Mit Primetime (Kinostart: 24. September 2026) bewegt sich Robert Pattinson zwischen True Crime, Mediensatire und Charakterstudie. Der Film ist von dem amerikanischen Fernsehphänomen To Catch a Predator und dessen Moderator Chris Hansen inspiriert, entfernt sich dabei aber bewusst von den Konventionen eines klassischen Biopics. Pattinson war bereits lange als Produzent an der Entwicklung des Projekts beteiligt, bevor er sich schließlich entschied, auch selbst die Hauptrolle zu übernehmen. Im Interview spricht er über die Grenze zwischen journalistischem Auftrag und Unterhaltung, die enorme popkulturelle Wirkung des ursprünglichen Formats und darüber, warum ihn gerade Figuren interessieren, die zwischen persönlichem Ehrgeiz und moralischer Verantwortung gefangen sind.
Du warst bereits lange als Produzent an Primetime beteiligt, bevor du dich relativ spät entschieden hast, auch selbst die Hauptrolle zu übernehmen. Wie hat sich dadurch deine Vorbereitung auf die Figur verändert?
Ich hatte Primetime schon lange als Produzent entwickelt und mich erst ziemlich spät entschieden, überhaupt darin mitzuspielen. Tatsächlich habe ich diese Entscheidung am selben Tag getroffen, an dem ich auch bei Das Drama – Nochmal auf Anfang zugesagt habe. Danach musste ich meinen gesamten Zeitplan irgendwie so organisieren, dass beides funktionierte. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits sehr viel Vorarbeit geleistet, allerdings ursprünglich mit dem Gedanken, eine Figur für einen anderen Schauspieler zu entwickeln. Am Ende wurde daraus meine eigene. Ich kannte meinen Zeitplan ungefähr zwei Jahre im Voraus und dachte deshalb gleichzeitig über all diese Filme nach. Dadurch konnten auch immer wieder kleine Elemente von einem Projekt in das andere einfließen. Während ich Das Drama und davor Die My Love gedreht habe, entwickelte ich Primetime fast täglich gemeinsam mit Regisseur Lance Oppenheim und Jeanne Elfant Festa weiter. Der Film hat dabei unglaublich viele unterschiedliche Formen angenommen. Selbst nachdem wir bereits gedreht hatten, habe ich bestimmt 80 verschiedene Schnittfassungen gesehen. Der gesamte Prozess war sehr organisch.
Der Film beschäftigt sich stark mit der Grenze zwischen journalistischem Auftrag und Unterhaltung. Was hat dich an der Entwicklung von To Catch a Predator besonders fasziniert?
Wenn man sich die erste Folge von To Catch a Predator ansieht, ist das zunächst wirklich nur ein Segment innerhalb einer Nachrichtensendung. Das Internet und insbesondere Chatrooms waren damals noch etwas Neues. Es funktionierte fast wie eine öffentliche Warnung an Eltern und ergab in diesem Kontext vollkommen Sinn. Was ich faszinierend fand, war, wie schnell sich das verändert hat. Für Dateline war dieses Format zunächst etwas völlig Neues, aber dann wurde es immer wieder produziert. Innerhalb kürzester Zeit wurde es von der Popkultur übernommen. Menschen machten Parodien und Imitationen daraus und plötzlich wurde etwas normalisiert, das in seiner ursprünglichen Form eigentlich erschreckend ist. Ich glaube nicht, dass die Menschen hinter der Sendung jemals geplant hatten, daraus einen großen Hit zu machen. Aber irgendwann reagiert man auf die Mechanismen der Unterhaltungsindustrie. Ab einer bestimmten Zuschauerzahl oder sobald etwas genügend Geld einbringt, spielt das eigentliche Thema beinahe keine Rolle mehr. Man hat plötzlich einen Hit und muss sich entsprechend verhalten.
Genau diese Situation finde ich faszinierend: Man muss etwas in einer Late-Night-Show genauso bewerben wie eine Serie wie Lost, obwohl man gleichzeitig mit den ethischen Konsequenzen des eigenen Formats umgehen muss. Das Publikum möchte unterhalten werden, man möchte, dass die Menschen einschalten, und gleichzeitig gibt es den eigenen Ehrgeiz. Für eine dramatische Interpretation ist das ideales Material.
