100 Tage autark

„100 Tage autark“ // Deutschland-Start: 10. September 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Johannes Mickenberger bricht gemeinsam mit einem Freund in den Odenwald auf, um 100 Tage möglichst unabhängig von der modernen Infrastruktur zu leben: kein Supermarkt, kein Stromnetz, kein Wasser aus dem Hahn. Was als gemeinsames Abenteuer beginnt, wird bereits am neunten Tag zur Einzelmission – der Begleiter erkrankt und muss aussteigen. Von da an muss Mickenberger allein den Boden bestellen, fischen, Feuer machen, Wasser aufbereiten, Solarenergie gewinnen und aus dem Wald ein Blockhaus stampfen. Mit fortschreitender Zeit schwinden Gewicht und Kräfte, zugleich wächst die Einsamkeit. Zwischen Axtschlägen und Fischfang beginnt er, die Natur nicht mehr nur als Ressource, sondern zunehmend auch als Gegenstand der Betrachtung wahrzunehmen. Am Ende steht kein triumphaler Sieg über die Wildnis, sondern eine andere Frage: Was brauche ich eigentlich, um glücklich zu sein?

Von YouTube auf die Leinwand

100 Tage autark basiert auf der gleichnamigen YouTube-Serie, mit der Johannes Mickenbecker, bekannt durch den Kanal The Real Life Guys, sein Selbstexperiment 2025 täglich dokumentierte. Nach Produktionsangaben erreichte die Serie mehr als 24 Millionen Aufrufe. Für die Kinofassung kommt ein anderer Blick von außen hinzu. Die Regisseure Lukas Augustin und Alexander Zehrer besuchten Mickenbecker mehrfach im Odenwald, sprachen mit ihm über Einsamkeit und den Verlust seines Zwillingsbruders Philipp und sichteten gemeinsam mit Editor Andreas Schumacher das umfangreiche Archivmaterial neu. Ihr Ziel war weniger, die Serie nachzuerzählen, als tiefer in Mickenbeckers Welt und die Fragen hinter dem Experiment vorzudringen.

Es ist nicht die erste Begegnung des Regieduos mit diesem Kosmos. Mit Philipp Mickenbecker – Real Life porträtierten Augustin und Zehrer bereits Johannes’ Zwillingsbruder, der 2021 an Krebs starb. Fragte jener Film, wie ein junger Mensch mit dem eigenen Tod umgeht, fragt 100 Tage autark nun, wie ein Mensch eigentlich leben will. Beide Filme führen ihre Hauptfigur in eine Grenzsituation – nur ist die eine vom nahenden Tod, die andere vom freiwilligen Rückzug aus dem gewohnten Leben bestimmt.

Ich gestehe, mit größerer Skepsis ins Kino gegangen zu sein, als ich es verlassen habe. Ein Creator, der sein ohnehin gefilmtes Leben noch einmal für die große Leinwand aufbereitet – das klingt zunächst nach bloßer Materialverwertung. Doch 100 Tage autark ist besser, als diese Befürchtung vermuten lässt.

Wenn die Kamera zum Gegenüber wird

Was den Film trägt, ist weniger die Survival-Thematik als Mickenbeckers Haltung vor der Kamera. In den ersten Tagen des Experiments ist ihm die Inszenierung noch deutlich anzumerken. Doch je weiter es fortschreitet, desto mehr verschwindet das Bewusstsein für ein Publikum. Er bleibt glaubwürdig, verliert aber zunehmend das Bedürfnis, sich in Szene zu setzen.

Interessanter als die vertrauten Survival-Versatzstücke – die Freude über einen kapitalen Fisch oder der Kampf mit einem widerspenstigen Baumstamm – sind die ruhigeren Passagen, in denen Mickenbecker über sein Leben, Gott, Einsamkeit und den Verlust seines Bruders spricht. Hier zeigt sich der eigentliche Mehrwert der Kinofassung gegenüber der Serie: Wo das tägliche YouTube-Format auf Ereignisse angewiesen war, öffnen die Interviews Raum für Reflexion.

