
Nachdem ihr Vater verstorben ist, finden sich seine Witwe Mrs. Dashwood (Caitríona Balfe) und ihre drei Töchter Elinor (Daisy Edgar-Jones), Marianne (Esmé Creed-Miles) und Margaret (Bodhi Rae Breathnach) mittellos. Sein gesamtes Vermögen und sein Anwesen gehen an John (Tom Brooke), einen Sohn aus früherer Ehe. Trotz einer kleinen jährlichen Pension sehen sich die vier Frauen gezwungen, Sussex zu verlassen und in das beschauliche Devon zu ziehen. In einer Gesellschaft, in der alles durch Ansehen und Geld bestimmt ist, müssen beide Frauen einen Weg durchs Leben und zu sich selbst finden.
Romane von Romantik?
215 Jahre nach der Veröffentlichung des Romans Sinn und Sinnlichkeit von Jane Austen und 31 Jahre nach Ang Lees Adaption für die große Leinwand versucht sich Regisseurin Georgia Oakley an einer Neuinterpretation des Klassikers. Während sie bei der grundlegenden Handlung und der gesellschaftlichen Einordnung dem Original treu bleibt, verlagert sie den Fokus noch mehr auf die Beziehung zwischen den Frauen, speziell zwischen den beiden älteren Schwestern.
Neigung und Notwendigkeit
Beide Schwestern verkörpern eines der titelgebenden Subjektive. Elinor ist die Älteste, gleichzeitig die Bedachteste, vorsichtig in ihrer Wortwahl und damit weniger extrovertiert und expressiv als ihre Schwestern. Während sie „Sinn“ vermenschlicht, transportiert Marianne die „Sinnlichkeit“. Extrovertierter, lauter, emotionaler und in ihren Gefühlen direkter, bildet sie das charakterliche Gegenstück zu ihrer älteren Schwester. Trotz einzelner Reibungsmomente sind beide vereint durch eine Geschwisterliebe, die besonders durch Ergänzung und ein Zueinanderfinden im Laufe des Films zunehmend wächst. Im Zentrum von Sinn und Sinnlichkeit stehen sich die Suche nach Sicherheit, besonders finanzieller Natur, und das Verlangen nach Liebe gegenüber. Die moderne Frage, ob echte Liebe innerhalb der sozialen Unterdrückung und ökonomischen Benachteiligung für eine Frau im frühen 19. Jahrhundert überhaupt möglich ist, stellt sich Georgia Oakley nicht. Auch die neueste Interpretation von Sinn und Sinnlichkeit ist keine Dekonstruktion eines möglicherweise aus der Zeit gefallenen Klassikers. Stattdessen verschiebt sie Perspektive und Narrative gerade so viel weiter, um sowohl die Frauen als auch den Aspekt der Romantik noch prominenter ins Zentrum zu rücken.
Liebe definiert sich in Sinn und Sinnlichkeit immer noch über Aufgabebereitschaft von Geld und Status. Anders als in Jane Austens Roman ist die Geschichte beider Protagonistinnen jedoch nicht mit ihrer Heirat zu Ende. Oakleys Adaption zeichnet ein vollumfänglicheres und zukunftsoptimistischeres Bild ihrer Reise. Mariannes Ehe mit Colonel Brandon ist weniger ein Entsagen von Leidenschaft und das Zügeln einer Frau, die sich damaligen Gepflogenheiten verwehrt, als vielmehr eine Erkenntnis, dass Selbstbestimmung und emotionale Intensität nicht an eine zerstörerische Form romantisierter Liebe gebunden sein müssen. Eine charakterliche Verbindung von Sinn und Sinnlichkeit, die Marianne ebenso wie Elinor durchmacht. Ihre Entwicklung stellt die Erwartungen an Frauen ihrer Zeit immer wieder subtil infrage, ohne dass der Film darüber seine Leichtigkeit verliert. Letzteres ist vor allem bedingt durch pointierten Dialoge, welche den Klang des historischen Englisch bewahren, dabei trotzdem verständlich bleiben und zusätzliche Komik liefern.
Sprache abseits der Dialoge
Ihren gemeinsamen Weg erzählt Georgia Oakley nicht nur durch konventionelle Darstellung und Charakterentwicklung, sondern durch eine stark visuelle Erzählebene. Besonders durch Grace Snells Kostüme zeigt sich nicht nur die Annäherung beider Schwestern durch das Teilen ihrer Garderobe, sie bieten auch gleichzeitig einen bildlichen Einblick in die Gefühlswelt der Figuren. Die weißen Kleider der Eröffnungssequenz weichen ebenso wie die Unschuld einem verwaschenen Grau. In Mariannes Momenten impulsiver Emotion trägt sie Dunkelrot, gespiegelt in Elinors blauem Kleid, das Kühle und Distanz unterstreicht. Das Nichttragen einer Feder zum Ball signalisiert verlorene Leichtigkeit und Trauer.
Die exzellente Arbeit des Kostüm- und Maskendepartments wird durch eine ebenso liebevolle Setgestaltung ergänzt und schließlich durch herausragende schauspielerische Leistungen zum Leben erweckt. Beide Darstellerinnen spielen nach eigenen Angaben leicht gegen die Natur ihres eigenen Wesens. Beide vermitteln die eigene Stimmungslage und die Expression ihrer Figuren jedoch auch abseits des Dialogs oft sehr subtil durch eine ausgewogene Körpersprache und Manierismen, was zur Beobachtung und zu einer echten Studie ihrer Persönlichkeiten einlädt. Der Rest des Ensembles spielt einwandfrei, wobei die Frage nach der Gefühlswelt seiner Figuren oft in den Hintergrund tritt und kein gleichermaßen nuanciertes Schauspiel notwendig ist.
OT: „Sense and Sensibility“
Land: UK, USA
Jahr: 2026
Regie: Georgia Oakley
Drehbuch: Diana Reid
Vorlage: Jane Austen
Musik: Roger Goula
Kamera: Arnaud Potier
Besetzung: Daisy Edgar-Jones, Esmé Creed-Miles, Caitríona Balfe, Bodhi Rae Breathnach, Frank Dilane, George MacKay, Herbert Nordrum, Fiona Shaw, Stacy Martin, Tom Brooke
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