Warum glaubst du, dass dieses Format auch nach so vielen Jahren noch eine derart starke Faszination auf Menschen ausübt?
Es gibt einen Grund dafür, dass die ursprüngliche Sendung ein so großer Erfolg war und heute wieder Menschen auf YouTube ähnliche Formate produzieren. Dahinter steckt eine sehr offensichtliche und tief verwurzelte Angst: die Vorstellung eines unsichtbaren Feindes, der versucht, in das eigene Zuhause einzudringen und Kindern etwas anzutun. Gerade für Eltern, aber nicht nur für sie, gehört das wahrscheinlich zu den tiefsten Ängsten überhaupt. Man weiß nicht, wie man sich dagegen verteidigen soll, und dadurch entsteht schnell die Haltung, dass jedes Mittel gerechtfertigt ist. Menschen denken: Bestraft und demütigt jeden, der so etwas versucht, damit eine abschreckende Wirkung entsteht. Diese Logik kann ich nachvollziehen. Heute erleben wir allerdings eine abgeschwächte Variante desselben Phänomens. Plötzlich steht bei solchen Videos beispielsweise ein Rapper hinter der Tür und performt seine neue Single. Wenn man etwas erschafft, das emotional so stark ist, dass Menschen nicht wegsehen können, wird irgendwann jemand versuchen, diese Aufmerksamkeit für etwas anderes zu nutzen. Es ist beinahe so, als könnten wir gar nicht anders.
Chris Hansen hat sich kritisch über den Film geäußert. Warum habt ihr euch trotzdem bewusst dagegen entschieden, ihn während der Produktion einzubeziehen?
Ich weiß nicht, ob er den Film inzwischen gesehen hat. Ich hoffe, dass er ihn sich ansieht und danach vielleicht ein anderes Verständnis davon hat. Ich wollte nie einen Film speziell über Chris Hansen machen. Je mehr man sich mit dem Kontext beschäftigt, in dem die Sendung entstanden ist – den Anfängen des Reality-TV und dieser frühen Diskussion darüber, wo Nachrichten aufhören und Unterhaltung beginnt -, desto interessanter wird seine Präsenz innerhalb des Formats. Es gab andere Sendungen über dasselbe Thema, aber keine hatte eine Figur wie Chris Hansen, der über 20 Jahre hinweg einen solchen popkulturellen Einfluss entwickelt hat und später im Internet noch einmal ein völlig neues Eigenleben bekam. Natürlich war ich neugierig auf ihn. Ich habe Hunderte Stunden an Interviews und Podcasts gehört. Aber wir hatten bereits ein ausgearbeitetes Drehbuch und verfolgten einen sehr bestimmten Blickwinkel auf diese Figur. Es ging nie darum, herauszufinden, wer der „wahre Chris Hansen“ hinter den Kulissen ist. Mich interessierte viel stärker, welchen Einfluss die Sendung selbst hatte und warum gerade seine Präsenz vor der Kamera kulturell so lange nachgewirkt hat.
Du hast gesagt, dass sich das Projekt während der Entwicklung immer weiter von einem klassischen Biopic entfernt hat. Was hat dir schließlich den Zugang zur Figur eröffnet?
Der erste Entwurf verlangte beinahe nach jemandem mit einer sehr klassischen amerikanischen Vater-Ausstrahlung. Wenn man mich dafür besetzt hätte, hätte das wahrscheinlich nur funktioniert, wenn man bewusst gegen meinen Typ gegangen wäre.
Während unserer Gespräche bewegte sich der Film aber immer weiter in eine leicht metaphysische Richtung. Alles wurde ein bisschen surrealer, mystischer und merkwürdiger. Da dachte ich irgendwann: Das ist genau meine Welt. Ich mag Dinge, die etwas esoterischer und seltsamer sind. Je weiter wir uns von einem traditionellen Biopic entfernten – was der Film eigentlich von Anfang an nie wirklich war -, desto besser verstand ich, was wir machen wollten. Ich nähere mich einer Figur ohnehin nicht unbedingt psychologisch und versuche nicht, sie intellektuell vollständig zu erklären. Ich denke vielmehr über die Performance nach. Mit jeder neuen Szene hatte ich stärker das Gefühl, dass darin etwas unglaublich Spannendes steckt. Und es wurde mit der Zeit eigentlich nur immer interessanter.
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