Überraschenderweise wirkt Mickenbeckers Religiosität dabei ebenso wenig peinlich oder aufgesetzt wie seine philosophischen Überlegungen. Eher entsteht der Eindruck eines Gesprächs mit einem guten Freund über die großen Fragen des Lebens – nur dass es abgekochtes Wasser ist, das er trinkt, und eine Kamera, mit der er spricht.

Wie autark kann ein Selbstexperiment sein?

Gerade die Kamera verweist allerdings auf einen grundlegenden Widerspruch. „Die Kamera nimmt mir das Gefühl von Einsamkeit weg“, sagt Mickenbecker selbst. Er ist also keineswegs vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Er bekommt die Kommentare der YouTube-Zuschauer mit und bleibt über die Kamera mit einer Öffentlichkeit verbunden.

Wie autark kann eine Situation sein, die permanent dokumentiert und nahezu unmittelbar mit einem Publikum geteilt wird? Der Film ist sich dieser Ambivalenz bewusst, löst sie aber nicht auf – vielleicht, weil sie sich gar nicht auflösen lässt. Mickenbecker zieht sich aus der gewohnten Welt zurück, bleibt aber über die Kamera mit ihr verbunden. Bezeichnend ist, dass er kaum wieder zu Hause fast augenblicklich in die gewohnte Inszenierung zurückfällt. Das Experiment hat ihn verändert, aber nicht zu einem Menschen gemacht, der keine Öffentlichkeit mehr braucht.

Auch formal unterstützt der Film seine leiseren Töne. Musik wird auffällig zurückgenommen, häufig tragen Regen, Axtschläge und Waldgeräusche die Szenen. Der Blick richtet sich weg von der Reizüberflutung des Creator-Alltags und hin zu einer Welt, in der ein Stück Holz, ein Fisch oder das Geräusch des Regens plötzlich wieder Bedeutung bekommen.

Ob das reicht, um aus der Materialfülle einer täglichen YouTube-Serie einen wirklich eigenständigen Kinofilm zu machen, bleibt dennoch fraglich. Andreas Schumacher gelingt es zwar, aus der seriellen Chronologie eine dramaturgische Bewegung mit Anfang, Krise und Wandlung zu formen. Der eigenständige Mehrwert der Kinofassung bleibt jedoch begrenzt.

Mehr als ein Survivalfilm

Interessanter wird 100 Tage autark, wenn man ihn nicht allein als Survivalfilm betrachtet. Sein eigentliches Thema ist weniger die Fähigkeit, hundert Tage ohne Supermarkt und Stromnetz zu überstehen, als die Frage, was von einem Menschen übrigbleibt, wenn gewohnte Ablenkungen und Selbstverständlichkeiten wegfallen.

So bleibt der Film ein Werk mit zwei Gesichtern: dem eines Survival-Abenteuers mit vertrauten Versatzstücken und dem eines leiseren Porträts eines Menschen, der lernen möchte, mit sich selbst auszukommen, auch wenn ihm das Publikum nie ganz abhandenkommt. Seine stärksten Momente liegen eindeutig im zweiten Register. Gerade dort, wo 100 Tage autark seine eigene Survivaldramaturgie vergisst, wird er zu dem, was er im besten Fall sein möchte: weniger ein Film über autarkes Leben als einer über die schwierige Suche danach, was ein gutes Leben eigentlich ausmacht.

Credits

OT: „100 Tage autark“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Lukas Augustin, Alexander Zehrer, Andreas Schumacher
Buch: Lukas Augustin, Andreas Schumacher
Musik: Marin Rott
Kamera: Johannes Mickenbecker, Alexander Zehrer
Mitwirkende: Johannes Mickenbecker

Bilder

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fazit
„100 Tage autark“ ist mehr als ein Survivalfilm, bleibt aber in seinem Ursprung als YouTube-Projekt verhaftet. Seine stärksten Momente findet er dort, wo die Abenteuerdramaturgie zurücktritt und Mickenbecker über Einsamkeit, Glauben und die Frage nach einem guten Leben reflektiert.
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