
Jelena Ilić hat Angst vor ihrem Vater Detlef Kissel. Und sie liebt ihn. Kissel lebt seit mehreren Jahren in der forensischen Psychiatrie. Er leidet unter einer schizoaffektiven Psychose, war in psychotischen Phasen gewalttätig und wurde nach einer Körperverletzung im Maßregelvollzug untergebracht. Nun steht seine Entlassung bevor. Für die Tochter bedeutet das nicht nur Hoffnung. Solange ihr Vater in der Klinik ist, weiß sie zumindest, wo er ist – und dass weder ihm noch anderen etwas passieren kann. Ilić besucht ihn, telefoniert mit ihm, lässt ihre Mutter Sladjana Ilić zu Wort kommen und versucht, eine Beziehung wiederzufinden, die über Jahre von Krankheit, Angst und Distanz geprägt war.
Zeichnen statt reden
Mit Eine Krankheit wie ein Gedicht legt Jelena Ilić ihren bislang persönlichsten Film vor. Schon in früheren Arbeiten wie Euphrat oder Wie Tag die Nacht interessierte sich die Absolventin der Kunsthochschule für Medien in Köln für biografische Erfahrungen, Erinnerungen und die Frage, wie Menschen über Bilder und Geschichten miteinander in Verbindung treten. Diesmal richtet sie die Kamera auf die eigene Familie und damit auf ein Thema, bei dem Distanz kaum möglich ist. Das wichtigste Bindeglied zwischen Vater und Tochter ist ein Skizzenbuch. Beide zeichnen gern, und darin liegt eine Gemeinsamkeit. Das Buch wandert zwischen ihnen hin und her. Einer beginnt, der andere ergänzt, verändert oder antwortet mit einer eigenen Zeichnung. Was im direkten Gespräch schwerfällt, gelingt über Bilder erstaunlich gut.
Das Skizzenbuch wird damit zum Herzstück des Films. Es steht für gemeinsame Erinnerungen, aber auch für eine neue Form der Verständigung. Zwei Menschen, die lange auf Abstand gelebt haben, finden über das Zeichnen wieder etwas, das nur ihnen gehört. Gerade weil Ilić daraus kein großes therapeutisches Symbol macht, wirkt diese Annäherung so überzeugend. Auch formal greift sie die gemeinsame Bildsprache auf. Zeichnungen werden animiert, Handschriften erscheinen auf der Leinwand, Telefonate bekommen eine visuelle Ebene. Fotos, Archivaufnahmen und Kunstwerke des Vaters verbinden sich mit den neu gedrehten Szenen. Das wirkt verspielt, ohne das ernste Thema zu verharmlosen. Im Gegenteil: Die Gestaltung bringt etwas zum Ausdruck, das in Gesprächen allein nur schwer greifbar wäre. Wenn Worte fehlen, übernehmen Bilder.
Ein ernster Film, der komisch sein darf
Überraschend ist dabei, wie häufig Eine Krankheit wie ein Gedicht sein Publikum zum Lachen bringt. Das liegt vor allem an Detlef Kissel selbst. Ilić zeigt ihn nicht nur als Kranken oder als Mann mit gewalttätiger Vergangenheit. Er ist witzig, eigenwillig, manchmal anstrengend und gelegentlich ausgesprochen charmant. Er macht Scherze über den Film und über seine Tochter und bringt damit immer wieder Leichtigkeit in eine Geschichte, bei der man zunächst kaum damit rechnet. Gerade dieser Humor ist eine große Stärke des Films. Er nimmt dem Thema nichts von seiner Schwere, verhindert aber, dass Kissel auf seine Diagnose reduziert wird. Ilić beschönigt seine Vergangenheit nicht und verschweigt ihre eigene Angst nicht. Gleichzeitig lässt sie zu, dass ihr Vater mehr sein darf als seine Krankheit und das, was er getan hat.
Darin liegt die besondere Offenheit des Films. Vater und Tochter müssen nicht zu einem eindeutigen Verhältnis finden. Kissel kann seine Tochter verletzt haben und ihr trotzdem wichtig sein. Ilić kann ihn lieben und sich gleichzeitig vor ihm schützen wollen. Diese Widersprüche werden nicht aufgelöst, sondern ausgehalten. Auch die Kamera wird dabei Teil der Annäherung. Anfangs scheint sie Ilić eine gewisse Sicherheit zu geben. Im Verlauf des Films verändert sich das Verhältnis jedoch. Aus einem Film über den Vater wird immer mehr ein Film mit ihm. Kissel weiß, dass er Teil des Projekts ist, kommentiert es und spielt damit. Dadurch entsteht eine Nähe, ohne dass der Film jemals voyeuristisch wirkt.
Bitte ein Happy End
Je länger man Vater und Tochter beobachtet, desto stärker wünscht man ihnen ein Happy End. Kein kitschiges, bei dem plötzlich alles gut ist. Keine wundersame Heilung und kein Vergessen dessen, was passiert ist. Aber doch die Hoffnung, dass beide einen Weg finden, wieder miteinander leben zu können. Vielleicht ist das die größte Leistung von Eine Krankheit wie ein Gedicht: Der Film lässt diese Hoffnung zu, ohne falsche Versprechen zu machen. Er will psychische Erkrankung weder erklären noch lösen. Stattdessen zeigt er zwei Menschen, die sich trotz allem nicht egal sind und vorsichtig ausprobieren, wie viel Nähe wieder möglich ist.
Das gemeinsame Zeichnen gibt darauf zumindest eine kleine Antwort. Vater und Tochter müssen nicht alles aussprechen, um einander wieder näherzukommen. Manchmal reicht ein Bild, das der andere fortsetzt. So wird Eine Krankheit wie ein Gedicht weniger zu einem Film über eine psychische Krankheit als zu einem Film über Familie, Verletzungen und die Möglichkeit, eine Verbindung neu aufzunehmen. Ilić gelingt dabei die schwierige Balance zwischen Ernst und Leichtigkeit. Und am Ende bleibt vor allem der Wunsch, dass das gemeinsame Skizzenbuch noch lange nicht voll ist.
OT: „Eine Krankheit wie ein Gedicht“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Jelena Ilić
Buch: Jelena Ilić
Musik: Antonio de Luca, Caroline Cox
Kamera: Martin Paret, Jelena Ilić
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