(„No Limits, No Control“ directed by Jim Jarmusch, 2009)

The Limits Of ControlEin dubioser Namenloser (Isaach De Bankolé) reist durch Spanien. Er hat dort einen geheimnisvollen Auftrag zu erledigen, der mit dunklen Machenschaften in Verbindung zu stehen scheint. Deshalb bewegt sich der wortkarge Unbekannte stets in den Grauzonen des Gesetzes. Auf seinem Streifzug durch das Land trifft er in einzelnen Etappen auf mysteriöse Personen, die ihm jeweils nach einem Monolog eine rätselhafte Botschaft übermitteln. Welche Aufgabe er erfüllen muss, wird mit dem Fortgang der Geschichte immer nebulöser und die Atmosphäre wird bedrohlicher, bis es zum finalen Showdown kommt.

Zuletzt unterhielt Jim Jarmusch (Night On Earth, Dead Man) seine Zuschauer mit der Tragikomödie Broken Flowers. Der neue Film des Autorenregisseurs stellt eine Collage aus seinem bisherigen Oeuvre dar. So ähneln z.B. die Statements der Nachrichten-überbringenden Gestalten, die sich rund um Kunst, Kultur und Metaphysik drehen, dem Konzept seines Films Coffee & Cigarettes. Der geheimnisumwobene Protagonist wiederum kann mit dem philosophierenden Samurai-Auftrag- Killer von Jarmuschs Ghost Dog – in dem De Bankolé eine Nebenrolle spielt – verglichen werden. Außerdem scheint sich (mit der Figur „Der Amerikaner“) Bill Murray endgültig als ein Dauergast der jüngeren Jarmusch-Filme (Coffee & Cigarettes; Broken Flowers) und damit zu einem der Lieblingsschauspieler von Jarmusch etabliert zu haben.

Für Nicht-Jarmusch-Fans könnte es mitunter schwer sein, dem komplexen Film mit seinen verschiedenen Bedeutungsebenen zu folgen. Die Einzelteile des Plots hängen nur lose miteinander in Verbindung. Jedoch eint sie wiederkehrende Handlungsmuster: z.B. bestellt der Protagonist bei den Treffen immer „dos espressos“ – eine der wenigen Worte des Unbekannten. Der New Yorker Kult-Regisseur verzichtet in einzelnen Sequenzen immer wieder auf Dialoge bzw. Erklärungen. Zudem sind die wenigen Monologe der Gesprächspartner des Unbekannten auch noch auf einem hohen Niveau.

Für diejenigen aber, die sich auch sonst nicht mit dem Standard zufrieden geben, besticht der Independent-Streifen beispielsweise durch z.T. überbordende filmgeschichtliche Querverweise oder durch ironische selbstreflexive Betrachtungsweisen: Z.B. erzählt „Die Blondine“ (Tilda Swinton, Burn After Reading) von einem historischen Streifen, in der eine Schauspielerin zum einzigen Mal in ihrer gesamten Karriere mit blonden Haaren auftrat. Kurioserweise ist Swinton selbst ebenfalls zum ersten (und letzten?) Mal blond in einem Film zu sehen.

Die Treffen während der Odyssee des Fremden durch Spanien symbolisieren verschiedene Seelenlandschaften, während die in Isolation durchgeführten Meditationsübungen des unbekannten Gangsters die persönliche Hommage des Indie-Regisseurs an den Buddhismus darstellen. Auf einer weiteren Ebene spielt Jarmusch außerdem mit der Erwartungshaltung des Zuschauers – so verweigert er explizit die Darstellung von Gewalt, Sex und Handys, was als eine Absage an bzw. eine Persiflage auf den modernen Gangsterfilm gedeutet werden kann. So geschieht der einzige Mord im Film mit Hilfe einer Gitarrensaite, die einer Gitarre eines spanischen Musikers entstammt.

Zusammengefasst ist The Limits Of Control ein vielschichtiger, meditativer Indie-Film über einen Auftragskiller vom Meister des Fachs. Wer für einen trockenen Humor à la Wes Anderson (Die Tiefseetaucher) oder Aki Kaurismäki (Lichter der Vorstadt) gepaart mit der Erzählweise eines Autorenfilmers wie Wim Wenders (Don’t Come Knocking) zu haben ist, gleichzeitig auch nicht vor philosophischen Inhalten zurückschreckt und trotzdem ästhetisch unterhalten werden will ist beim neuesten Streich von Jarmusch bestens aufgehoben.

The Limits Of Control
3.76 (75.24%) 21 Artikel bewerten

The Limits Of Control
7von 10

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3 Responses

  1. Candide

    Endlich gesehen und dazu nochmals deine Gedanken gelesen. Sehr gutes Review wie ich finde, der den Kern wiedergibt.
    Es ist nicht immer einfach dem Film zu folgen aber ich finde genau diese Unsicherheit macht einen stutzig und fördert die eigene Konzentration.
    Isaach De Bankolé beweist dass es nicht vieler Worte benötigt um eine überzeugende Leistung zu erbringen, der Rest vom Cast ist wie immer sorgfältig ausgesucht und eingesetzt.
    Anfangs fand ich den Streifen sehr still, was mich verwunderte da ja Jarmusch ein bekennender Musikliebhaber ist, aber im Nachhinein finde ich sind die wenigen Musikfetzen (was wiederum an „Deadman“ erinnert um deinen Faden weiterzuspinnen) und Ausschnitte sehr bewusst gewählt.
    Toller Film auch wenn er wie du richtig erwähnst dem Durchschnittspublikum nichts oder nur wenig sagen wird. Keine Ahnung wie ich reagiert hätte wenn es mein erster Jarmusch gewesen wäre 😉

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  2. Ijon Tichy

    Danke für das Lob 🙂
    Kann sein, dass es nur ein Film für Fans von Jarmusch- bzw. Independentfilmen ist, das kann ich leider nicht beurteilen, da ich mich selbst zu zuletztgenannten zähle 😉

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  3. Parker

    Ich finde die Handlung absolut zweitrangig. Jarmusch bekennt sich hier eindeutig als Existenzialist der letzendlich alles relativiert. Sogar der vermeintliche „Oberboss“ (Bill Murray) kann mit seiner Ansprache nicht punkten da „man auf den Friedhof gehen muss“ um eine Lektion in Schöpungsgeschichte zu bekommen.

    Ganz im postmodernen Sinne vermischt Jarmusch fernöstliche (Chi Gong,…), islamische (Sufismus) und europäische Kultur und Philosophie. Das mag ja für einen Existanzialisten schön ins Weltbild passen, ist aber für den „normalen“ Menschen müssig und sehr entbehrlich.

    Ich mochte die Momente in denen Humor aufblitzte am meisten und natürlich die schönen Stimmungen. Das macht Jarmusch für mich interessant. Ansonsten wirkt er wie ein postmoderner Künstler dem schön langsam mit seinem Latain am Ende ist (was ja egal ist, denn es gibt ja genug Ideen die man klauen, zerfetzen, zusammenflicken und als neu verkaufen kann).

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