
Mathias (Mathias Mlekuz) hat einen Plan. Gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Philippe (Philippe Rebbot) und dem kleinen Hund Lucky will er mit dem Fahrrad von der französischen Atlantikküste bis nach Istanbul fahren. Es ist dieselbe Strecke, die sein inzwischen verstorbener Sohn Youri einige Jahre zuvor zurückgelegt hat. Dessen Tagebuch und Fotografien dienen den beiden als Route und Erinnerungsspeicher zugleich. Sie übernachten an denselben Orten, stellen Fotos nach und versuchen, der Vergangenheit auf den Fersen zu bleiben. Es wird eine Reise voller improvisierter Unterkünfte, skurriler Begegnungen und kleiner Umwege. Zwischen Frankreich, Deutschland, Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und der Türkei entfaltet sich so ein Roadmovie, das Trauerarbeit, Freundschaft und die Suche nach einem neuen Verhältnis zum Verlust miteinander verbindet.
Trauerarbeit auf dem Fahrrad
Dass Regisseur Mathias Mlekuz hier seine eigene Geschichte verarbeitet und sich selbst spielt, verleiht Auf zwei Rädern von Beginn an eine besondere Authentizität. Der Suizid seines Sohnes bildet den schmerzhaften Ausgangspunkt eines Films, der nie den Eindruck erwecken möchte, Trauer ließe sich überwinden oder gar abschließen. Stattdessen interessiert ihn das Weiterleben. Nicht als großes Drama, sondern als Aneinanderreihung kleiner Schritte, Gespräche und gemeinsamer Erfahrungen.
Dabei profitiert Mlekuz enorm von Philippe Rebbot, der ebenfalls unter seinem eigenen Namen auftritt. Zwischen beiden herrscht eine Selbstverständlichkeit, die sich kaum spielen lässt. Ihre Freundschaft wirkt geerdet, frei von demonstrativer Männlichkeit und angenehm unpathetisch. Sie streiten, albern herum, schweigen gelegentlich und umarmen sich ohne Scheu. Der Film entwickelt daraus eine seltene Wärme, die weder auf sentimentale Musik noch auf kalkulierte Tränen angewiesen ist.
Wortgewandt, aber zu wortreich
Gleichzeitig setzt Auf zwei Rädern sehr konsequent auf das gesprochene Wort – vielleicht sogar zu konsequent. Kaum eine Etappe vergeht, ohne dass Mathias und Philippe längere Gespräche über Tod, Schuld, das Älterwerden oder den Sinn der Reise führen. Viele dieser Dialoge besitzen Witz und Klugheit, manche wirken improvisiert und entfalten gerade dadurch ihren Charme. Irgendwann beginnt sich diese Form jedoch abzunutzen. Was anfangs wie ein ehrlicher Gedankenaustausch erscheint, gerät später bisweilen zur Endlosschleife. Die Landschaften Europas ziehen vorbei, doch der Film vertraut häufiger den Dialogen als den Bildern. Dabei lägen gerade in den stillen Momenten, im Blick auf Straßen, Flüsse oder nachgestellte Fotografien, oft die stärkeren Aussagen.
Auch dramaturgisch bleibt das Roadmovie dem genretypischen episodischen Charakter treu. Nicht jede Begegnung unterwegs hinterlässt bleibenden Eindruck, manche wirken eher wie kleine Skizzen. Doch selbst wenn einzelne Stationen etwas beliebig erscheinen, verliert der Film nie seine menschliche Zugewandtheit. Sein Humor entsteht nicht aus Gags, sondern aus den Eigenheiten seiner Figuren und der Absurdität des Reisens selbst – etwa dann, wenn eine pedantische und sehr dominante AirBnB-Gastgeberin in Wien die existenziellen Gedanken jäh auf den Boden des Alltags zurückholen.
Ein leises Roadmovie ohne große Antworten
Visuell verzichtet Mlekuz auf spektakuläre Postkartenbilder. Die Kamera beobachtet aufmerksam, aber unaufgeregt. Die Reise wird weniger als touristisches Abenteuer inszeniert denn als Bewegung durch Erinnerungsräume. Gerade weil der Film autobiografische Elemente mit Fiktion vermischt, entsteht eine reizvolle Unschärfe zwischen Dokument und Erzählung. Das verleiht dem Ganzen eine Offenheit, die gut zu seinem Thema passt.
So bleibt Auf zwei Rädern ein bemerkenswert persönlicher Film, dessen größte Stärke seine Ehrlichkeit ist. Er verweigert einfache Antworten und sucht Trost nicht in großen Erkenntnissen, sondern in Freundschaft, Bewegung und gemeinsam verbrachter Zeit. Dass er dabei gelegentlich zu viel erklären möchte und seinen Figuren kaum eine Pause vom Reden gönnt, schmälert den Eindruck zwar spürbar. Dennoch gelingt Mathias Mlekuz ein ungewöhnlich leises Roadmovie, das weniger von der Ankunft erzählt als von dem Mut, überhaupt wieder loszufahren.
OT: „À bicyclette !“
Land: Frankreich
Jahr: 2024
Regie: Mathias Mekluz
Buch: Mathias Mekluz, Philippe Rebbot
Musik: Pascal Lengagne
Kamera: Florent Sabatier
Besetzung: Philippe Rebbot, Mathias Mlekuz, Jo Mlekuz, Adriane Grządziel, Marzieh Rezaee, Laurent Jouault
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