Gorgonà erzählt die Geschichte von Maria (Melissanthi Mahut), die in einem heruntergekommenen Griechenland der nahen Zukunft zur Anführerin einer Bande gemacht werden soll, die bislang von Nikos (Christos Loulis) geleitet wurde. Gewalt und Unterdrückung sind an der Tagesordnung, dafür sind überall die Ressourcen knapp. Als die mysteriöse Sängerin Eleni (Aurora Marion) auftaucht, könnte dies den Status Quo dieser frauenfeindlichen Gesellschaft in Frage stellen. Wir haben uns zum Kinostart am 18. Juni 2026 mit Regisseurin und Co-Autorin Evi Kalogiropoulou unterhalten. Im Interview zu dem Drama spricht sie über ihre Inspirationen, Kämpfe innerhalb kaputter Systeme und wie sie mit Vorwürfen umgeht.
Könntest du uns etwas über die Entstehungsgeschichte des Films verraten? Wie bist du auf die Idee gekommen?
Als ich meinen ersten Kurzfilm Motorway 65 gedreht habe, habe ich in der Gegend gelebt, wo ich auch „Gorgonà“ gedreht habe und wo es Raffinerien und Fabriken gibt. Ich habe damals darüber nachgedacht, wie es wohl für eine Frau wäre, allein mit einer anderen Frau dort zu leben. Außerdem ist die Gegend wichtig in der griechischen Mythologie. Es war also der Ort, der für mich zur Inspiration wurde. Danach habe ich nach einer passenden Geschichte gesucht.
Du sprichst in dem Film aber nicht über die alten Mythen, sondern eine künftige Dystopie. Wie kamst du dazu?
Du kannst spüren, dass es momentan in der Welt nicht gut zugeht. Femizid zum Beispiel ist weltweit ein Thema, auch in Griechenland. In den USA regiert Trump, der ein Symbol ist für diese Entwicklung. Er wurde von den Menschen gewählt, schon wieder. Wir gehen in vielerlei Hinsicht rückwärts, zum Beispiel bei den Menschenrechten. In Iran wurden während des Kriegs 160 Schulmädchen getötet. Und das wird uns als Feminismus verkauft. Mein Film ist zwar Fiktion. Aber er ist keine reine Erfindung.
Wie können wir diese ganzen Probleme lösen? Wo fängt man da an?
Zumindest nicht bei der Kunst. Ich erwarte nicht, dass ich durch meinen Film viel verändern werde. Wenn du in einer Gesellschaft etwas ändern möchtest, dann musst du auf die Straße gehen.
Wenn ein System nicht funktioniert, was ist der bessere Weg: das System von innen aus zu verändern oder gegen das System zu kämpfen?
Ich glaube, du musst Teil des Systems sein, um etwas verändern zu können. Denn dafür musst du es erst einmal verstehen. Das gilt übrigens nicht nur für die Politik, sondern allgemein. Auch bei der Kunst ist es so. Wenn du wirklich gut in einer Kunstform sein willst, musst du dich in ihr bewegen, selbst wenn du sie danach auseinandernehmen willst. Picasso war ein sehr guter Maler. Sonst hätte er nicht tun können, was er getan hat. Du musst die Methoden kennen, die Formen kennen.
Bei deiner Figur Maria ist das auch so. Sie versucht, an die Spitze des Systems zu gelangen, anstatt das System als solches zu bekämpfen.
Das stimmt. Maria kennt aber auch nichts anderes, da sie in dem System aufgewachsen ist. Sie weiß daher gar nicht, dass es eine Alternative gibt. Ihr ist am Anfang auch nicht bewusst, wie schlecht dieses System ist. Erst mit der Zeit lernt sie durch Eleni, in die sie verliebt ist, dass sie eine eigene Entscheidung treffen kann, und wird so zu der Herrin über ihr Leben.
Du arbeitest im Filmgeschäft, das bis heute stark von Männern dominiert ist. Kannst du dich mit den Erfahrungen von Maria identifizieren?
Man muss als Frau glaube ich schon stärker kämpfen und sich verteidigen. Ich hatte nicht erwartet, dass das bei meinem Film ein so großes Thema sein würde. Ich muss mich ständig dafür rechtfertigen, warum meine Frauenfiguren so sexy sind oder auch, warum wir Waffen in dem Film nutzen. Da frage ich immer zurück: warum nicht? Man hat mir vorgeworfen, dass ich wie ein Mann auf die Geschichte blicke. Dabei ist es doch klar, dass ich als Regisseurin davon beeinflusst werde, wenn ich lauter Filme sehe, die von Männern gedreht wurden. Ich brauche niemanden, der mir sagt, dass ich nicht Frau genug bin.
Also wieder eine Veränderung aus dem System heraus.
Du kannst keine Filme machen, wenn du nicht Teil des Systems bist. Denn dann gibt niemand dir Geld.
Wer sind denn deine filmischen Einflüsse?
Julia Ducournau. Ich mag Tarantino, wie man sieht. Claire Denis.
Du hast vorhin gesagt, dass du und dein Film von anderen beurteilt und dabei auch kritisiert werdet. Hat dies deine Selbstsicht verändert?
Manchmal frage ich mich schon, ob ich nicht leiser sein sollte. Außerdem sehe ich meine Fehler jetzt deutlicher. „Gogonà“ ist mein erster Film, da fehlen mir also noch die Erfahrungen. Es ist also nicht so, als wäre mir das alles egal. Insgesamt fühlt es sich seltsam an, dauernd beurteilt zu werden.
Vielen Dank für das Interview!
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