© Sela Shiloni

Kane Parsons [Interview]

Mit gerade einmal 21 Jahren bringt Kane Parsons eines der bekanntesten Internetphänomene der vergangenen Jahre auf die große Leinwand. Seine 2022 gestartete YouTube-Serie The Backrooms machte aus endlosen gelben Korridoren ein ebenso rätselhaftes wie unheimliches Science-Fiction-Universum und führte Parsons schließlich zu A24. Für seinen ersten Spielfilm Backrooms konnte der Regisseur die Welt seines Online-Projekts erstmals als reale Kulisse erschaffen. Im Interview spricht Parsons über den Wechsel von YouTube ins Kino, seine Faszination für Architektur und mehrdeutige Geschichten und darüber, warum er Backrooms selbst gar nicht in erster Linie als Horrorfilm versteht.

 

Die Backrooms leben davon, dass man nie vollständig versteht, was dieser Ort eigentlich ist. Warum ist dir diese Mehrdeutigkeit so wichtig?

Ich neige eigentlich immer zu Mehrdeutigkeit. Ich bin vor allem mit Filmprojekten aus dem Internet aufgewachsen und dadurch entstand bei mir eine große Neugier auf die reale Welt und darauf, wie wir sie verarbeiten. Im Leben bekommt man schließlich auch keine Zusammenfassung am Ende, die einem erklärt, was man richtig und falsch verstanden hat. Diese Offenheit gehört für mich einfach zum Leben und findet deshalb ihren Weg in alles, was ich mache. Bei einem so verrückten Science-Fiction-Konstrukt wie den Backrooms fände ich es reduktiv, dem Publikum ein endgültiges Verständnis davon zu geben, das über das Wissen der Figuren hinausgeht. Mich interessieren gut recherchierte Vermutungen viel mehr als konkrete Antworten.

Du hast die Backrooms ursprünglich für YouTube geschaffen. Was hat sich verändert, als daraus ein Kinofilm wurde?

Es war in gewisser Weise ein Tausch. In manchen Bereichen waren wir eingeschränkter, in anderen hatten wir plötzlich viel mehr Möglichkeiten. Ich betrachte Backrooms und eigentlich alles, was ich online mache, wie einen wachsenden Baum, dessen Äste sich in unterschiedliche Welten und Medien ausbreiten können. An der YouTube-Serie lieben viele diese rätselhafte Logik und den Versuch, das gesamte System zu verstehen. Beim Film konnten wir uns stärker auf einen einzelnen emotionalen Handlungsstrang konzentrieren und Menschen zeigen, die mit dieser Welt kollidieren. Gleichzeitig mussten wir akzeptieren, dass wir im Kino nicht 25 Minuten lang eine Figur durch denselben Korridor laufen lassen können, nur weil das realistisch wäre. Auf YouTube kann man vorspulen oder in seinem eigenen Tempo schauen. Bei einem 90-minütigen Kinofilm muss man die Aufmerksamkeit des Publikums bewusster lenken. Dafür hatten wir natürlich deutlich mehr Ressourcen. Wir konnten diese Räume tatsächlich bauen, was die ganze Welt auf eine neue Ebene gehoben hat.

Räume und Architektur scheinen für dich fast selbst zu Figuren zu werden. Woher kommt diese Faszination?

Mich interessiert die Idee, Realität zu synthetisieren. Ich suche gerne nach sehr spezifischen Details, die trotzdem etwas Universelles haben. Backrooms ist stark von Architektur geprägt und ich glaube, dass viele Menschen eine tiefe, oft unausgesprochene Beziehung zu den Räumen haben, in denen sie einmal gelebt haben. Vielleicht gibt es ein Zimmer aus der eigenen Kindheit, an das man seit 40 Jahren nicht mehr gedacht hat, und plötzlich wird man wieder dorthin zurückversetzt. Ich selbst habe Gebäuden und Räumen schon immer beinahe menschliche Eigenschaften zugeschrieben. Während der Arbeit am Film habe ich mich zeitweise sehr intensiv in die Vorstellung hineingesteigert, wie es sich anfühlen würde, wenn diese Räume tatsächlich lebendig wären – fast wie ein seltsamer Parasit, der unter uns existiert. Ich mag es, wenn die Arbeit mein Denken in eine ungewöhnliche Richtung lenkt und daraus etwas entsteht, das sich einzigartig anfühlt.

Obwohl Backrooms als Horrorfilm wahrgenommen wird, hast du gesagt, dass du selbst ihn gar nicht unbedingt als solchen siehst. Was ist der Film für dich?

Ich habe ihn nie wirklich als Horrorfilm betrachtet. Mir war natürlich bewusst, dass er so wahrgenommen und vermarktet werden würde, und selbstverständlich gibt es Momente, die erschrecken. Aber mein eigentliches Ziel war nie, das Publikum einfach nur zu verängstigen. Mir geht es stärker um Introspektion und darum, Beziehungen zwischen Menschen und ihrer äußeren Welt zu untersuchen. Im Kern steckt eine ziemlich klare Science-Fiction-Logik, die von etwas Unbekanntem und Rätselhaftem umgeben ist und gleichzeitig einen nostalgischen Kern besitzt. Die Backrooms können dabei fast wie eine Zeitmaschine funktionieren: wie eine Tür zurück in eine einfachere, greifbarere Phase des eigenen Lebens. Für jemanden, der im Leben vielleicht an einen Punkt geraten ist, an dem es nicht weitergeht, kann dieser Ort die Möglichkeit eröffnen, zurückzugehen oder etwas wiederzufinden, das längst verloren schien.

Du bist über YouTube zum Filmemachen gekommen und hast jetzt mit A24 deinen ersten Kinofilm realisiert. Was hast du aus deiner Zeit als Online-Filmemacher mitgenommen?

YouTube hat vor allem meine Sensibilität geprägt. Viele junge Filmemacher wachsen heute mit dem Internet auf und veröffentlichen ihre Arbeiten dort. Vor 40 Jahren wären dieselben Menschen wahrscheinlich über einen anderen Weg zum Film gekommen. Heute kann eine Idee unmittelbar ein Publikum erreichen. Dadurch merkt man sehr schnell, welche Bilder oder Ideen bei Menschen etwas auslösen. Als ich meinen ersten Kurzfilm veröffentlicht habe, war bereits nach anderthalb Wochen klar, dass dort etwas passiert. Die Technologie beschleunigt diesen Prozess enorm. Aber letztlich ist es immer noch derselbe Wettbewerb der Ideen.

Mit dem Spielfilm standen dir plötzlich wesentlich mehr Ressourcen zur Verfügung. Hat das deine Vorstellung davon verändert, was gutes Filmemachen ausmacht?

Natürlich ist es großartig, diese Möglichkeiten zu haben. Man kann eine Szene aufwendiger drehen oder einen Ort mit einer Genauigkeit darstellen, die kaum möglich ist, wenn man allein vor Blender sitzt. Diese Infrastruktur nimmt einem viel Stress ab. Aber ich bin kein Technik-Fanatiker. Für mich geht es letztlich immer darum, eine starke Idee zu haben und sie auf eine Weise umzusetzen, die sich anders anfühlt als alles, was man zuvor gesehen hat. Eine meiner liebsten und für mich einzigartigsten Arbeiten liegt bis heute auf YouTube und hat praktisch nichts gekostet. Mehr Ressourcen machen eine Idee also nicht automatisch besser. Egal, welche Möglichkeiten ich künftig bekomme: Ich werde immer der Idee folgen, die sich für mich am ungewöhnlichsten anfühlt oder die stärkste Verbindung zu Menschen herstellen kann.



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