
Ein Jahr nach der niedergeschlagenen ungarischen Revolte von 1956 lebt der jüdische Junge Andor Hirsch (Bojtorján Barabas) mit seiner Mutter Klára (Andrea Waskovics ) in Budapest. Seine ersten Lebenjahre verbrachte er direkt nach Kriegsende in einem Waisenhaus. Seit seiner Rückkehr nährt die Mutter das Bild eines heroischen Vaters, der angeblich im Holocaust ermordet wurde. Für Andor wird dieser unsichtbare Tote zur identitätsstiftenden Figur. Die fragile Ordnung zerbricht, als der grobschlächtige Metzger Mihaly Berend (Grégory Gadebois) auftaucht und behauptet, Andors leiblicher Vater zu sein. Nach und nach deutet sich an, dass Klára sich während der Verfolgung bei Berend versteckte und Schutz nur unter dem Druck sexueller Abhängigkeit erhielt. Für Andor kollidiert nun der Mythos eines moralisch makellosen Widerstandskämpfers mit der körperlichen Präsenz eines Mannes, der zugleich Täter und Retter sein könnte. Während der Junge beginnt, die Geschichten seiner Mutter infrage zu stellen, gerät nicht nur seine Familiengeschichte, sondern auch sein eigenes Selbstbild ins Wanken.
Abschluss einer Trilogie
Mit Andor Hirsch dessen ungarischer Originaltitel Árva also „Waise“ ist, schließt László Nemes seine lose historische Trilogie nach Son of Saul und Sunset ab. Ging es dort um die Vernichtungsmaschinerie der Shoah beziehungsweise die zerfallende Habsburger Monarchie, richtet sich der Blick nun auf die Nachwirkungen von Krieg, Holocaust und gescheiterter Revolution im kommunistischen Ungarn der späten fünfziger Jahre. Nemes interessiert dabei weniger historische Rekonstruktion im klassischen Sinn als die Frage, wie Gewalt in Familien weiterlebt und wie Erinnerung zur Überlebensstrategie wird.
Der Titel verweist auf eine doppelte Verwaisung. Andor besitzt zwar eine Mutter, bleibt aber genealogisch heimatlos, weil die Wahrheit über seinen Vater hinter widersprüchlichen Erzählungen verborgen liegt. Zugleich erscheint auch das Ungarn nach 1956 als verwaistes Land ohne moralische Orientierung. Nemes verbindet das Politische konsequent mit dem Privaten: Die Krise einer Familie wird zum Spiegel eines Staates, der seine Traumata lieber verdrängt als aufarbeitet.
Klaustrophobische Bildsprache
Formal entfernt sich der Regisseur dabei etwas von der radikalen Strenge von Son of Saul. Zwar bleibt die Inszenierung stark subjektiv an Andors Wahrnehmung gebunden, doch die Kamera verfolgt die Figuren nicht mehr permanent. Gemeinsam mit Kameramann Mátyás Erdély entwickelt Nemes eine klassischer komponierte, aber weiterhin klaustrophobische Bildsprache im engen 4:3-Format. Die gedeckten, sepianahen Farben, Hinterhöfe, Treppenhäuser und engen Wohnungen erzeugen ein Budapest, in dem man die Spuren des Krieges noch sichtbar sind. Hervorzuheben ist das Produktionsdesign: Ruinen, improvisierte Reparaturen und sozialistische Propagandasymbole machen die Stadt zu einem Ort des Provisorischen, in dem Vergangenheit des Krieges und sozialistische Gegenwart unauflösbar ineinander greifen.
Der junge Bojtorján Barabas ist eine optimale Besetzung für die Titelrolle. Sein Andor ist keine leicht zugängliche Identifikationsfigur, sondern ein verletzter, oft aggressiver Junge, dessen Wut immer wieder in impulsiven Handlungen explodiert. Das lässt ihn stellenweise unsympathisch wirken, dennoch verliert man nie das Intersse an seiner Person. Barabas spielt viel über Körperhaltung und Blicke. Häufig wirkt Andor zusammengesunken und verloren, nur um plötzlich mit eruptiver Energie auszubrechen. Darin erinnert er tatsächlich an Jean-Pierre Leaud als Antoine Doinel in François Truffauts Sie küssten und sie schlugen ihn.
Auch Andrea Waskovics überzeugt als Mutterfigur zwischen Fürsorge, Scham und Verdrängung. Klára wird nie zur bloßen Lügnerin reduziert, sondern erscheint als Überlebende, deren moralische Kompromisse aus existenzieller Not entstanden sind. Besonders stark ist jedoch Grégory Gadebois als Berend. Seine physische Präsenz dominiert jede Szene, in der er auftritt. Gleichzeitig legt Gadebois unter die Grobheit der Figur eine fast verzweifelte Bedürftigkeit. Der Film verweigert einfache Kategorien von Täter und Opfer und gewinnt gerade daraus seine größte Stärke.
Etwas zu lang geraten
Allerdings hat „Andor Hirsch“ auch deutliche Schwächen. Mit 133 Minuten ist der Film spürbar zu lang geraten. Nemes erzählt extrem entschleunigt, manche Szenen wirken eher wie Variationen bereits etablierter Konflikte als wie dramaturgische Zuspitzungen. Anders als Son of Saul, dessen formale Radikalität permanent unter Spannung stand, verliert Andor Hirsch zwischendurch an Intensität. Die narrative Konventionalität macht den Film zwar zugänglicher, nimmt ihm aber auch etwas von der kompromisslosen Wucht früherer Arbeiten.
Trotz alledem bleibt Andor Hirsch ein bemerkenswertes Werk über das Weiterwirken verdrängter Gewaltgeschichte. Nemes zeigt keine Befreiung nach dem Krieg, sondern einen Zustand permanenter innerer Belagerung. Die Figuren leben in einer Welt, in der jede Erinnerung zugleich Schutzbehauptung und Selbsttäuschung ist. Gerade darin liegt die Aktualität des Films: Autoritäre Systeme profitieren von verdrängten Geschichten und zerstörten familiären Wahrheiten. Andor Hirsch formuliert daraus kein pathetisches Geschichtsdrama, sondern ein trotz diverser Längen düsteres, psychologisch dichtes Familienporträt, denn die atmosphärische Kraft und die moralische Ambivalenz machen den Film zu einem sehenswerten Beitrag des europäischen Autorenkinos.
OT: „Árva“
Land: Ungarn, Frankreich, Deutschland, Vereinigtes Königreich, Zypern
Jahr: 2025
Regie: László Nemes
Buch: László Nemes, Clara Royer
Musik: Evgueni Galperine, Sacha Galperine
Kamera: Mátyás Erdély
Besetzung: Barabás Bojtorján, Andrea Waskovics, Grégory Gadebois, Elíz Szabó, Sándor Soma, Hermina Fátyol, Konrád Quintus, Marcin Czarnik
Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
(Anzeige)






