
Lange hatte die internationale Koalition darum gekämpft, dass Afghanistan ein demokratisches Land mit westlichen Werten wird. Doch zwanzig Jahre nach dem Kriegsbeginn durch die USA ist die Hoffnung längst aufgegeben worden, der Rückzug der Truppen hat begonnen. Doch wie schnell die Taliban das Land übernehmen, damit hatte niemand gerechnet. Groß ist die Angst der anderen, was das bedeuten könnte. Während Staatsanwältin Zahara (Darina Al Joundi) mit ihrem Mann Baqir (Vassilis Koukalani) Schutz in der französischen Botschaft sucht und ihr Sohn Fazal (Shervin Alenabi) als Soldat der afghanischen Armee auf der Flucht ist, arbeitet Tochter Amina (Hannah Abdoh) weiterhin im Krankenhaus. Und auch der französische Sicherheitsattaché Gilles (Jonathan Zaccaï), der italienische Botschaftsmitarbeiter Giovanni (Gianmarco Saurino) und die deutsche Soldatin Vera (Jeanne Goursaud) müssen einen Weg aus dem Chaos finden …
Das tödliche Chaos zum Ende
In den letzten Jahren ist das Thema Krieg wieder weltweit bei den Menschen angekommen. Ob nun in der Ukraine, in Gaza oder in Iran, überall brennt es. Da gerät leicht in Vergessenheit, dass bis vor wenigen Jahren auch Afghanistan ein heiß umkämpftes Gebiet war. Ganze zwanzig Jahre waren die US-Truppen dort, unterstützt von anderen Nationen, als Reaktion auf die Anschläge am 11. September 2001. Was seinerzeit gedacht war, um die Terroristen zu besiegen, wurde zum Debakel. Es gelang auch mit vereinten Kräften nicht, ein neues Land aufzubauen, welches den Vorstellungen des Westens entsprach. Das hatte sich zwar lang abgezeichnet. Und doch durfte man schockiert sein, wie schnell am Ende alles wieder war wie vorher. Die Serie Kabul – Flucht aus der Hölle nimmt uns mit in diese Zeit, als die Lage außer Kontrolle geriet und die Taliban wieder an die Macht kamen.
Dabei ist es aber weniger der Wechsel innerhalb der Gesellschaft, der hier das Thema ist. Angesprochen wird das aber schon immer mal wieder. Beispielsweise wird die Unterdrückung der Frauen vorweggenommen. Ein Mann bettelt darum, das Land verlassen zu dürfen, da ihm als Homosexueller die Todesstrafe droht. Ein anderer muss um sein Leben fürchten, da er als Soldat der afghanischen Armee als Feind gilt. Manche werden sich auch daran erinnern, wie der Westen viele Menschen im Land im Stich ließ, sie einfach den Terroristen auslieferte, anstatt sie zu retten. Kabul – Flucht aus der Hölle ist daher nicht einfach das Porträt eines sich wandelnden Landes, sondern auch eine Erinnerung an die Schuld, die andere Nationen auf sich geladen haben. Die Werte, die sie selbst propagierten, waren auf einmal nicht mehr so wichtig, als es unangenehm wurde.
Spannend, aber unübersichtlich
Die europäische Coproduktion zeigt auch ganz offen die Verfehlungen, verzichtet aber auf eine allzu plumpe Moralisierung. Vielmehr wird anhand verschiedener Figuren gezeigt, wie das damals vor sich ging. Dafür sucht sich Kabul – Flucht aus der Hölle ganz unterschiedliche Schicksale aus und schafft damit ein vielfältiges Bild. Während manche beruflich mit der titelgebenden Flucht beschäftigt sind, haben andere Angst vor der Rückkehr in frühere Zeiten und fürchten um den Verlust von Freiheit – wenn nicht Schlimmeres. Die Dringlichkeit wird dabei immer deutlich, weshalb man die Serie durchaus als Thriller bezeichnen kann. Der Zeitdruck, wenn der Feind immer näher rückt, sorgt quasi automatisch für Spannung.
Dass die Geschichte so weit angelegt ist, führt allerdings auch dazu, dass das mit den Identifikationsfiguren schwierig ist. Kabul – Flucht aus der Hölle ist ein Sammelsurium aus Charakteren und Schicksalen, wo es zu Überschneidungen kommen kann, aber nicht unbedingt muss. Wenn dabei die Übersicht verlorengeht, ist das zwar durchaus so geplant, das Chaos ist Programm. Aber es macht es einem auch etwas schwerer dranzubleiben, zumal nicht viel Zeit für die Figurenzeichnung bleibt. Sie sind alle durch die Situation definiert und die damit verbundene Not. Da reicht der Raum nicht, um sie zu komplexen Menschen zu machen. Wer das nicht braucht und stattdessen eine packende und zugleich schockierende Geschichte sehen möchte, ist an einer guten Adresse, weshalb es erfreulich ist, dass die Serie doch noch bei uns zu sehen ist.
OT: „Kabul“
Land: Griechenland, Frankreich, Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Kasia Adamik, Olga Chajdas
Drehbuch: Oliver Demangel, Thomas Finkielkraut, Joé Lavy
Musik: Flemming Nordkrog
Kamera: Mateusz Wichlacz
Besetzung: Jonathan Zaccaï, Vassilis Koukalani, Darina Al Joundi, Shervin Alenabi, Hannah Abdoh, Gianmarco Saurino, Jeanne Goursaud, Eric Dane, Thibault Evrard, Christos Vasilopoulos, Valentina Cervi, Ludwig Blochberger, Leonard Scheicher, David Rott
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