
Sehr viel gemeinsam haben Valentin Arregui Paz (Diego Luna) und Luis Molina (Tonatiuh) auf den ersten Blick ja nicht. Und doch führt sie das Schicksal zusammen, als sie beide 1983 in derselben Gefängniszelle landen. Während der ernste Valentin ein politischer Gefangener ist, verurteilt wegen seiner Aktivitäten für eine Dissidenten-Gruppe, da wurde Luis für öffentliche Unzucht hinter Gittern gebracht. Denn in Argentinien ist gleichgeschlechtlicher Sex verboten. Zunächst kommen die beiden kaum miteinander aus, können nicht wirklich etwas miteinander anfangen. Doch Luis ist fest entschlossen, dem Mitgefangenen von dem Hollywoodfilm Kiss of the Spider Woman zu erzählen, in dem die Diva Ingrid Luna (Jennifer Lopez), das große Idol von Luis, die Hauptrolle spielt …
Neufassung des Klassikers
1976 veröffentlicht, hat der Roman Kiss of the Spider Woman von Manuel Puig ein beachtliches Eigenleben entwickelt. So gab es 1985 eine erste Verfilmung, bei dem preisgekrönten Drama Der Kuss der Spinnenfrau spielten William Hurt und Raul Julia die Hauptrolle. 1992 wurde der Stoff in Form eines Musicals noch einmal neu erzählt. Jetzt kommt mit Kiss of the Spider Woman ein weiterer Film heraus, diesmal basierend auf dem besagten Musical. Es handelt sich also nur bedingt um eine Neuauflage des oben genannten Films, auch wenn die Vergleiche natürlich naheliegend sind, angesichts der engen Verwandtschaft. Und zumindest im Hinblick auf die Aufmerksamkeit ist die zweite Fassung ein Debakel geworden. An den US-Kassen floppte das Werk gewaltig, hierzulande tut der Verleih so, als gäbe es dieses gar nicht.
Das ist schade, weil der Film durchaus seine Qualitäten hat. So ist die Geschichte heute so aktuell wie vor 50 Jahren, als der Roman auf den Markt kam. Natürlich ist das Setting ein sehr spezifisches. Ursprünglich im Argentinien 1975 angesiedelt, findet das Geschehen nun acht Jahre später statt, zum Ende der Militärdiktatur. Doch beide Varianten handeln letztendlich von einem Staat, der seine eigene Bevölkerung terrorisiert und Andersdenkende verfolgt. Das ist eine Erfahrung, welche die heutige deutsche Bevölkerung eher nicht kennt. Doch hinter diesem Setting finden sich in Kiss of the Spider Woman Themen, die sehr wohl bei einem gegenwärtigen Publikum funktionieren. Da ist beispielsweise die Bedeutung von Kunst als Mittel, mit der Welt klarzukommen, wenn die Grenzen zwischen Fantasie und Realität verschwimmen.
Abrupter Wechsel
Stärker als es der erste Film tat, arbeitet die Adaption von Regisseur und Drehbuchautor Bill Condon (Die Schöne und das Biest, The Good Liar – Das alte Böse) mit starken Kontrasten. So könnten die Szenen, die in dem heruntergekommenen Gefängnis mit den brutalen Wachleuten spielen, kaum unterschiedlicher sein im Wechsel mit den Musical-Szenen, die dem Glamour alter Hollywood-Streifen nacheifern. Gleichzeitig gibt es Schnittmengen, wenn in Kiss of the Spider Woman die beiden Insassen als Alter Egos ebenfalls in dem Musical mitwirken. In mancher Hinsicht fungieren die beiden Welten als Spiegel voneinander, wenn sich nicht nur die Gesichter, sondern auch Teile des Inhalts wiederholen.
Das ist als Idee interessant, in der Umsetzung dennoch etwas schwierig. Denn während die die vorgestellten Szenen den Bombast zelebrieren, sollen die anderen realistisch sein. Doch auch diese haben oft etwas Künstliches, wirken eher wie ein Theaterstück als wie ein Blick in ein reales Leben. Die Annäherung der beiden Figuren wird zwar gezeigt, ganz nachzufühlen ist das aber nicht. Kiss of the Spider Woman wirkt nie wirklich echt, weshalb die intimen Momente keinen ganz so großen Eindruck hinterlassen. Das Drama, welches 2025 in Sundance Weltpremiere hatte, hat zweifelsfrei seine Momente, ist deutlich besser, als es die geringe Resonanz vermuten lässt. Und doch bleibt am Ende das Gefühl zurück, dass da etwas fehlt.
OT: „Kiss of the Spider Woman“
Land: USA
Jahr: 2025
Regie: Bill Condon
Drehbuch: Bill Condon
Vorlage: Manuel Puig
Musik: Sam Davis, Kander and Ebb
Kamera: Tobias A. Schliessler
Besetzung: Diego Luna, Tonatiuh, Jennifer Lopez
Sundance 2025
Locarno 2025
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