
Frances Haugen (Mikey Madison) ist eine junge Datenanalystin bei Facebook. Ihr Auftrag als Mitglied des „Civic Integrity Departments“ ist der Schutz und die Moderation von Inhalten bezüglich Wahlen und anderer demokratischer Prozesse. Nachdem ihr ein beunruhigendes Video einer ehemaligen Freundin ausgespielt wird, beginnt sie jedoch, tiefere Nachforschungen über Facebooks Algorithmus anzustellen. Die Ergebnisse ihrer Recherche belasten sie so sehr, dass sie sich an den Investigativjournalisten Jeff Horwitz (Jeremy Allen White) wendet, der einen Aufklärungsartikel zu Facebook für das Wall Street Journal plant.
#sequel?
Seit der Veröffentlichung der dramatisierten Entstehungsgeschichte von Facebook anhand der Person Mark Zuckerbergs sind 16 Jahre vergangen. Fast zwei Dekaden nach David Finchers The Social Network übernimmt dessen Drehbuchautor Aaron Sorkin nun zusätzlich auch die Regie und erschafft mit The Social Reckoning die wortwörtliche Abrechnung mit Zuckerberg, Facebook und Meta, stellvertretend für die ganze Industrie sozialer Netzwerke. Auch abseits Finchers hinterlässt The Social Network große Fußstapfen. Dreifach oscarprämiert, ein kulturelles Phänomen und beliebt bei Kritikern wie Kinogängern.
Zuckerbergs Dystopie
Zuschauer sind jedoch gut beraten, sich von der Illusion eines zweiten Teils, selbst der eines spirituellen Sequels, zu lösen. Bestenfalls ein Begleitfilm, ist The Social Reckoning eine für sich alleinstehende filmische Abrechnung Aaron Sorkins. Der Film ist ein Zeugnis der Folgen von Zuckerbergs Visionen, ohne dass seine Figur die zentrale Rolle spielt. The Social Network war eine Charakterstudie. Die Geschichte seines Schaffens eines Imperiums, das seine eigenen fragwürdigen Charaktereigenschaften nicht nur widerspiegelt, sondern verstärkt. The Social Reckoning fokussiert sich auf den Ist-Zustand Facebooks ab 2019 bis zu den Anhörungen Zuckerbergs und Haugens vor dem Kongress der Vereinigten Staaten im Jahr 2021.
Während der Film Frances Haugen und Jeff Horwitz in den Mittelpunkt stellt, verkommt Mark Zuckerberg zu einem bloßen Sinnbild seiner Firma und ihrer Entmenschlichung. Jeremy Strongs Schauspiel ist pointiert und exakt so leblos oder ironisch lebensnah, wie es die zugespitzte Darstellung Zuckerbergs als empathieloser Kapitalist verlangt. Sorkins Ambitionen sind größer als die Fortsetzung der Charakterstudie eines Tech-Milliardärs. Seine Botschaft ist wenig nuanciert und pointiert, dafür elaboriert, fast thematisch ausufernd. Abseits der Protagonistin bleiben die Figuren unterentwickelt, degradiert zu Expositionsgebern durch exzessive, jedoch exzellent geschriebene Dialoge. Seine Nacherzählung des Whistleblower-Skandals rund um Facebook erklärt vieles ausführlich, statt es anhand der Figuren bildlich sichtbar zu machen. Letztere verschwinden immer wieder hinter den technologischen und politischen Zusammenhängen.
Das Volk gegen den Algorithmus
Sorkin unterteilt seinen Film in einen Prolog und drei Akte. Als erzählerisches Stilmittel nutzt er zeitliche Vor- und Rücksprünge zwischen 2019 und 2021. Diese fragmentierte Erzählstruktur lässt sich als Spiegelung Facebooks Entscheidung gegen eine chronologische Darstellung von Beiträgen lesen und bildet so ein cleveres metafilmisches Versatzstück. Während der ersten beiden Akte liegt der Fokus vor allem auf der Erklärung fachspezifischer Termini und den damit verbundenen kritischen Punkten in Facebooks damaliger Praxis.
Der finale Akt hingegen lässt neben komprimierter Gegenwartspolitik erstmals eine emotionale Bindung zu Mikey Madisons Frances zu. Wenn ihre Figur schließlich genug Raum bekommt, ihre eigene Geschichte von David gegen Goliath, vom Whistleblower gegen das System und vom Menschen gegen den Algorithmus darzulegen, ist es ihr Monolog in einer der letzten Einstellungen, mit dem The Social Reckoning vom Zeugenstuhl aus zum Ankläger wird. Sorkins Inszenierung bleibt zwar lebloser als die Finchers, doch sein Drehbuch entfaltet gerade im Schlussakt ein Momentum, das diese Schwäche auffängt. So formuliert The Social Reckoning in der letzten Szene eine lautere und weniger nuancierte, aber ebenso nachhallende Botschaft wie The Social Network.
OT: „The Social Reckoning“
Land: USA
Jahr: 2026
Regie: Aaron Sorkin
Drehbuch: Aaron Sorkin
Musik: Alexandre Desplat
Kamera: Jeff Cronenweth
Besetzung: Mikey Madison, Jeremy Allen White, Wunmi Mosaku, Betty Gilpin, Billy Magnussen, Bill Burr, Jeremy Strong
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