
Fünf Hebammen, fünf Länder, fünf sehr unterschiedliche Wirklichkeiten. Nicole Scherg begleitet Genet Gebru in Äthiopien, Aïcha El Fathi in Marokko, Kanchan Mala Shrestha in Nepal, Gunda Gutscher in Österreich und Sheila Santos in Brasilien bei ihrer täglichen Arbeit. Der Film führt in Krankenhäuser, Geburtshäuser und Privatwohnungen, beobachtet Vorsorgeuntersuchungen, Geburten, Beratungsgespräche und Momente zwischen Hoffen und Bangen. Während sich die Geschichten der betreuten Frauen entfalten, richtet sich der Blick zunehmend auf die Hebammen selbst: auf ihren Alltag, ihre Verantwortung, ihre Zweifel und die emotionalen Spuren, die ein Beruf hinterlässt, in dem Leben beginnt – und manchmal auch endet. So entsteht ein Panorama der Geburtshilfe zwischen Hightech-Medizin, improvisierten Versorgungsstrukturen und selbstbestimmter Hausgeburt, das globale Unterschiede sichtbar macht und zugleich zeigt, wie ähnlich sich die grundlegenden Erfahrungen rund um Geburt überall auf der Welt sind.
Panaroma der Geburtshilfe
Regisseurin Nicole Scherg hat mit Wise Women – Fünf Hebammen, fünf Kulturen einen Film gedreht, der nicht lautstark um Aufmerksamkeit heischt, sondern durch geduldiges Beobachten Interesse weckt. Sie vertraut ihren Bildern, ihren Protagonistinnen und der eigentümlichen Magie eines Berufs, der zwar jeden Menschen betrifft, aber erstaunlich selten im Kino vorkommt. Dass Hebammen hier nicht als Heldinnen mit Heiligenschein, sondern als hochprofessionelle Frauen gezeigt werden, die zwischen Routine, Erschöpfung und existenzieller Verantwortung navigieren, ist ein großer Verdienst der Filmemacherin.
Dabei entwickelt Wise Women – Fünf Hebammen, fünf Kulturen zudem beinahe beiläufig eine politische Wucht. Die Dokumentation macht deutlich, wie sehr Geburt von gesellschaftlichen Bedingungen abhängt. Hier die übertechnisierte Klinik, in der Eingriffe fast zur Selbstverständlichkeit geworden sind, dort die ländliche Station, in der oft das Nötigste fehlt. Scherg illustriert diesen Gegensatz, den man auf die Schlagworte „zu viel, zu früh“ und „zu wenig, zu spät“ herunterbrechen kann, ohne ihn platt auszubuchstabieren. Sie zeigt einfach Menschen. Und das reicht aus.
Spürbarer Respekt
Formal bleibt der Film angenehm zurückhaltend. Die Kamera drängt sich nie zwischen Mutter und Kind, sondern sucht Gesichter, Hände, kleine Gesten. Berührungen erzählen mehr als Kommentare. Diese visuelle Disziplin verhindert jeden Anflug von Voyeurismus. Dass fast ausschließlich Frauen hinter der Kamera standen, ist dabei keine bloße Produktionsnotiz, sondern in jeder Einstellung spürbar. Die Geburtsräume wirken wie geschützte Orte, nicht wie Kulissen für emotionale Effekte.
Ganz ohne Schwächen kommt Wise Women – Fünf Hebammen, fünf Kulturen allerdings nicht aus. Die konsequente Beobachtung hat ihren Preis. Weil direkte Ansprachen der Hebammen sparsam eingesetzt werden, bleiben manche von ihnen etwas auf Distanz. Man würde gern mehr über ihre Biografien erfahren, über ihre Widersprüche, ihre privaten Brüche. Eben weil sie so faszinierende Persönlichkeiten sind, wirkt der Film gelegentlich fast zu höflich ihnen gegenüber. Er respektiert seine Figuren so sehr, dass er sich bisweilen nicht nah genug an sie herantraut.
Sensibles Porträt eines unterschätzten Berufs
Auch die österreichische Episode rund um die Hausgeburt wirkt im internationalen Vergleich etwas privilegiert. Natürlich reflektiert der Film diesen Umstand selbst, dennoch entsteht ein leichter Eindruck von Unwucht, wenn eine Hausgeburt als Ausnahmeerfahrung neben Regionen steht, in denen Frauen oft gar keine Wahl haben, wie sie ihre Kinder zur Welt bringen.
Das alles sind jedoch Einwände auf vergleichsweise hohem Niveau. Denn Scherg gelingt etwas Seltenes: Sie verbindet dokumentarische Genauigkeit mit einer leisen Emotionalität, die zu keinem Zeitpunkt manipulativ wirkt. Wise Women – Fünf Hebammen, fünf Kulturen möchte weder schockieren noch missionieren. Der Film interessiert sich für Menschen, die ihre Arbeit ernst nehmen und damit ganz nebenbei zeigen, wie eng Fragen von Gesundheit, Gleichberechtigung und Würde miteinander verbunden sind. Dass daraus keine trockene Lektion, sondern ein ebenso kluger wie berührender Kinofilm wird, spricht für die enorme Geduld und Sorgfalt seiner Regisseurin.
OT: „Wise Women – Fünf Hebammen, fünf Kulturen“
Land: Österreich
Jahr: 2025
Regie: Nicole Scherg
Buch: Nicole Scherg
Musik: COSHIVA, Daniela Wimmer
Kamera: Marie-Thérèse Zumtobel
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