Fjord
© Alamode Film

„Fjord“ // Deutschland-Start: Anfang 2027 (Kino)

Inhalt / Kritik

Gemeinsam mit ihren fünf Kindern emigrieren Mihai (Sebastian Stan) und Lisbet Gheorghiu (Renate Reinsve) aus Rumänien in Lisbets Geburtsort, ein kleines Dorf an der norwegischen Küste. In kürzester Zeit freunden sie sich mit einer benachbarten Familie, den Halbergs, an. Als Lehrer der örtlichen Schule Mihai und Lisbet jedoch verdächtigen, ihre Kinder zu misshandeln, gerät ihre Familie in das Visier der Behörden und ihr neues Leben in Norwegen droht zu scheitern.

Mungius nächster Cannes-Triumph

Mit Fjord feiert Christian Mungiu nicht nur seine Rückkehr an die Croisette, sondern erhält nach seinem Sieg im Jahr 2007 mit 4 Monate 3 Wochen 2 Tage zum zweiten Mal den Hauptpreis der Filmfestspiele von Cannes, die Palme d’Or. Aber auch in der Zwischenzeit war er ein gern gesehener Gast an der französischen Südküste und gewann sowohl 2012 mit Beyond the Hills als auch 2016 mit Graduation die Preise für das beste Drehbuch und die beste Regie. Als Vertreter der rumänischen New Wave thematisiert er mit Fjord erneut politische und gesellschaftliche Fragen, die tief in rumänischer Kultur verwurzelt sind, verlagert den Schauplatz diesmal allerdings nach Norwegen.

Kollision der Weltbilder

Mit der Vorstellung beider Familien etabliert Mungiu kulturelle Unterschiede, die in Fjords späterem Handlungsverlauf an Relevanz gewinnen sollen. Die Halbergs fungieren dabei als Paradebeispiel progressiv geprägter skandinavischer Kultur. Dementsprechend sind sie liberal, egalitär, säkular geprägt und generell vertrauensvoll gegenüber ihren Gesetzen und staatlichen Institutionen. Dem idealisierten Bild eines rationalen Nordens setzt der Film osteuropäischen Konservatismus und religiösen Fundamentalismus entgegen. Die Erziehung durch Mihai und Lisbet ist stattdessen geprägt durch religiöse Werte sowie ein autoritäres und hierarchischeres Familienverständnis. Die Gheorghius sind zwar bereit, sich dem norwegischen System anzupassen, geben damit aber ihre eigenen ideologischen und religiösen Wertevorstellungen nicht auf. Auf der Grundlage des Kontrasts zwischen der säkular progressiven Selbstwahrnehmung skandinavischer Länder und dem Weltbild einer Familie, das stärker durch Religion, Tradition und Misstrauen gegenüber staatlicher Einmischung bestimmt ist, baut Mungiu Fjords Prämisse auf.

Ambivalenz als Prinzip

Konkret manifestiert sich dieser Konflikt durch den Verdacht, dass Mihai und Lisbet körperliche Züchtigung als Bestrafung ihrer Kinder anwenden. Inszenatorisch impliziert durch eine Schürfwunde im Gesicht von Elia, der ältesten Tochter der Gheorghius. Nach einer Befragung der Kinder durch die Schule und des Vaters durch die Polizei nimmt der norwegische Child Protection Service seinen Dienst auf und bringt die Kinder zu Pflegefamilien. Aus der Perspektive westlicher Weltanschauung mag die Bewertung klar sein: Körperliche Strafen, insbesondere bei Kindern, sind als inakzeptabel zu bewerten und die Reaktion norwegischer Behörden somit folgerichtig. Mungiu ist jedoch nicht an moralischer Definität interessiert. Über die wahre Herkunft der Schürfwunde und das tatsächliche Ausmaß körperlicher Bestrafung lässt er seine Zuschauer bewusst im Unklaren.

