(„Ghost Dog: The Way Of The Samurai“ directed by Jim Jarmusch, 1999)

Ein Samurai-Film vom Indie-Filmemacher Jim Jarmusch? Oder gar ein Gangster Rap-Movie? Der Titel lässt jedenfalls diese verschiedenen Assoziationen zu. Fans des New Yorker Autorenfilmemachers wissen aber seit Dead Man, dass der Kultregisseur gängige Genres auf ein anderes Niveau hebt als man es von konventionellen Filmemachern gewohnt ist.

Inhaltlich dreht sich der Genremix um den Einzelgänger Ghost Dog (Forest Whitaker). Er lebt wie ein Samurai – einfach und zurückgezogen –, zusammen mit Tauben, auf einem Hochhausdach. Einer seiner wenigen Kontakte zur sozialen Welt stellt sein französisch sprechender haitianischer Freund Raymond (Isaach De Bankolé), der als Eisverkäufer arbeitet. Das ungleiche Paar kann sich zwar nicht verständigen, da Ghost Dog kaum oder nur Englisch spricht, was sie aber nicht von einer Freundschaft zu trennen scheint. Eine weitere Bezugsperson des Samurais ist der italienische Mafiosi Louie (John Tormey). Der Kriminelle hat Ghost Dog in der Vergangenheit das Leben gerettet. Sein Samurai-Ehrenkodex gebietet es ihm, sich in den Dienst seines Erretters zu stellen. Daher arbeitet er seitdem als Auftragskiller für Louie. Durch einen Auftrag gerät Ghost Dog aber plötzlich selbst in das Fadenkreuz der Mafia. Nachdem die Gangster dessen Heim zerstört und dessen Tauben getötet haben, beginnt Ghost Dog eine kompromisslose Vendetta gegen seine einstigen Arbeitgeber.

Jarmusch (Broken Flowers, The Limits of Control) zeigt mit Ghost Dog einen weiteren Genremix, der inhaltlich verschiedene kulturelle Elemente vereint. Erstens enthält der Film Elemente der fernöstlichen Kultur in Form des Samurai-Kodexes, der im Film mehrfach zitiert wird, sowie spiritueller Meditationen und Schwertkampfübungen denen Ghost Dog nachgeht. Zweitens fügt Jarmusch eine ordentliche Portion an westlicher urbaner Subkultur mit in den Film ein. So gilt bei diesem Streifen „Nomen est Omen“: der Name des Titelhelden als Querverweis zur Hip Hop-Szene. Darüber hinaus tritt der Protagonist in Habitus und im Äußeren als Anhänger der Hip Hop-Kultur auf. Tatsächlich lässt Jarmusch den Rapper/Producer RZA (Coffee and Cigarettes, American Gangster)– Kopf des New Yorker Hip Hop-Kollektivs „Wu-Tang-Clan“ („Wu-Tang“ dt.: Schwertkampf) – nicht nur den kompletten Soundtrack zum Film gestalten, sondern ebenso als Gast auftreten. Eine dritte kulturelle Komponente ist schließlich der Globalisierungsfaktor bzw. die Tatsache, dass New York als Schmelztiegel verschiedener Zuwanderer dient. So haben wir neben dem ausschließlich französisch sprechenden Eisverkäufer Isaach De Bankolé (Night on Earth, The Limits of Control) ebenso die italienische Mafia, die sich für die wenigen humoristischen Momente des Films auszeichnet, etwa wenn sich die Mafiosi über das Pseudonym des Auftragskillers mokieren, während offenbart wird, dass einige italienische Gangster ebenfalls Pseudonyme gebrauchen, wie z.B. „The Snake“.
Forest Whitaker (Der letzte König von Schottland, Street Kings) spielt seine Rolle überzeugend. Sowohl die philosophische Samurai-Seite als auch die coole Art des Gangsters nimmt ihm der Zuschauer ab. Oder vielmehr: er verwirrt die Zuschauer. Denn er geht unbeirrt durch die 116 Minuten des Fillms den „Weg des Samurais“, d.h. in seiner Rolle als Ghost Dog orientiert er sein Handeln resolut nach Yamamoto Tsunemotos Lehre „Hagekure“. Konkret bedeutet dies, dass Ghost Dog alle anderen (gesetzlichen) Normen dem Samurai-Kodex unterordnet – ähnlich wie es islamistische Extremisten mit der Scharia halten. Auf der anderen Seite präsentiert uns Jarmusch mit Ghost Dog einen Sympathieträger: ein Taubenfreund und gutmütigen Büchermenschen.

