alles überstrahlt, war Mélanie Laurent auch für mich ein echtes Highlight. Ganz große Leistung von Seiten der jungen Französin!

    Antworten
  2. parker

    Hab ihn gestern gesehn und finde ihn nicht einen seiner besten. Ein Mitbesucher meinte der Film hätte „keinen Tarantino-Charrakter“, was ich nicht behaupten würde, jedoch ein zum Teil zustimmen kann. Ich fand die Pointen nicht so komisch wie sonst und auch nicht so überraschend. Vor allem das Ende hätte er durchaus mehr ausbauen können. Ich hab darauf gewartet, dass die Bastards auf Shosanna treffen, wurde dannn jedoch enttäuscht.

    Die besten Szenen sind die im Restaurat als Landa plötzlich auftaucht und mit Shosanna spricht, und natürlich die Szene im Keller in der eindeutig August Diehl die zentrale Rolle einimmt. Meiner Meinung nach ist er nach Waltz die beste Besetzung im Film (gegen ihn hat Brühl – nicht zum ersten mal – wie ein Anfänger gewirkt). Die Szene im Keller ist ausserdem eine Schlüsselszene weil sie den Verlauf der Handlung wesentlich beeinflusst. Tarantino hat hier so viel Liebe zum Detail bewiesen, wie man es aus anderen Filmen kennt.

    Alles in allem aber tadelose Unterhaltung.

    Antworten
  3. Candide

    Aber genau dass er nicht wie ein „typischer Tarantino-Flick“ wirkt (was auch immer hier für Kriterien gemeint sind) finde ich so grandios. Er beweist (noch einmal) über sich hinausgewachsen zu sein, keine Grenzen zu kennen oder wenigstens den aktuellen Horizont der Filmlandschaft zu sprengen.

    Für mich persönlich ist es immer schwer seine Filme in eine Rangfolge zu bringen aber dennoch würde ich IB oben ansiedeln.

    Diehl verdient übrigens tatsächlich eine Nennung, schade dass ich ihn im Review ganz weggelassen habe. Ich mag Brühl auch nicht sonderlich, allerdings fand ich ihn in seiner Rolle hier sehr passend. Gerade dieses (ungeduldige) Greenhorn-Image gefiel mir und passt doch gut zu einem „Buben“ der quasi über Nacht zum Star avancierte.

    Antworten
  4. Breakout

    Leute, sagt mal, habt Ihr vielleicht ein paar negative oder zumindest kritische Reviews zur Hand? Mir ist es unheimlich nur positive Reviews zu lesen, selbst in meiner Provinzzeitung, der Fränkischen Landeszeitung, wird er positiv rezensiert. Da ist doch was faul. 😉
    Werd hoffentlich dieses Wochenende dazu kommen mir selbst ein Bild zu machen.

    Antworten
  5. Candide

    Ich habe auch schon nach negativen Kritiken gesucht um auch mal eine andere Meinung zu hören, meine eigene ist ja logischer- und auch notwendigerweise subjektiv gefärbt.
    Wie bereits von einem anderen Blogger verlinkt, scheint ein Beitrag der ZEIT am ehesten noch Bedenken über die Genialität dieses Flicks zu haben wenn der Autor unter anderem schreibt:
    Für allegorische Lesarten dieser und anderer Art bietet der Film reiches Material. Und gewiss wird in Kürze eine gewaltige Deutungsmaschinerie anlaufen, die überall die tatsächlichen oder scheinbaren politischen Implikationen und Anspielungen benennt. Ein Fest für intellektuelle Kinoliebhaber, denen die Würde des Gegenstands gleichgültig ist, solange er nur ihrem Scharfsinn Betätigung gibt.

    Ehrlich gesagt kann ich mit Jens Jessen aber wenig anfangen, spricht seine Kritik dämpft keineswegs meine Euphorie.

    Die meisten „kritischeren“ Kritiken waren ähnlich wie das Kommentar von Parker mit der conclusio dass es zwar kein Meisterwerk sei aber ein durch und durch sehr guter Film.

    Antworten
  6. Candide

    Habe am Freitag die italienische Premiere gesehen und bin mit dieser Synchro auch nicht ganz zufrieden, man hätte wohl besser getan den Film einfach so zu lassen wie er ist und alles eventuell zu Untertiteln. Schade dass es hier in der Nähe kein Kino gibt das ihn im O-Ton zeigt, ich werde mich wohl bis zur DVD damit zufrieden geben müssen.

    Genau wie beim ersten mal war ich wieder vollauf begeistert und konnte mich diesmal besser auf die kleinen Details konzentrieren. Der Soundtrack will mir übrigens genau wie damals bei Kill Bill kaum aus den Ohren gehen. Derzeitiger Favorit in Hinsicht auf Sound in Kombination mit der Filmszene ist eindeutig „Un Amico“ von Morricone.

    Antworten
  7. Candide

    Habe ihn nun endlich nach deutscher und italienischer Fassung auch nochmals im Original angeschaut.
    Auch wenn ich die jeweiligen Übersetzungen für gelungen halte ist hier aber der O-Ton vorzuziehen. Nicht nur dass dies „originaler“ ist, sondern auch weil damit der Film schlicht gesagt besser funktioniert.

    Das Blu-Ray-Release hat übrigens wenige aber dafür sehr coole Extras. Neben der vollen Länge von „Stolz der Nation“ gibt es dazu ein sehr witziges „Making-Of“ 😉
    Die Interviews aber vor allem die Tour durch die Filmzitate (vorwiegend durch die im Streifen vorkommenden Filmposter) fand ich sehr sorgfältig ausgesucht.
    Technisch ist wie nicht anders zu erwarten war die BD erfekt, sei es Bild wie die vorzügliche Vertonung.

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.