
Ihr Leben lang wollte Margot (Mara Taquin) Ärztin werden. Nach ihrem Studium bekommt sie die Möglichkeit, ihre Ausbildung unter der renommierten Dr. Vergile (Karin Viard) in der Notaufnahme eines großen Krankenhauses zu machen. Bereits nach kürzester Zeit treiben sie das hohe Tempo und der enorme Leistungsdruck an den Rand eines Burnouts. Ein privates Leben außerhalb der Klinik findet nicht mehr statt. Während Margot zunehmend verzweifelt versucht, den Anforderungen ihrer Chefin gerecht zu werden, stellt sie bei immer mehr Patienten ungewöhnliche Kombinationen aus Symptomen fest. Als diese auf sie überspringen und ihr Körper folglich schwerwiegende Veränderungen durchläuft, droht sie die Kontrolle zu verlieren.
Aus Erfahrung geboren
Für ihr Spielfilmdebüt verbindet Regisseurin und Drehbuchautorin Marion Le Corroller Sozialrealismus und Body Horror. Ihre Inspiration zieht sie dabei aus ihrem eigenen akademischen und beruflichen Lebensweg vor ihrem Karrierewechsel. Nach einem Wirtschaftsstudium arbeitete sie mehrere Jahre in der Finanzbranche, bis sie schließlich aufgrund von Überbelastung und eines drohenden Burnouts nach einer beruflichen Neuorientierung suchte. Ihre Erfahrungen mit Leistungsdruck, Überforderung und einer selbst auferlegten Anpassung flossen in die Konzeptualisierung und das Drehbuch zu Species mit ein und schufen die Grundlage für ihren Genrefilm, der einen neuen Blickwinkel auf ein häufig ignoriertes Problem moderner Leistungsgesellschaften wirft.
The monster within
Durch eine vorangestellte Eröffnungssequenz gibt Le Corroller einen ersten Ausblick auf die Motive des Films. Aus vorerst ungeklärten Umständen verliert der Mitarbeiter eines Fastfood-Restaurants seine Contenance und erschlägt einen impertinenten Kunden. Blutunterlaufene Augen, zielgerichtete und fokussierte Brutalität lassen erahnen, dass kein einfacher Kontrollverlust stattfindet, sondern etwas in diesem namenlosen Antagonisten ausbricht. Der darauffolgende Titel Species weist subtil auf ein übergeordnetes Thema hin, das sich mehrfach während des Films wiederfindet. Nach dem fragmentierten Cold-Open setzt die Handlung mit Margots erstem Arbeitstag als Ärztin in Ausbildung ein. Trotz des resoluten und unbarmherzigen Wesens ihrer Vorgesetzten findet sich das Monster weniger in Dr. Vergile als in der Architektur des Krankenhauses wieder. Graue, kalte Wände, durchzogen von langen, verzweigten und rot gefliesten Gängen. Das Gebäude selbst gibt einen ersten metaphorischen Ausblick auf spätere Monstrosität.
Gleichermaßen omnipräsent in Symbolik und Foreshadowing ist Margots graduelle, aus Überforderung und Überbeanspruchung geformte Transformation. Abseits des Kontexts ihrer Arbeit erfolgt kaum charakterliche Einordnung. Letzteres ist narrativ stimmig durch die stetig ansteigende Überbelastung. Ihr Leben dreht sich rein um ihren akademischen Erfolg. Ein Kontakt zur Außenwelt in Form ihres Vaters bleibt kurz angebunden, Sozialisierung oder gar romantische Gefühle zu ihren Kommilitonen sind zum Scheitern verurteilt.
Genau damit visualisiert Le Corroller effektiv das erzwungene Ausblenden des Umfelds zugunsten der Arbeit. Eine Abwärtsspirale, die hier wie in der Realität psychische und physische Folgen mit sich bringt. Margot begreift ihre körperliche Entwicklung weniger als Warnsignal denn als Hindernis, das es zu unterdrücken gilt. Ihre Reaktion darauf ist eine grafisch extremisierte Darstellung psychischer Trotzreaktionen. Statt der Ursache eines Burnouts werden lediglich dessen Symptome bekämpft. Le Corroller zeichnet das Krankenhaus dabei als gesellschaftlichen Mikrokosmos. Die mysteriöse Krankheit wird zum infektiösen Abbild eines kapitalistisch geprägten Leistungsprinzips, die resultierende körperliche Transformation zur evolutionär erzwungenen, aber gleichzeitig folgenschweren Anpassung.
Zwischen Botschaft und Body-Horror
Trotz dessen, dass Species bei der Darstellung körperlicher Abstrusität nie in die grotesken Extrembereiche von The Substance vorstößt, gelingt Marion Le Corroller eine gleichermaßen thematisch wie visuell stimmige Integration des Body-Horrors, dessen vereinzelte Schockmomente ihre Wirkung gerade durch seinen ansonsten kontrollierteren Einsatz entfalten. Le Corrollers bewusst plakative, aber selten extravagante Bildsprache und Robin Couderts treibender, pulsierender Soundtrack erschaffen darüber hinaus eine andauernde, latent spannungsgeladene Atmosphäre. Die eigentliche Stärke von Species liegt damit weniger in seinen Schockmomenten als in der konsequenten Verknüpfung des Body Horrors mit einem wenig subtilen, aber wirkungsvollen Kommentar auf die Mechanismen einer hyperkapitalistischen Leistungsgesellschaft.
OT: „Sanguine“
Land: Frankreich, Belgien
Jahr: 2026
Regie: Marion Le Corroller
Drehbuch: Marion Le Corroller, Thomas Pujol
Musik: Robin Coudert
Kamera: Guillaume Schiffman
Besetzung: Mara Taquin, Karin Viard, Kim Higelin, Sami Outalbali, Clément Bresson, Sonia Faidi, Benjamin Mendes, Stefan Crepon
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