Atmosphärisch könnte man Ghost Dog als Mischung aus Frühling Sommer Herbst Winter … und Frühling (Kim Ki-Duk), Goodfellas (Martin Scorsese) und Leon – Der Profi (Luc Besson) beschreiben. Inhaltlich erinnert er aufgrund des Rachefeldzugs auch stark an die Kill Bill-Filme von Quentin Tarantino. Jarmusch ist ein spannender und unterhaltender Genre- und Stilmix gelungen. Wer seine anderen Filme kennt und schätzt wird sich auch an diesem Streifen erfreuen.

Ghost Dog – Der Weg des Samurai
4.11 (82.11%) 19 Artikel bewerten

Ghost Dog - Der Weg des Samurai
8von 10

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5 Responses

  1. Candide

    Mir ging beim lesen deiner Rezension dasselbe durch den Kopf was Parker niedergeschrieben hat und gestern Abend war es dann also soweit. Wie immer wurde ich von Jarmusch nicht enttäuscht. Bisher der „leichteste“ Film den ich vom Indi-Filmemacher gesehen habe der schon fast wie ein Mainstreamstreifen daherkommt. Nichts desto trotz merkt man in jeder Sekunde die Detailverliebtheit und die Handschrift des Autors und Regisseur.

    Wie von Jarmusch gewohnt, spielt die Musik eine wichtige Rolle und der Sound von RZA (der bekannterweise selbst ein großer Asia-Fan ist) passt wie die Faust aufs Auge und kommt mit sehr viel Wu-Tang-Shaolin-Style daher.
    Man merkt dass sich der Regisseur eingehend mit dem japanischen Mittelalter befasst hat und deshalb in der Lage war die Lebensweise der Samurai und dessen Ehrenkodex überzeugend in ein modernes Gangster-Gewand zu packen. Nicht nur einmal erinnerte mich Whitaker an den schweigsamen Lone Wolf.
    Besonders Gefallen fand ich an der Idee seinen Helden über Brieftauben kommunizieren („Hat der Type denn kein FAX-Gerät?„) und ihn mit einen fetten Mercedes Benz durch die dreckigen Ghetto-Straßen fahren zu lassen.
    Sogar bei diesen Autofahrten macht Jarmusch eine Andeutung auf den Weg des Samurai – auf das Bushidō – den Ghost Dog gewählt hat und bis ans bittere Ende mit Rigorosität verfolgt.

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  2. Inspector Santini

    Eigentlich der Plot eines typischen Samurai oder Yakuza-Eiga. Jarmusch verlegt die Story in das urbane Amerika und als Clan nimmt er ein abgehalftertes New Jersey-Outfit. Interessant sind neben den ganzen HipHop-Quotes auch die vielen Anspielungen auf Supreme Mathematics und die Five Percenter ( siehe den RZA-Cameo).
    Der Soundtrack war einfach nur super und richtig gefreut hat mich der Auftritt von Henry Silva als Mr.Vargo.
    Sorry fürs klugscheissen, aber Wu-Tang steht nicht gleichbedeutent für Schwertkampf, sondern für eine ganze Martial Arts-Lehre ähnlich wie Shaolin.

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  3. Ijon Tichy

    Das ist im Text tatsächlich zu kurz gekommen. Aber ganz falsch lag ich nicht.

    Wu-Tang kommt von Wudang= traditioneller chinesischer Schwertkampfkunst.
    Darauf bezieht sich die Angabe aus der Rezension.

    Etymologisch ist Wu-Tang tatsächlilch eine Wade-Giles-Transkription (also die phonetische Umschrift der chinesischen Zeichen) von Wudang. Der Begriff geht auf die Wudang-Berge zurück, die als Ursprungsort der inneren Kampfkünste (Taijiquan, Baguazhang, Xingyiquan) gelten. Inhaltlich fällt auch die Lehre des „Wudang-Daoismus“ auf die Berge zurück.

    Du hast also recht und unrecht gleichzeitig. Denn im Text wollte ich nur die wortwörtliche Übersetzung zur (verkürzten) einfachen Erklärung stehen lassen, damit man eine grobe Einschätzung über die Hip Hop-Crew erhält. Eine ausreichende Begriffserklärung für eine Musikgruppe innerhalb einer Filmkritik erschien mir übertrieben.

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  4. Inspector Santini

    Stimmt!
    Ich glaub ehrlich gesagt das RZA bei der Namensfindung eher die ganzen alten Shaw Brothers-Streifen im Hinterkopf hatte. In diesen Filmen kämpfen die Wu Tung-Anhänger ja auch primär mit dem Schwert.

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