(„Broken Flowers“ directed by Jim Jarmusch, 2005)

Marco Behringer zur DVD

Nachdem der New Yorker Regisseur und Drehbuchautor Jim Jarmusch bereits in Coffe And Cigarettes mit Bill Murray (Lost in Translation, Die Tiefseetaucher) zusammengearbeitet hatte, verpasst der Kultfilmemacher dem Routinier eine Hauptrolle in Broken Flowers.

Don Johnston (Bill Murray) ist ein älterer Geschäftsmann einer IT-Firma. Gerade wird er von seiner derzeitigen Freundin (Julie Delpy) verlassen, was den Phlegmatiker kaum zu interessieren scheint. Vielmehr richtet sich seine Aufmerksamkeit auf einen anonymen, mit Schreibmaschine verfassten Brief, den er gerade erhalten hat. Darin offenbart ihm scheinbar eine seiner ehemaligen Liebschaften, dass Don, ohne es bisher gewusst zu haben, Vater eines gemeinsamen Sohnes ist. Gleichgültig begibt sich Don wieder auf sein Sofa. Erst sein Nachbar und Freund Winston (Jeffrey Wright) überzeugt Don den Brief ernst zu nehmen. Denn Winston, an dem ein Privatdetektiv verloren gegangen zu sein scheint, entwickelt einen Ehrgeiz, um dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Nachdem die Beiden die Auswahl der möglichen Kandidatinnen aus Dons Vergangenheit begrenzt haben, stachelt Winston seinen Nachbar an alle vier übriggebliebenen Ex-Freundinnen aufzusuchen. So beginnt Johnstons eher unfreiwilliger Trip in seine Vergangenheit, die die Frage um die unbekannte Verfasserin des Briefes und seinen eventuellen Sohn endgültigen klären soll.

Wie in vielen Jarmusch-Filmen zuvor, dreht sich auch dieser Streifen um Kommunikation und Raum. Oder besser: um Kommunikationsprobleme, die entstehen, wenn unterschiedliche Kulturen oder Persönlichkeiten aufeinandertreffen. Beispielsweise treffen die ungleichen Helden in Down By Law in einem Gefängnis aufeinander. In Night On Earth bilden die Taxifahrten, die auf dem gesamten Globus verteilt sind, eine Grundlage für das Zusammentreffen unterschiedlichster Charaktere. Schließlich dient in Coffee And Cigarettes in reduktionistischer Manier gleich nur ein Zimmer mit Tisch und Stühlen als Ort von Kommunikation. So ist es in Broken Flowers ein (Road-)Trip durch die Staaten – bzw. durch Dons Vergangenheit –, der zu verschiedenen Aufeinandertreffen u.a. mit Tilda Swinton (Adaption, Michael Clayton) oder Sharon Stone (Casino, Alpha Dog) führt. Wie immer entstehen auf diese Weise skurrile Situationen, Alltägliches und Rückschläge, die es einzustecken gilt.

Zwischen den Begegnungen gönnt Jarmusch den Zuschauern jedoch kurze Ruhepausen, deren geistig-regenerativer Charakter durch den Groove-lastigen Soundtrack untermalt werden. Ähnlich, wie bereits in Jarmusch‘ Ghost Dog, entsteht hier ein Raum innerhalb des Films. Dieser Raum wird in Ghost Dog zur Sammlung für die bevorstehende Prüfung genutzt – was durch die angespannten, kampfbereiten Texte der Hip Hop-Musik, die der Protagonist hört, unterstrichen wird. Dagegen fungiert der Zwischenraum in Broken Flowers als Kommunikationsbrücke zwischen Regisseur und Zuschauer: So blickt dieser zusammen mit Don entspannt auf die zurückliegenden Ereignisse zurück.
Außer Frage steht die Leistung von Murray. Er punktet durch seinen trockenen Humor, die er durch seine Gestik perfekt übertragen kann. Seine phlegmatische Ausstrahlung nimmt man ihm sofort ab. Und wenn er dem Jungen am Ende des Films folgenden philosophischen Ratschlag erteilt, wirkt er nicht altklug, sondern wie eine wehmütige, aber nichtsdestoweniger resolute Zusammenfassung seines Trips:

Die Vergangenheit ist vorbei, die Zukunft ist noch nicht hier. Daher, denke ich, gibt es nur das Jetzt.

Was auf den ersten Blick so banal oder minimalistisch klingt, kann auf den zweiten Blick eine Bedeutungsschwere entfalten, die sich mit den gängigen fernöstlichen Weisheiten, z.B. eines Lao-Tse, messen lassen. Für Don bedeutet das nach 107 Minuten jedenfalls, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und seinen Blick wieder vor seine Haustür zu richten – anstatt nur in den Fernseher –, wo sich die Gegenwart abspielt. Und für Jarmusch bedeutet Broken Flowers einen weiteren Kultfilm geschaffen zu haben.

Lorenz Mutschlechner zur Blu Ray

Genau wie mein Vorredner halte ich Broken Flowers für schlichtweg genial. Der trockene Humor von Bill Murray ist sicherlich nicht jedermanns Sache, aber wenn man den Mann mag, kann man diesen Film eigentlich nur lieben.
Was bei der vorhergehende Rezension vergessen wurde ist der spitzenmäßige Soundtrack, den Jarmusch immer sehr geschickt – etwa über Dons Autoradio – in seinen Film einstreuest.

Nun erscheint Broken Flowers erstmals auf Blu Ray, zu meiner Enttäuschung musste ich allerdings deutliches Bildrauschen feststellen. In solchen Fällen frage ich mich immer ob man es im Studio verbockt hat oder einfach die Quelle nicht besser war. Andererseits verstehe ich dann nicht warum man auf Teufel komm raus eine Blu Ray auf den Markt werfen muss. Bei einem Direktvergleich schneidet die Full HD-Version sicherlich besser als die DVD ab, vom Hocker wird das aber niemanden hauen. Wenigstens bekommt man den Ton im 5.1 DTS HD Master-Format serviert.

Die Extras wurden lediglich von der 2006 erschienenen DVD übernommen und sind eigentlich kaum erwähnenswert. Neben den üblichen Trailer-Shows, gibt es eine langweilige Outtake-Collage und ein kurzes (Telefon?)interview von Jim Jarmusch das mit Bildern vom Set kombiniert wurde. Letzteres erweist sich im Grunde als interessant da es mehr über Jarmusch als Künstler verrät als über den eigentlichen Film. Bekanntlich spricht der Mann ja nicht gerne über seine Filme, sondern überlässt die Interpretation anderen.

Broken Flowers erscheint am 28. Oktober auf Blu Ray

Broken Flowers
4.17 (83.33%) 6 Artikel bewerten

Broken Flowers
8von 10

Eine Antwort

  1. Candide

    Kann ihn nun auf meiner ToDo-Liste auch abhaken. Klasse Film von Jarmusch der wie du geschrieben hast ein sehr ähnliches Muster wie „Night On Earth“ oder eben „Coffee & Cigarettes“ aufweist.
    Murray liefert eine bombastische Leistung ab und wenn er am Ende direkt und unberührt in die Kamera schaut und unerwartet der Abspann einsetzt erreicht sein Schauspiel die Klimax.
    Jarmusch tat gut daran den Streifen nicht unnötig in die Länge zu ziehen. Ganz im Gegenteil zu einem „Dead Man“ wirkt der kurze und knackige Film sehr erfrischend und angenehm abgerundet.

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