Human Factors Der menschliche Faktor
© Klemens Hufnagl / Zischlermann Filmproduktion

Der menschliche Faktor

Human Factors Der menschliche Faktor
„Der menschliche Faktor“ // Deutschland-Start: 30. Juni 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Die Eheleute Nina (Sabine Timoteo) und Jan (Mark Waschke) führen gemeinsam eine große Werbeagentur im Hamburg. Zusammen mit Teenagertochter Emma (Jule Hermann) und Sohn Max (Wanja Kube) machen sie den Eindruck einer modernen Vorzeigefamilie: liberal, großzügig, aufgeschlossen. Aber in letzter Zeit herrscht dicke Luft, denn Jan will für die Agentur die Wahlkampagne einer nicht genannten, vermutlich rechtspopulistischen Partei an Land ziehen. Er verhandelt im Geheimen, doch die Presse bekommt Wind davon. Nina muss die Nachricht in der Zeitung lesen, weil Jan sie nicht eigeweiht hat. Um die Wogen zu glätten, fahren sie übers Wochenende ins Ferienhaus an der belgischen Küste. Aber dort wartet der nächste Aufreger: Jemand ist in das Haus eingedrungen und flüchtet, während sich die Familie gerade einrichtet. Zumindest hat Nina das so wahrgenommen. Ob es wirklich stimmt, darum dreht sich ein wichtiger Aspekt des Films.

Medialer Overkill

Ganz sachte schwebt die Kamera durch die abgedunkelten Räume des belgischen Domizils. Sie schwenkt, tastet die Einrichtung ab, setzt sich dann in Bewegung, schaut sich um. Unbehagen macht sich breit, ein aus dem Horrorgenre bekanntes Muster der visuellen Verunsicherung. Aber es lauern keine Monster oder Zombies in irgendwelchen Verstecken, sondern die Kamera schaut irgendwann durch ein Fenster und zeigt das Familienauto, das gerade angekommen ist. Mutter und Sohn treten als erste ein. Doch die subjektive Kamera heftet sich nur einen Moment an ihre Fersen. Sie bleibt vorerst selbstständig und wartet auf den Vater, folgt ihm bis ins Wohnzimmer, wo er die Jalousie hochzieht und erstmal Luft ins Ferienhaus hereinlässt. Derweil sitzen die Kinder schon auf dem Sofa und haben den Fernseher angestellt. Vater Jan ärgert sich darüber nicht, er sorgt sich um seine eigene Ablenkung vom gemeinsamen Erleben. Wo ist das Handy? Nein, nicht das, was er in der Hand hält. Sondern das Büro-Handy.

Bereits in den ersten Minuten etabliert der Südtiroler Regisseur Ronny Trocker die zentralen Themen seines zweiten langen Spielfilms: Zum einen die subjektive Perspektive, die durch die Kameraführung etabliert wird und inhaltliche Bedeutung bekommt, weil man sich in der gezeigten Familie und der Gesellschaft insgesamt immer weniger auf eine gemeinsame Sichtweise einigen kann. Alles hängt davon ab, durch welche Brille ein Ereignis betrachtet wird. Jeder nimmt die Welt aus einem Blickwinkel wahr, der sich von dem der anderen unterscheidet. Schon der Japaner Akira Kurosawa greift in Rashomon (1950) ein vergleichbares Phänomen auf, wenn er dieselbe Handlung mehrmals aus der Sicht von unterschiedlichen Beteiligten erzählt.

Der menschliche Faktor übernimmt dieses Verfahren zum Teil, ohne es komplett zu kopieren. Denn die Welt hat sich seit Kurosawas Meisterwerk gravierend verändert, durch Handys, soziale Medien und den Overkill an Informationen. Das ist das zweite Thema von Trockers Film, das mit dem ersten zusammenhängt: Weil jeder in seiner Blase festhängt und gar nicht mehr richtig mit den realen Menschen in seinem Umfeld kommuniziert, zerfällt die „analoge“ Gemeinschaft in einem Ausmaß, das man vor 70 Jahren als Alptraum empfunden hätte. Und das ironischerweise bei Eheleuten, die eigentlich ausgewiesene Kommunikationsexperten sein sollten.

Puzzlespiel mit zu vielen Teilen

Um Missverständnissen vorzubeugen: Der menschliche Faktor ist keineswegs ein Thesenfilm oder eine soziologische Studie, die ihre Charaktere als Platzhalter für abstrakte wissenschaftliche Thesen oder politische Überzeugungen missbrauchen würde. Aber die Kenntnis der verhandelten Themen ist nützlich, weil der Film das Konzept der Multiperspektivität auch auf den Zuschauer ausdehnt und man sich ohne eine gewisse Vorkenntnis noch schlechter in ihm zurechtfindet. Selbst nach der letzten Wiederholung des – wirklichen oder vermeintlichen? – Einbruchsgeschehens sind unterschiedliche Meinungen darüber möglich, was tatsächlich passiert ist. Das ist so gewollt, weil der Film im Verhältnis zum Zuschauer keine Illusion aufbauen möchte, die er formal und inhaltlich erschüttert und in Frage stellt. Jeder Zuschauer soll sich seinen eigenen Film zusammensetzen, auch wenn es anstrengend und – je nach persönlichen Sehgewohnheiten – unbefriedigend ist.

Leider übertreibt es Ronny Trocker, der auch das Drehbuch geschrieben hat, mit dem filmischen Verwirrspiel. Denn er belässt es nicht bei Wiederholungen desselben Geschehens aus unterschiedlichen Perspektiven, sondern erzählt zudem achronologisch. Wenn die Handlung also nach Ausflügen zur Hamburger Wohnung und in die Werbeagentur wieder an den Moment der Ankunft im belgischen Ferienhaus zurückkehrt, könnte es nicht nur sein, dass die Kamera der Perspektive eines anderen Familienmitglieds auf das eingangs erwähnte Wochenende folgt. Es könnte sich genauso gut um ein weiteres Wochenende handeln.

Wer nicht mitdenkt und auf kleinste Details achtet, kann dabei leicht auf falsche Fährten geraten. Dieses Puzzle ist gewollt, aber es eignet sich nur für Zuschauer, die ein hohes Maß an Rätselei und Verwirrung genießen können. Das ist schade, denn die unaufhaltsame Auflösung einer Vorzeigefamilie wird von den Darstellern überzeugend verkörpert. Und das Thema der Sprachlosigkeit nach innen bei gleichzeitiger Dauerkommunikation nach außen hätte eine publikumswirksamere Verarbeitung verdient.

Credits

OT: „Human Factors“
Land: Deutschland, Italien, Dänemark
Jahr: 2021
Regie: Ronny Trocker
Drehbuch: Ronny Trocker
Musik: Anders Dixen
Kamera: Klemens Hufnagl
Besetzung: Sabine Timoteo, Mark Waschke, Jule Hermann, Wanja Kube, Hannes Perkmann, Daniel Séjourné

Bilder

Trailer

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Der menschliche Faktor
Fazit
In seinem zweiten Spielfilm zeigt der Südtiroler Regisseur Ronny Trocker den sehenswert fotografierten Zerfall einer Vorzeigefamilie. Leider übertreibt er die Verrätselung des Geschehens, sodass nach viel versprechendem Beginn am Ende zu viele Fragen offen bleiben.
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