Seine Darstellung der Gheorghius bleibt trotz konservativer Weltanschauung im Laufe des Films zutiefst menschlich. Dem gegenüber stellt er Vertreter des Child Protection Service, speziell eine Mitarbeiterin und einen Anwalt, die empathielos und kalt, einzig als verlängerter Arm des Staats und der Gesetzgebung dargestellt sind. Fjord versucht Zuschauer durch diese Ambivalenz zu zwingen, die eigenen moralischen Werte zu hinterfragen, ist in seiner Provokation jedoch nicht konsequent genug, um ein herausforderndes und nachhaltig interessantes Spannungsfeld entstehen zu lassen. Die Uneindeutigkeit des Films bleibt dadurch zwar permanent präsent, entwickelt jedoch weder emotional noch intellektuell die notwendige Schärfe, um wirklich herauszufordern.

Über den gesamten Film hinweg verfolgt Mungiu diesen Ansatz konsequent weiter. Sein vehementes Verweigern moralischer Bewertung führt jedoch besonders zu Beginn von Fjord zu deplatziert wirkenden Szenen. Die Darstellung rebellischen und selbstverletzenden Verhaltens der Tochter der Halbergs dient beispielsweise lediglich dazu, eine gewisse Dysfunktion beider Familienmodelle zu unterstreichen, wirkt dabei jedoch unnötig plakativ und ungeschickt integriert. Speziell die Freundschaft der beiden Töchter und später der beiden Mütter impliziert die graduelle Annäherung und Überwindung kultureller Diskrepanzen, erreicht allerdings nie die notwendige emotionale Gravitas. Während des Gerichtsverfahrens im letzten Akt entsteht zunehmend der Eindruck, dass Mungiu dem Publikum bewusst Informationen vorenthält, etwa konkrete Aussagen der Kinder, um die moralische Grauzone seines Films konsequent aufrechterhalten zu können. Letztlich transportiert Fjord eine klare Botschaft über die Abwesenheit eindeutiger Wahrheiten und die Notwendigkeit gegenseitigen Dialogs, wirkt in seinem Bemühen um permanente Ambivalenz jedoch zu kalkuliert, wodurch das Gesamtbild nicht immer vollständig stimmig erscheint.

Symbolik in der Kälte des Nordens

Sebastian Stan und Renate Reinsve verleihen ihren Figuren eine Menschlichkeit, die ihre kulturelle und ideologische Prägung nie zur alleinigen Definition ihrer Persönlichkeit werden lässt. Statt ideologischer Karikaturen zeichnen ihre zurückhaltenden Darstellungen zwei vielschichtige Figuren, die zwischen kultureller Prägung, familiärer Verantwortung und emotionaler Überforderung gefangen sind. Speziell Stan bewegt sich dabei konstant auf dem schmalen Grat zwischen nachvollziehbarer Frustration und erzwungener Zurückhaltung. Unterstützt wird dies durch Mungius zurückhaltende Inszenierung und besonders Tudor Vladimir Pandurus nüchterne Kameraarbeit. Die kühlen Bilder norwegischer Landschaften vermitteln permanente Distanz und funktionieren gleichzeitig als visuelle Erweiterung eines Systems, dessen institutionelle Rationalität zunehmend entmenschlichend wirkt.

Credits

OT: „Fjord“
Land: Rumänien, Norwegen, Dänemark, Finnland, Schweden, Frankreich
Jahr: 2026
Regie: Christian Mungiu
Drehbuch: Christian Mungiu
Musik: Kaspar Kaae
Kamera: Tudor Vladimir Panduru
Besetzung: Sebastian Stan, Renate Reinsve, Lisa Carlehed, Ellen Dorrit Peterson, Lisa Loven Kongsli, Henrikke Lund-Olsen 

Trailer

Filmfeste

Cannes 2026

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.



(Anzeige)

Fjord
fazit
Christian Mungiu bleibt sich auch mit "Fjord" als Beobachter gesellschaftlicher und moralischer Spannungsfelder treu. Zwischen skandinavischer Liberalität und osteuropäischem Konservatismus entwickelt er ein bewusst uneindeutiges Drama, das seine Zuschauer zur Reflexion eigener moralischer Werte zwingen möchte. Seine größte Stärke im beharrlichen Verweigern klarer Antworten nimmt dem Film jedoch gleichzeitig jene emotionale Konsequenz, die seine moralische Grauzone nachhaltige Wirkung entfalten ließe.
Leserwertung0 Bewertungen
0
7
von 10