Acht Geschwister
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Acht Geschwister

„Acht Geschwister“ // Deutschland-Start: 9. Februar 2023 (Kino)

Inhalt / Kritik

Es gehört ein wenig zum Leben dazu, dass man sich mit den Jahren aus den Augen verliert und nicht mehr so viel Zeit miteinander verbringt. Da braucht es manchmal richtig Arbeit, um alte Beziehungen aufrechtzuerhalten. So wie bei Arno, Ewald, Johannes, Anita, Heinz, Waldemar, Edith und Werner. Einmal im Jahr treffen sich die acht Geschwister, um Zeit miteinander zu verbringen. Selbstverständlich ist das nicht, nicht in einer Zeit, in der schon der Alltag es manchmal unmöglich macht sich zu sehen. Es ist erst recht nicht selbstverständlich, wenn man das Alter des Oktetts berücksichtigt: Die sechs Brüder und zwei Schwestern wurden zwischen 1933 und 1943 geboren. Selbst das Nesthäkchen der Familie wird dieses Jahr also stolze achtzig Jahre alt werden.

Erinnerungen an früher

Bei zusammengerechnet weit über 650 Jahren Lebenserfahrung kommen natürlich unzählige Geschichten zusammen. Viel zu viele Geschichten, als dass man sie in einen einzigen Film packen könnte. Notgedrungen konzentriert sich Acht Geschwister daher auf Ausschnitte aus den Leben. Genauer ist es die gemeinsame Kindheit, die hier noch einmal in Gedanken nacherlebt wird. Da geht es um die Jahre auf dem Familienhof in einem kleinen Dorf im Pommern. Und es geht natürlich um die Kriegsjahre, die nicht spurlos an ihnen vorübergegangen sind. An einer Stelle erinnern sie sich beispielsweise daran, wie der Vater von den Russen hingerichtet werden sollte, da er ihnen verdächtig vorkam. Nur das Eingreifen eines ukrainischen Landarbeiters war es zu verdanken, dass er „nur“ in ein sibirisches Gefangenenlager kam.

Der Dokumentarfilm besteht aus lauter solchen Anekdoten und Erinnerungen, die beim gemeinsamen Ausflug in die Vergangenheit wieder hochkommen. Viel hat sich geändert in dem Dorf, das im heutigen Polen liegt und zum Ziel der geschwisterlichen Reise wird. Und doch kommen die Geschichten zurück, mal direkt, mal auf Umwegen, oft im Rahmen von Gesprächen, welche die acht führen. Regisseur Christoph Weinert begleitet die Senioren und Seniorinnen physisch und mental, ohne dabei eine bestimmte Richtung vorzugeben. Entsprechend wirkt das manchmal etwas ziellos. Die Rekonstruktion der Familiengeschichte folgt keinem Pfad, sondern erfolgt eher intuitiv. Es gibt auch keinen Versuch, von außen Struktur oder Kontexte zu erschaffen. Der Zugang bleibt immer ein persönlicher.

Eine Familie als Spiegel Deutschlands

Der Dokumentarfilm, der bei den Hofer Filmtagen 2022 lief, richtet sich daher an ein Publikum, das sich für solche Einzelschicksale interessiert. Bei Acht Geschwister geht es nicht um Wissensvermittlung, geht es nicht direkt um Krieg oder die Zeit danach. Und doch haben diese Erinnerungen etwas Universelles an sich. Vieles von dem, was den acht und ihrer Familie widerfahren ist, steht stellvertretend für die neuere deutsche Geschichte. Das betrifft einerseits die angesprochenen Kriegsjahre. Es betrifft aber auch die Zeit des Kalten Krieges und der Teilung Deutschlands, die viele Familien auseinanderriss. Umso bemerkenswerter ist, dass diese Jahrzehnte, die so große Spuren hinterlassen haben, aber nie zum großen Bruch führten. Da sind acht, die sich doch noch nahe geblieben sind, selbst wenn man sich manchmal etwas ruppig ins Wort fällt.

An manchen Stellen würde man sich wünschen, doch noch etwas mehr über die acht als Individuen zu erfahren. So legt der Film einen großen Fokus auf die gemeinsame Geschichte und bastelt auf diese Weise an einer eigenen kleinen Saga, die man sich auch gut als Spielfilmvariante oder TV-Serie vorstellen könnte. Man erfährt aber recht wenig über die Einzelschicksale, wie sie losgelöst von der Familie weitergingen. Allgemein gelingt es nur bedingt, den acht Menschen eigene Konturen zu geben, das verschwimmt schon sehr im Kollektiv. Aber das ließ sich in dem Format vermutlich auch nicht wirklich bewerkstelligen. Für sich genommen ist der Dokumentarfilm dennoch sehr sehenswert und hat den Charme eines alten Fotoalbums, in dem man blättert und sich an vieles erinnert, glückliche wie weniger glückliche Tage.

Credits

OT: „Acht Geschwister“
Land: Deutschland
Jahr: 2022
Regie: Christoph Weinert
Drehbuch: Christoph Weinert
Musik: Achim Gieseler
Kamera: Jürgen Heck

Bilder

Trailer



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Acht Geschwister
fazit
„Acht Geschwister“ begleitet sechs Brüder und zwei Schwestern, die in ihr altes Heimatdorf fahren und dort ihren Erinnerungen freien Lauf lassen. Auch wenn die acht als Individuen nicht genug Raum bekommen, wird doch eine spannende Familiengeschichte daraus, die zugleich stellvertretend für die neuere deutsche Geschichte steht.
Leserwertung12 Bewertungen
5.4