
Kaneko Fumiko (Nahana) verspürt seit ihrer Kindheit einen tiefen Hass auf Autoritäten und gesellschaftliche Zwänge. Ihre offene Ablehnung des japanischen Staates und seiner Institutionen bringt sie immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Als sie und ihr Partner, der koreanische Anarchist Park Yeol (Masaki Miura), wegen eines angeblich geplanten Attentats auf den japanischen Kronprinzen verhaftet werden, verurteilt man beide zum Tode. Während andere in ihrer Lage um Gnade bitten würden, nimmt Kaneko das Urteil beinahe mit Genugtuung entgegen.
Ihre Freude währt jedoch nicht lange. Wenige Monate später wird ihr angeboten, die Todesstrafe in eine lebenslange Haftstrafe umzuwandeln. Dafür muss sie lediglich die Autorität des japanischen Staates anerkennen und ihren bisherigen Überzeugungen abschwören. Kaneko lehnt entschieden ab und zerreißt das Dokument vor den Augen ihrer Bewacher.
Doch Maeda (Takashi Yuki), der Leiter des Gefängnisses, gibt nicht auf. Statt auf offene Gewalt setzt er auf subtilere Methoden, um die junge Frau zum Einlenken zu bewegen. Zu seinem Erstaunen erreicht er damit das Gegenteil: Mit jedem neuen Versuch wächst Kanekos Entschlossenheit. Während die Behörden ihre Stimme zum Schweigen bringen wollen, erkennt sie zunehmend, dass ihre Gedanken und Schriften hinter Gefängnismauern mehr Aufmerksamkeit finden könnten als jemals zuvor in Freiheit.
Die Lügen eines Systems
Sachi Hamano ist zweifelsohne eine der interessantesten Persönlichkeiten der japanischen Filmindustrie. In einer Zeit, in der die Filmlandschaft ihrer Heimat vor allem von Männern dominiert wurde, schaffte sie es, sich als Regisseurin einen Namen zu machen, und hat bis heute mehr als 300 Filme gedreht, die meisten davon im japanischen Erotik- beziehungsweise Pink-Film. In den 1990er Jahren konzentrierte sie sich verstärkt auf historische Frauenfiguren wie beispielsweise die Autorin Yuriko Miyamoto, die die Normen ihrer Zeit infrage stellten.
Kaneko Fumiko, ihr neuestes Werk, bleibt diesem Trend innerhalb ihrer Filmografie treu und befasst sich mit dem Leben der gleichnamigen Anarchistin und Nihilistin. Anders als viele bekannte Biopics begnügt sich Hamano nicht damit, lediglich einen Abschnitt aus Fumikos Leben nachzuerzählen, sondern zeigt eine Persönlichkeit, die provokant, umstritten und bisweilen auch widersprüchlich ist. Vor allem aber betont ihr Film, der zuletzt auf der Nippon Connection 2026 zu sehen war, die Sprengkraft einer Sichtweise, die die Legitimität von Autorität, Klasse und Gehorsam infrage stellt.
Auch wenn ihre Schriften besonders in akademischen Kreisen großen Anklang finden, ist Kaneko Fumiko nach wie vor eine umstrittene Persönlichkeit. Im Gegensatz zu linken Intellektuellen wie Noe Ito oder der bereits erwähnten Yuriko Miyamoto tut sich Japan noch immer schwer mit einer Frau, die für ihre Prinzipien bereit war zu sterben und urjapanische Ideale konsequent ablehnte. Hamanos Film zeigt diesen Aspekt der Hauptfigur als Gegenentwurf zu Nationalismus und Konformismus jener Zeit. Fumiko ist keineswegs ein „rebel without a cause“, denn ihre Haltungen und Überzeugungen ätzen die hohle ideologische Oberfläche ihres Gegenübers Stück für Stück weg, bis die Verwundbarkeit einer Position offensichtlich wird.
Die Dialoge mit Maeda, den Richtern oder den Agenten des Geheimdienstes inszeniert Hamano als intellektuelle Feldzüge, bei denen die vermeintlich Schwächere gar nicht daran denkt, gehorsam etwas hinzunehmen oder in die Defensive zu geraten. Fumiko geht in die Offensive und lässt nicht locker, sobald sie eine Schwachstelle in der ideologischen Rüstung ihres Gegenübers entdeckt hat. Mehr und mehr wird sie zu einer Systemsprengerin, die ironischerweise gerade dann besonders stark wird, wenn man versucht, sie zum Schweigen zu bringen oder zu unterdrücken. Das Gefängnis – jener Ort, der den Widerspruch ersticken soll – wird zur Bühne einer Frau, die das Marionettenhafte der Vertreter eines misanthropischen Systems offenlegt.
Mein bitterer Kelch des Lebens
Kaneko Fumiko ist ein Kammerspiel, das die intellektuelle und emotionale Entwicklung seiner Hauptfigur in den Mittelpunkt stellt. Nahana als Fumiko ist Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Sie verkörpert eine Frau, die nicht nur die angriffslustige Anarchistin und Intellektuelle sein kann, sondern zugleich zutiefst verwundbar ist. Bisweilen ist sie gnadenlos, und ihre Wut trifft nicht immer die Richtigen, etwa wenn sie die Lebenslüge der Frau eines Priesters offenbart und diese damit tief verletzt. Dann wiederum motiviert sie eine Mitgefangene, sich nicht vom System unterkriegen zu lassen und sich nicht den Mund verbieten zu lassen, weil dies letztlich nur größeren Schaden für die eigene Psyche bedeute. Auch ihre Beziehung zu Park Yeol zeigt die Verbindung zweier Menschen, die einerseits nicht länger allein sein wollen, andererseits ihre Prinzipien und Überzeugungen über alles andere stellen – selbst über ihre Gefühle füreinander.
Als essenzieller Begleiter und erzählerischer Rahmen fungieren die Schriften Fumikos. In Kombination mit Nahanas schauspielerischer Leistung betonen sie den fortwährenden Kampf einer Frau gegen ein System, das nur die Peitsche kennt, nicht aber Empathie, und sich letztlich gegen den Menschen selbst richtet. Kaneko Fumiko zeigt den größten Kampf dieser Frau: den Kampf gegen ein System, das sie wegsperren und gefügig machen will und damit nichts anderes offenbart als seine eigene inhärente spirituelle Leere.
OT: Kaneko Fumiko Nani ga watashi o ko saseta ka
Land: Japan
Jahr: 2025
Regie: Sachi Hamano
Drehbuch: Kuninori Yamazaki
Kamera: Kenji Takama
Musik: Shigemi Yoshioka
Besetzung: Nahana, Katsuya Kobayashi, Masaki Miura, Yoriko Doguchi, Kazuko Shirakawa
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