
In einer kleinen, abgelegenen Bergbaustadt ist der junge Luo Jia (Zheyan Li) einer von vielen Arbeitern, die täglich viele Stunden in der Kohlemine schuften. Sein karges Gehalt reicht nicht für eine eigene Wohnung, sodass er sich eine mit einem der Wachleute des Bergwerks teilen muss. Fast jeden Abend muss er die plumpen sexuellen Avancen seines Mitbewohners erdulden, die er stumm erträgt.
Eines Tages jedoch ändert sich sein Leben, als er Su Qing (Feng Qi), eine Sexarbeiterin, kennenlernt. Auch sie versucht inmitten der Armut und der emotionalen Kälte ihrer Umgebung zu überleben. In Luo findet sie jemanden, der ähnlich wie sie empfindet, sodass aus ihren ersten Begegnungen mit der Zeit eine Beziehung wird. Schließlich hält Luo gar um ihre Hand an und gelobt ihr, von nun an für sie beide zu sorgen.
Als die Mine jedoch schließen muss und den Arbeitern gekündigt wird, scheint Luos Plan auf einmal nicht mehr so sicher zu sein. Er versucht, eine neue Stelle zu finden, doch in der Stadt scheinen alle Stellen belegt zu sein. Zudem ist sein alter Mitbewohner immer noch gekränkt darüber, dass Luo nun in einer Beziehung ist, und wartet auf einen Moment, in dem er Rache nehmen kann.
Der Schauplatz eines Verbrechens
Border ist der erste Spielfilm des chinesischen Regisseurs Ah Biao, der für seinen Film auf dem San Sebastián Film Festival mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde. Auch wenn der Handlungsort von Border einen Bezug zu Biaos eigener Herkunft hat, will der Filmemacher sein Werk nicht als biografisch oder als reine Ortsstudie verstanden wissen. Vielmehr geht es ihm – wie der Titel bereits andeutet – um die Grenzen zwischen Menschen, die natürlichen wie auch die von Menschen gemachten. Gerade in Regionen wie der, die Border zeigt, sind Armut, Arbeitslosigkeit und große Not Teil des Alltags, der sich in dem meist trostlosen Stadtbild widerspiegelt. Ähnlich wie die Filme seiner Kollegen Jia Zhangke oder Tsai Ming-liang blickt Biao auf die emotionale Landschaft, die Kälte wie auch jene Räume, in denen Nähe zugelassen werden kann, doch ebenso auf reale wie strukturelle Gewalt.
In Border wechseln sich Momente großer Intensität mit Kälte und Routine ab. Eine Sexszene zwischen den beiden Hauptfiguren, die Ah Biao mit einer statischen Kamera filmt, wird von einer Szene in einem der zahlreichen Tunnel der Mine abgelöst, in der Luo von einem Kollegen angeblafft wird, er solle endlich bei der Reparatur eines Gasrohrs mithelfen. Wie betäubt reagiert der junge Mann auf die Worte seines Gegenübers – scheinbar mit den Gedanken schon im Feierabend und damit beim Wiedersehen mit Su.
Sexualität und emotionale Nähe inszeniert Ah Biao ebenso nüchtern wie das triste Einerlei der Bergbaustadt. Eine statische Kamera evoziert das Bild eines Ortes, an dem seit vielen Jahren schon alles seinen gewohnten Weg geht, wo aber bereits der schleichende Verfall eingesetzt hat. Die Figuren erleben wir stets mit einer gewissen emotionalen Distanz, weshalb in Border auch kaum geredet wird und die emotionalen Regungen aus den Gesichtern der Menschen fast gänzlich ausradiert scheinen. Nähe und Sexualität stechen hervor, bleiben aber dennoch Teil dieser grauen, hoffnungslosen Welt – sie verstärken diesen Eindruck sogar, wenn sie zum emotionalen Fundament eines Verbrechens werden. Ah Biaos minimalistischer Ansatz gibt dem Zuschauer wenig, vor allem kaum Antworten, wobei die Figuren diese selbst vielleicht nicht haben.
„Kannst du dir mich leisten?“
Wichtiger noch als Nähe erscheint das Geld in Border. Luo muss es mühsam zusammenkratzen, um sich überhaupt etwas leisten zu können, doch mehr als das bloße Überleben ist damit nicht möglich. Su wird das Geld von ihrem Zuhälter am Ende jeden Tages wieder abgenommen und auf einen kleinen Teil reduziert, mit dessen Hilfe sie dann überleben muss. Es ist auffällig, dass die Nähe zu dem jungen Minenarbeiter nicht von großen Gefühlen begleitet wird, sondern von der Frage, ob Luo sich einen Menschen wie sie überhaupt leisten kann. Dieser Bezug auf das Geschäftliche scheint das Naheliegendste in einer Welt zu sein, in der Emotionen rar gesät sind.
So trist der Handlungsort ist, so reduziert ist auch das Schauspiel von Zheyan Li, Feng Qi sowie dem Rest des Ensembles. Fast möchte man meinen, man sei in einem Film des Finnen Aki Kaurismäki gelandet, wobei dessen Werken noch ein warmherziger, menschlicher Kern innewohnt, den man in Border schmerzlich vermisst. Generell ist der Film sehr spröde und bisweilen sehr zäh geraten – weniger, weil die Figuren, die Ah Biao zeigt, uninteressant wären, sondern vielmehr, weil er erzählerisch und thematisch auf der Stelle tritt.
OT: „Bian Jing“
Land: Hongkong, USA, Südkorea
Jahr: 2026
Regie: Ah Biao
Drehbuch: Ah Biao
Kamera: Ah Biao
Musik: Min Bai, Wenqi Qiao
Besetzung: Zheyan Li, Feng Qi, Sanming Han, Gang Zheng, Tao Guo
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