Kritik

Schlingensief In das Schweigen hineinschreien

„Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ // Deutschland-Start: 20. August 2020 (Kino)

Per Definition entsteht Kultur durch Kreativität, durch Talent und einen schöpferischen Impuls, eben diesen in Bilder, Worte oder Musik umzusetzen. Jedoch entsteht gerade durch das Dasein einer Definition wieder eine Konvention, eine Regel, nach der die Kunst und der Künstler gemessen werden. Auf der einen Seite mag dies vor einer „leeren“ Kunst schützen, die ohne jede Aussage und Wirkung entsteht, doch in gewisser Hinsicht führt dies auch zu einer Art Scheuklappensicht, die wiederum andere Kunst, die ihrem Betrachter eine neue Sicht auf gewisse Umstände ermöglicht, ausschließt. Des Öfteren wird in diesem Zusammenhang der Begriff der „Provokation“ genutzt, ein Wort, welches bisweilen seine eigentliche Bedeutung eingebüßt hat und die Hilflosigkeit eines Betrachters oder eine Öffentlichkeit deutlich macht, die mit dieser neuen oder anderen Form der Darstellung nichts anzufangen weiß.

Während seiner langen Karriere musste sich gerade jemand wie Christoph Schlingensief immer wieder mit dem Stigma des „Provokateurs“ herumschlagen. Anlässlich des zehnten Todestages Schlingensiefs erscheint mit Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien eine Dokumentation von Bettina Böhler, die viele Filme Schlingensiefs montiert hat, die sich unter anderem mit dem Ruf des Regisseurs als Provokateur auseinandersetzt. Zu diesem Zwecke blickt sie auf eine Vielzahl von Archivaufnahmen, angefangen bei privaten Videos der Familie Schlingensiefs über die ersten Filme bis hin zu den Interviews, die über die Jahre mit Schlingensief geführt wurden. Entstanden ist dabei ein filmisches Porträt, welches nicht nur über das Leben und das Schaffen eines Ausnahmetalents informiert, sondern über die Idee der Provokation in der Kunst, wann sie willkommen ist und wann man sie verurteilt.

„Die Realität ist die Inszenierung.“
Wenn es eine Eigenschaft des Menschen Christoph Schlingensief gibt, die man heute noch wahrscheinlich bewundert, dann seine Sicherheit, einen Themenkreis innerhalb eines Gesprächs sogleich mit vielen anderen zu verbinden. Ohne Zögern oder auffällige Pausen erzählt Schlingensief, analysiert und streitet sich mit seinem Gegenüber, über seine Kunst, über die Aktion, den Film oder über die Provokation, einem Begriff, bei dem sich selten eine Übereinkunft mit Schlingensiefs Gesprächspartner zu finden scheint. Selbst in den schwersten Stunden im Krankenhaus, in der letzten Phase seines Lebens, verliert Schlingensief diese Eigenschaft nicht und berichtet über seine Gefühle, geht mit sich selbst ins Gericht und versucht die Angst zu überwinden.

Vielleicht ist diese Überwindung der Angst eben jener Aspekt, den seine Gesprächspartner mit dem Label der „Provokation“ belegen. Schlingensief macht dies davon abhängig, dass er Sohn eines Apothekers sei, der eben immer „Mini-Portionen Gift“ auf die entzündete Stelle gibt, damit diese endliche heilen und man weiterleben kann. Diesem Prinzip folgend lässt sich das Gesamtwerk verstehen, welches im eigentlichen, produktiven und konstruktiven Sinne die Konfrontation und tatsächlich die Provokation sucht, damit man sich als Zuschauer endlich von Ängsten befreien kann. Die Ängste sind hierbei die vor dem Fremden (Freakstars 3000), vor der eigenen Vergangenheit (Menu Total) und der ungewissen Zukunft (Das deutsche Kettensägenmassaker). Das Lachen darüber hat dann für den Zuschauer wie auch für Schlingensief etwas sehr Befreiendes.

„Die Realität ist die Inszenierung“, ist einer von diesen schon fast druckreifen Sätzen, die nach den knapp über zwei Stunden von Böhlers Dokumentation im Gedächtnis des Zuschauers bleiben. Der Künstler legt den Finger auf die Wunde und durch die Inszenierung wird offenbart, gezeigt und letztlich besteht die Möglichkeit einer Heilung. Während man wahrscheinlich auch noch in 20 Jahren jemandem wie Christoph Schlingensief mit der Bezeichnung „Provokateur“ versucht zu umschreiben, bleibt hoffentlich auch das Bild des großen Künstlers und Ideenmenschen haften. Dazu leistet Bettina Böhler mit ihrem Film einen wichtigen Beitrag.

Credits

OT: „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Bettina Böhler
Drehbuch: Bettina Böhler
Musik: Helge Schneider

Trailer

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Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien
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Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien
„Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ ist ein informatives, sehr aufschlussreiches Porträt des Künstlers Christoph Schlingensief. Bettina Böhler ist ein Film gelungen, der über seinen Fokus mit dem Zuschauer auch Fragen der Kunst heutzutage und dem Wert der Konfrontation diskutiert.
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