
Ein Vater namens Irakli (David Koberidze) macht sich auf die Suche nach seiner verschwundenen Tochter Lisa. Die junge Fotografin hatte zuletzt verlassene Fußballplätze in den ländlichen Regionen Georgiens dokumentiert und in einem Brief ausdrücklich erklärt, dass sie nicht gefunden werden möchte. Gemeinsam mit ihrem Freund Levan (Otar Nijaradze) reist Irakli durch Dörfer und Landschaften, folgt den Spuren ihrer Fotografien und begegnet dabei Kindern, Dorfbewohnern, Hunden und anderen Tieren, die die Plätze bevölkern. Merkwürdig ist allerdings, dass Levan für das Publikum unsichtbar bleibt – man hört ihn sprechen, sieht ihn jedoch nie. Aus der Suche nach einer Vermissten entwickelt sich nach und nach ein kontemplatives Roadmovie. Antworten darf man hier nicht erwarten. Man erhält eher Beobachtungen über Landschaft, Erinnerung und das Leben zwischen den Bolzplätzen der georgischen Provinz.
Flatterball
Alexandre Koberidzes Dry Leaf ist ein Film, dessen Titel schon eine Fußballmetapher ist. Ein „Dry Leaf“ ist im Englischen ungefähr das, was man im Deutschen einen Flatterball nennt, jene Schussform, die der Brasilianer Didi in den späten 1950er Jahren erfand, den Roberto Carlos zur Kunstform erhob und der heute noch Cristiano Ronaldos Freistöße gefährlich macht: Der Ball scheint zunächst einer klaren Flugbahn zu folgen, um dann plötzlich die Richtung zu wechseln. Genau dieses Prinzip bestimmt auch Koberidzes Film. Was als klassische Suche beginnt, entzieht sich immer wieder den Erwartungen, macht Haken, verliert sich in scheinbaren Nebensächlichkeiten und landet schließlich an Orten, an denen man schon gar nicht mehr mit einer Antwort rechnet.
Dass diese Reise fast ausschließlich über Fußballplätze führt, ist dabei weit mehr als eine originelle Idee. Die verlassenen oder improvisierten Bolzplätze werden zu Gedächtnisorten eines Landes. Hier spielen Kinder, streunen Hunde über den Rasen, grasen Kühe auf dem Spielfeld oder kreisen Vögel über den Toren. Der Fußballplatz erscheint als letzter öffentlicher Raum, an dem Gemeinschaft noch sichtbar wird. Kein Wunder, dass Lisa diese fotografieren wollte. Denn es sind nicht bloß Sportstätten, sondern soziale Landschaften. Jeder Bolzplatz erzählt von Menschen, die gekommen sind und wieder verschwunden sind.
Sichtbarkeit
Faszinierend ist auch die Figur Levan. Der Erzähler erklärt lakonisch: „Levan bleibt in der Realität des Films unsichtbar.“ Koberidze liefert dafür keine Erklärung – und gerade das macht diesen Kunstgriff reizvoll. Vielleicht steht Levan für all jene Menschen, die unseren Lebensweg prägen, ohne jemals wirklich greifbar zu sein. Vielleicht verweist seine Unsichtbarkeit aber auch auf das Kino selbst, das Stimmen und Erinnerungen oft stärker konserviert als Körper. Während Irakli nach seiner Tochter sucht, begleitet ihn eine Figur, die selbst nur als Stimme existiert – als wäre Erinnerung hörbar, aber nicht sichtbar.
Natürlich verlangt Dry Leaf seinem Publikum einiges ab. Drei Stunden lang wiederholen sich Fahrten, Gespräche und Blicke auf Bolzplätze. Die Handlung schreitet nur langsam voran, manches Motiv kehrt häufiger zurück, als es dramaturgisch notwendig wäre. Es gibt Momente, in denen die Geduld auf eine ernsthafte Probe gestellt wird. Doch gerade diese Wiederholung besitzt Methode. Wie beim Fußball entscheidet nicht jede Ballberührung das Spiel. Oft entsteht Bedeutung erst aus dem Rhythmus vieler kleiner Pässe.
Handy-Ästhetik
Hinzu kommt die bewusst grobpixelige Bildästhetik einer alten Handykamera, einem Sony Ericsson Handy aus dem Jahr 2008. Aus technischer Sicht wirkt sie zunächst befremdlich, entwickelt aber zunehmend einen eigentümlichen Reiz. Konturen lösen sich auf, Farben verschwimmen, Gesichter werden zu flüchtigen Eindrücken. Damit knüpft Koberidze an seinen Debütfilm Lass den Sommer nie wieder kommen an, nachdem er mit Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen? zwischenzeitlich auf eine deutlich konventionellere Bildsprache gesetzt hatte. Das Kino erscheint hier nicht als perfektes Abbild der Wirklichkeit, sondern als Erinnerung an sie – ungenau, bruchstückhaft und gerade deshalb erstaunlich lebendig.
Koberidze gelingt damit ein ungewöhnliches Roadmovie, das weniger von einem Ziel erzählt als von den Wegen dorthin. Wie ein Flatterball verweigert sich Dry Leaf jeder geraden Linie. Der Film schlingert zwischen Melancholie, Humor, Naturbeobachtung und Fußballpoesie, verliert unterwegs gelegentlich an Tempo, findet aber immer wieder Bilder von stiller Schönheit.
OT: „Dry Leaf“
Land: Deutschland, Georgien
Jahr: 2025
Regie: Alexandre Koberidze
Buch:Alexandre Koberidze
Musik: Giotgi Koberidze
Kamera: Alexandre Koberidze
Besetzung: David Koberidze, Otar Nijaradze
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